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Predigt zum Pfingstfest von D. Bolz

Predigt am Pfingstfest 2021

Liebe in Festfreude versammelte Schwestern und Brüder!
Vielleicht halten Sie es weder für das geeignete Fest, noch für den richtigen Ort, wenn ich die Predigt heute mit einem Witz beginne. Aber kennen Sie den? Ein Dominikaner und ein Franziskaner beichten immer abwechselnd beieinander. Als der Dominikaner an die Reihe kam, meinte der Franziskaner zum Schluss: „Als Buße betest du einen Rosenkranz und nach jedem Gesätz die Allerheiligenlitanei.“ Der Dominikaner war sichtlich verärgert und dachte: „Na warte, wenn du das nächste Mal zu mir kommst…“ Und als der Franziskaner dann tatsächlich wieder einmal bei ihm zur Beichte war, da sagte der Dominikaner am Schluss ganz väterlich zu ihm: „Und als Buße betest du ganz einfach die Allerheiligenlitanei und nach jedem Heiligen den glorreichen Rosenkranz.“
Sie schmunzeln? Schön, denn das zeigt, Sie haben den Witz verstanden. Stellen Sie sich aber mal vor, ich würde diesen Witz in einer Schulklasse mit 14-15jährigen erzählen? Verständnisloses Kopfschütteln wäre mir gewiss, denn a) können die wenigsten Schüler heute noch was mit dem Rosenkranz anfangen, geschweige denn b) dass sie die Allerheiligenlitanei kennen. Und wenn Sie diesen Witz heute im Bekanntenkreis erzählen, dann behaupte ich mal, geht es Ihnen wahrscheinlich nicht so wahnsinnig viel besser. Was soll daran witzig sein?
Logisch: Über einen Witz kann ich nur lachen, wenn ich ihn auch verstehe. Also kann ich bestimmte Witze aus dem Bereich der Kirche eben auch nur „Insidern“ erzählen. Es reicht halt nicht aus, eine Geschichte nur in der Muttersprache zu erzählen, weil es definitiv auch nicht ausreicht, allein die Worte und die Sprache zu verstehen. Zum wirklichen Begreifen gehört dazu, dass ich auch den Hintergrund kenne. Oder anders gesagt: Um über einen Witz herzhaft lachen zu können, muss ich über denselben Horizont verfügen wie der Erzähler, sonst funktioniert das schlicht und ergreifend nicht. Und das gilt ja nicht nur für Witze.
Dieses Beispiel steht nun also dafür, dass nicht nur Witze mit kirchlichen Inhalten heute vielfach nicht mehr verstanden werden. Generell ist es doch so, dass vieles von dem, was mit Kirche zu tun hat, vielen Menschen mittlerweile so fremd geworden ist, dass es für sie unverständlich ist, was die Kirche da an Inhalten rüberbringen möchte. Nehmen wir nur mal die Lebenswelt oder das Denken von jungen Menschen. Ihre Lebensbereiche sind heute oft so grundverschieden zum kirchlichen Milieu, dass das, was die Kirche hier zu sagen hat – z.B. über das Thema Partnerschaft und Sexualität – dass das für Jugendliche und junge Erwachsene oft wie von einem anderen Stern klingt. Und wenn wir ehrlich sind, ergeht es nicht nur jüngeren Menschen so; nein, auch viele Ältere distanzieren sich mehr und mehr von der Kirche und ihren Ansichten zu bestimmten gesellschaftlichen Themen – wie die derzeitigen Diskussionen zeigen – oder sie stellen fest: Meine persönlichen Lebensführung ist konträr zu dem, was die Kirche lehrt. Also auch hier ein Einander-Nicht-Mehr-Verstehen?
Kirchliche Verlautbarungen – und mein Eindruck lautet: es ist egal ob es sich dabei um eine Verlautbarung aus dem Bereich der Liturgie handelt, z.B. wer die Kommunion empfangen darf oder zur Handhabung wie man innerkirchlich mit Missbrauchsfällen umzugehen hat – all diese Verlautbarungen können noch so ausgefeilt und von Verbalakrobaten geschliffen sein, ein Großteil der Menschen versteht sie schlicht und ergreifend nicht mehr. Wir sprechen zwar alle noch dieselbe Sprache, doch das Denken hat sich immens gewandelt. Und wohlgemerkt: Sprachverwirrung beginnt nicht primär bei Worten, sondern im Denken der Menschen.
