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Weihnachtsansprache – D. Bolz

L II: Hebr 1, 1-6 / Ev: Joh 1, 1-18 (Kf)

Liebe in Festfreude versammelte Schwestern und Brüder!
„Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. Im Anfang war es bei Gott.“ Finden Sie nicht auch, dass diese Worte an Weihnachten einen ganz unterschiedlichen Klang in unseren Ohren erzeugen können? Da sagen die einen: Das hört sich an wie ein Gedicht voller Poesie. Die andere dagegen: Ja, wo um alles in der Welt, geht es denn hier um Weihnachten? Wo geht es hier um den Frieden Gottes in dieser Welt, den die Engel auf den Feldern verkündet haben?
Ich hoffe, Sie sind jetzt nicht entsetzt, wenn ich am Festtag des Friedens einen Begriff bemühe, den wir häufig alles andere als mit Frieden in Verbindung bringen. Es ist der Begriff: Sprengstoff. Dieser wird ja normalerweise für kriegerische Zwecke verwendet. Selbstmordattentäter benutzen ihn, um sich selbst und andere zu töten – wie wir in diesem Jahr nur allzu häufig wieder in den Nachrichten sehen und hören mussten. Mit Sprengstoff werden ganze Landstriche unbewohnbar gemacht, wie Syrien, der Jemen und andere Gebiete zeigen. Sprengstoff dient aber nicht nur dazu Gewalt gegen andere auszuüben, er wird auch benötigt beim Bau von Straßen und Tunneln, beim Arbeiten in Bergwerken. Sprengstoff ist also überaus gefährlich, aber auch für vieles dringend notwendig.
Weshalb ich Ihnen das sage? Weil Worte und Berichte manchmal auch etwas sehr explosives an sich haben und oft eine ähnliche Wirkung an den Tag legen wie Sprengstoff. Sensationsmedien oder sogenannte „Revolverblätter“ arbeiten sogar überaus gerne damit. Ihre Meldungen sollen aufrütteln und Interesse wecken; sie sollen die Neugierde der Menschen entfachen. Denken wir nur mal an die Enthüllungen so mancher handfesten politischen Skandale weltweit, an Rücktritte und politische Auseinandersetzungen, an menschliche Tragödien und schreckliche Unfälle, an royale Ehe-Scharmützel und krachend inszenierte VIP-Trennungen – und nicht zuletzt: Denken wir auch an die schrecklichen Enthüllungen in unserer Kirche selbst. Angefangen vom sexuellen Missbrauch bis in hohe klerikale Ämter, über daraus resultierende bischöfliche Auseinandersetzungen, wie damit umzugehen ist bis hin zur nicht realisierbaren Einheit darüber, wie der Kommunionempfang von evangelischen Schwestern und Brüdern bei uns zu sehen und zu händeln ist. Alles Punkte, die in und durch die Medien wie Sprengstoff dahergekommen sind. Und es wird mir bei all dem wieder neu bewusst: Selbst Unbeteiligte und Unschuldige können hier ganz schnell unter die Räder kommen. Denn: Worte können verletzen und vernichten; sie können aber auch aufrichten, trösten und heilen.
Wir feiern zusammen Weihnachten. Ist aber dieses Geheimnis der Menschwerdung Gottes nicht auch so etwas, wie ein gewaltiger Sprengstoff? Vielleicht stellen sich ob solcher Gedanken bei manchem von uns jetzt die sprichwörtlichen Nackenhaare in die Höhe. Denn Weihnachten ist doch ein Fest der Familie und des Friedens. Nur: Das will ich damit auch gar nicht in Abrede stellen. Natürlich ist Weihnachten ein Fest der Gefühle, ein Fest der Erinnerungen, des Beschenkt-Werdens und des Schenkens. Dies alles hat seinen festen Platz und das soll auch gar nicht wegdiskutiert oder verniedlicht werden. Ich finde es ja auch gut, dass sich gewisse Bräuche erhalten haben und dass selbst Nichtchristen mit Bäumen, Geschenken und einem guten Essen Weihnachten feiern. Auch und gerade dann, wenn die Integrationsbeauftragte unserer Regierung dafür das Wort Weihnachten gar nicht mehr in den Mund nehmen will. Aber für uns, die wir Überzeugungstäterinnen und –täter sind, kann das in meinen Augen nicht alles sein. In der Botschaft von Weihnachten, da verbirgt sich doch weit mehr.
Wir Christen glauben, dass der einstmals ferne und unsagbare Gott sich uns Menschen in Jesus von Nazareth in einzigartiger Weise zugewandt hat und einer von uns wurde. Die Menschwerdung Gottes gehört also zu den ganz festen und unabänderlichen Grundsätzen unseres Glaubens. Es ist eine Glaubensaussage – die aber bis ins Letzte gedacht – einen immensen Sprengstoff für diese Welt beinhaltet. Denn hier wurde etwas ganz Neues mit einer immensen Kraft geschaffen und es geschieht alles – so paradox das auch klingen mag – in scheinbar himmlischer Ruhe. Sicher: Mögen andere große Propheten und Religionsstifter durchaus auch die Nähe Gottes erfahren und gespürt haben; aber in Jesus Christus, da wird das Wort Gottes „Fleisch“. Da macht sich dieser Gott verbindlich, legt er sich fest auf seine Liebe zu uns.
Das ist die Ungeheuerlichkeit, die Sprengkraft von Weihnachten, dass mir nicht nur einer sagt, dass er mich liebt, sondern er liebt mich so sehr, dass diese Liebe Mensch wird. Aus einer Idee, einem Gedanken wird ein Dabeisein, ein Mitgehen – verbindlich und ganz konkret. Für die griechischen Kirchenväter ist genau diese Menschwerdung Gottes in Jesus die eigentliche Erlösungstat Gottes. Vorher war alles nur Vergänglichkeit und Endlichkeit. Aber in dem Gott selbst unsere menschliche Natur annimmt, so ihr Gedanke, erhebt er uns. Er erfüllt unsere Sterblichkeit mit seiner Unsterblichkeit.
Und was heißt das jetzt für uns heute? Viele unserer Zeitgenossen erkennen ja durchaus, dass sie einen immensen Wunsch nach Erlösung in sich tragen. Aber viele suchen eine Art Selbsterlösung oder gieren nach Angeboten, die auch von Erlösung reden: von Gesundheit, Spaß, Reichtum, Schönheit, langem Leben usw. Doch das meint die biblische Botschaft von Weihnachten nicht. Gott hat uns seinen Sohn gesandt, damit wir ein Bild von ihm – von Gott selbst haben und damit wir uns an seiner Botschaft ausrichten können. Und diese Botschaft heißt: Du Mensch – in all deiner Gebrochenheit, in all deinem Kummer und deinen Sorgen, in all deinen Ängsten und Krankheiten, in all deiner Schuld und deinem Unvermögen – du hast jemanden, an den du dich wenden kannst. Deine Bitten, dein Flehen, dein Denken und Beten – all das wird nicht irgendwo in ein entferntes und nie antwortendes Universum hinein gesprochen, sondern das alles kannst du dem Gott sagen, der in dem kleinen Kind von Bethlehem einer von uns wurde. Der allmächtige Gott wird einer von uns, damit wir wahrhaft Mensch werden.
Wie lautete mal die Frage auf einer Weihnachtskarte: Wann ist Weihnachten? Und dann stand da: 1 Ochse+ 1 Esel + 1 Kind + 1 Maria + 1 Josef + 3 Könige + 7 Schäfer + 10 Schafe macht: 25. Dezember! So einfach ist die Rechnung aber nicht. Weihnachten ist nämlich kein Ergebnis, sondern ein Geheimnis. Und genau davon erzählt das heutige Evangelium: Es erzählt uns vom Anfang allen Anfangs und es erzählt uns vom Anfang des Lebens Jesu. Das Licht, das vor aller Finsternis war, wird ein kleiner, ganz konkreter Mensch. Genau deshalb aber ist uns diese Geschichte heilig – auch, weil wir in jedem Kind, das in unser Leben tritt spüren, wie wahr das heutige Fest ist.
So wünsche ich uns jetzt allen, dass wir neben den schönen Geschichten von Bethlehem, den Hirten und den Königen auch die zutiefst ernste und explosive Botschaft wahrnehmen: Weihnachten verletzt und zerstört nicht; aber es eröffnet viele neue Einsichten – Einsichten, die dem Leben dienen und die uns zum Leben helfen. Einsichten die uns für den Mitmenschen und den Frieden einstehen lassen, weil wir nur dadurch der Botschaft dieses Gottes gerecht werden.
Feiern wir also die Geburt Jesu und feiern wir den Zauber des Anfangs. Ein Anfang, der uns immer wieder sagt: Die Liebe Gottes zu uns ist unzerbrechlich, auch wenn unsere menschlichen Abgründe manchmal noch so tief sein mögen. Nichts, aber auch gar nichts, kann uns von dieser seiner Liebe zu uns trennen. Deshalb Ihnen allen: Frohe, ja fröhliche Weihnachten!

Bertram Bolz, Diakon

Abfahrtszeiten zur Investitur von Pater Reji:

Sonntag, 13.1.

Bad Liebenzell, Brühl um 12 Uhr
Hirsau, St. Aurelius um 12:05
Calw, St. Josef 12:15
Heumaden Bundesstraße 12:25