Nun feiern wir heute Pfingsten, den Tag, an dem die Sprachverwirrung durch den Hl. Geist überwunden wurde. An diesem Tag wurde deutlich, dass die Botschaft Jesu eine Botschaft für alle Menschen ist – gleichgültig welcher Nation sie angehören, welche Sprache sie sprechen oder welche Lebensumstände sie prägen. Der Geist selbst hat damals alle Sprachbarrieren durchbrochen und er hat dies getan, in dem er Sorge dafür getragen hat, dass alle die Botschaft so vernahmen, als wäre sie jeweils in der Sprache des oder der Einzelnen bzw. im Horizont ihres Denkens gesprochen. Genau daran aber haben sich die Christen aller Zeiten ein Beispiel genommen. Sie haben für sich alle erdenklichen Anstrengungen unternommen, um die Botschaft Jesu den Menschen verständlich zu machen. Sie haben fremde Sprachen gelernt und das Evangelium übersetzt: Aus dem Aramäischen ins Griechische, aus dem Griechischen ins Lateinische, aus dem Denken des Orients in das Denken der Abendländer. Und: Sie haben sich dazu immer wieder neue Bilder, neue Worte gesucht, die die Menschen der jeweiligen Zeit und des jeweiligen Landstrichs angesprochen und auch verstanden haben.
Wenn ich die Diskussionen, die derzeit in unserer Kirche geführt werden, genauer betrachte, dann überkommt mich das Gefühl, als hätten wir dies alles vergessen. Es ärgert mich zutiefst, wenn manche in unserer Kirche so tun, als hätte es solche Übertragungen oder Übersetzungen in ein neues Denken hinein, in unserer Kirche nie gegeben; als wäre unsere Verkündigung seit knapp 2000 Jahren immer dieselbe, quasi unantastbar. Und dann bilden sich genau diese Personen ein, dass die Menschen in einer veränderten Zeit und einer komplett anders gewordenen Welt, genau die Worte, die Bilder und die Sprache eben auch noch – hunderte Jahre später – noch derselben Art und Weise verstehen und begreifen müssten wie damals. Müssen wir uns da wundern, wenn dies schon lange nicht mehr der Fall ist?
Wenn der Geist, der die Sprachbarrieren überwindet, uns heute etwas lehren kann, dann meine ich ist es dies: Dass wir so von unserem Glauben reden sollten, dass die Menschen uns auch verstehen; dass wir die Botschaft Jesu immer wieder neu in das Denken der Menschen von heute, in ihre Alltags- und Erlebniswelt übersetzen. Aber dazu müssen wir uns vielleicht zunächst einmal selbst „übersetzen“; sprich, müssen wir uns in die Menschen hineinversetzen, denen wir im kirchlichen Milieu oft schon lange nicht mehr begegnen. Wenn man nicht – wie das leider viel zu oft in unserer Kirche geschieht – Antworten auf Fragen gibt, die kein Mensch gestellt hat, dann sollte man eben hellhörig werden und die Fragen aufgreifen, die die Menschen tatsächlich bewegen. Wir müssen als Seelsorger, aber auch als gläubige Christen verstehen lernen, was die Sorgen und Anliegen, die Fragen und Gedanken der Menschen von heute sind – auch wenn das mühsam ist und selbst, wenn es einem viel abverlangt.
Und dann – dann brauchen wir Mut, unsere Glaubensüberzeugung so zu sagen, dass die Menschen sie verstehen und sie ihnen beim Leben hilft. Dazu gehören für mich moderne Gleichnisse und eine Sprache in unseren Gottesdiensten, die die Menschen nachvollziehen können. Dazu gehören Antworten aus dem Glauben, die in die Lebenswirklichkeit der Menschen hineinreichen – auch in die Welt von gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften und in die Welt von Frauen, die sich in kirchliche Ämter berufen fühlen. Der Geist Gottes wirkt auch heute – und glauben wir ja nicht, dass er dabei primär nur rückwärts gerichtet die Vergangenheit im Blick hat. Nein, er treibt uns dazu, den Menschen sprichwörtlich „aufs Maul zu schauen“, und die Botschaft Jesu auf eine Art und Weise weiterzugeben, die den Menschen vertraut ist. Lösen wir uns doch einfach von althergebrachten Bildern und so mancher antiquierten Formulierung, auch wenn dabei manche schon wieder die Gefahr wittern, dass der Glaube an Jesus Christus verfälscht oder unser überlieferter Glaube verwässert werde. Ich hab da keine Angst. Denn: Andere Sprachen klingen nun mal anders, aber in einem bin ich mir sicher: Jesus Christus ist und bleibt für uns derselbe – nicht nur gestern, heute und morgen, sondern auch in allen Sprachen und Bildern, in und trotz aller Übersetzungen und Aktualisierungen. Amen.

Bertram Bolz, Diakon