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Predigt zum Caritas-Sonntag – D. Bolz

Predigt zum Caritas-Sonntag 2020 in der SE Calw – Bad Liebenzell

Schwestern und Brüder!
„Sei gut, Mensch!“, so heißt das Motto der diesjährigen Caritasaktion, die wir in diesen Tagen miteinander begehen. Ein etwas holpriges Motto, das sich an dem Unwort des Jahres 2015 orientiert, als sich unzählige Menschen für die Flüchtlinge einsetzten, die in Deutschland ankamen. Weshalb ein Wort mit positivem Inhalt – nämlich „Gutmensch“ – auf einmal zum Unwort geworden ist? Weil viele, die die Hilfsbereitschaft als dumm, naiv und weltfremd ansahen, mit diesem Wort die ganze Hilfsbereitschaft der Menschen pauschal abwerten wollten.
Wenn nun die Caritas hergeht und genau 5 Jahre später – in einer Zeit, in der die Flüchtlingsbewegung wieder mehr als aktuell ist – in Anlehnung an dieses Unwort von damals das Motto kürt „Sei gut, Mensch!“, dann finde ich das mutig. Denn so nimmt die Caritas ja bewusst in Kauf, sich selbst etwas weltfremd und naiv zu präsentieren. Doch ich meine das ist notwendig, um der Nächstenliebe und Hilfsbereitschaft ihren positiven Sinn wieder zurückzugeben und die Maßstäbe wieder zurechtzurücken! Wir Menschen sind doch von Gott berufen, gut zu sein, unsere Talente zu entdecken und diese für den Nächsten einzusetzen. Das ist der Markenkern unseres christlichen Glaubens. Wir dürfen nicht tatenlos zusehen, wie von manchen die Bereitschaft zur Hilfe lächerlich gemacht und herabgewürdigt wird. Gut ist der Mensch, der für Zusammenhalt und Vielfalt eintritt, wer Menschlichkeit pflegt und grenzenlos hilft.
Einer meiner Lieblingsheiligen, Philipp Neri, hat zu den Kindern und Jugendlichen seiner Zeit auf den Straßen Roms gesagt: „Seid gut!“ „Seid gut!“ – das sagte er aber gleichzeitig auch denen, die damals in Kirche und Gesellschaft Verantwortung trugen. Wörtlich genau übersetzt lautete sein Rat: „Seid gut – wenn ihr könnt!“
Philipp Neri lebte inmitten einer Zeit politischer, geographischer, religiöser und spiritueller Auf- und Umbrüche. Die ganze Welt war aufs Neue in Bewegung geraten, doch er war im Rom des 16. Jahrhunderts nur bekannt als der lachende Heilige. Woher kam diese innere Heiterkeit und Gelassenheit? Wo-her die Kraft, sich so – lächelnd – den Menschen seiner Zeit zuzuwenden? Von Philipp Neri, der auf Titel und Ehrungen nichts gab und der deshalb die Kardinalswürde auch immer wieder ablehnte, wird erzählt, dass ihn eine geistliche Erfahrung geprägt habe, die ihm kurz vor dem Pfingstfest 1544 zuteil wurde. Bei einer Andacht spürte er die Liebe Gottes so stark, dass sich sein Herz schmerzhaft zusammenzog und dann heißt es in seiner Biograhphie weiter: „von dem Moment an brannte in Philipps Herzen eine besondere Liebe Gottes für die Menschen.“ Und mit genau dieser Caritas, mit dieser Liebe Gottes im Herzen, konnte er die Menschen ermutigen: „Seid gut, wenn ihr könnt!“
„Seid gut!“, was könnte das jetzt für mich heißen? Dass wir – Sie und ich – gut sein möchten, das setze ich jetzt einfach mal voraus. Doch was meint das genau? Einmal doch, dass ich da, wo ich bin und lebe, meine Zeit und meine Kraft dafür einsetzen möchte, anderen zu helfen. Ich möchte nicht gleichgültig werden gegenüber den Herausforderungen unserer Zeit. Und ich möchte nicht, dass mich die Schicksale der Menschen um mich herum kalt lassen. Lieber möchte ich mich in naiver Mitmenschlichkeit üben, als dass ich abweisend an Menschen vorbeigehe und ihnen die kalte Schulter zeige.
Ein weiterer Gedanke bewegt mich, wenn ich Philipp Neris Aufruf höre. Ich frage mich: Was bedeutet die zweite Hälfte seiner Aussage, dieses „… wenn ihr könnt“? Eine Einschränkung oder Begrenzung dergestalt, dass er meinen könnte: „Ja, wenn es Dir gerade passt oder reinläuft, dann kannst Du ja gut sein. Darüber hinaus ist es aber nicht nötig“, höre ich nicht.
Vielmehr schon eine Ermutigung: „Sei immer dann gut, wenn du es kannst – und sei gewiss: Du kannst öfter gut sein, als du denkst.“ Ich höre also: „Du kannst gut sein, mehr als du es selber vielleicht von dir erwartet hättest.“ Das aber ist doch eine Ermutigung dazu, der Kraft zum Guten Raum zu geben; dieser Kraft, die mich oft selber überrascht, dass sie überhaupt in mir ist. Phi-lipp Neris Aussage ist also eine Ermutigung für mich dafür, mich selbst immer wieder neu durch die Erfahrung tätiger Nächstenliebe überraschen zu lassen. Eine Erfahrung, die mir Kräfte schenkt und nicht Kräfte nimmt. Heute verbinde ich diese Erfahrung mit der ermutigenden Zusage Jesu: „Was ihr für eine oder einen meiner geringsten Schwestern oder Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“.
Und noch ein dritter Gedanke kommt mir bei diesem Aufruf „Seid gut – wenn ihr könnt!“in den Sinn. Philipp Neri spricht keine einzelne Person an: „Du allein –“ oder „Du für dich selbst – sei gut, wenn du kannst“. Nein, er spricht immer eine Mehrzahl von Menschen an, weil eine Gemeinschaft von Gleichgesinnten immer mehr bewegen und einen selbst immer wieder neu motivieren kann.
An dieser Stelle möchte ich deshalb Ihnen allen, die Sie in unserer Seelsorgeeinheit, in den Caritasausschüssen, dem Tafel-Laden, der Aktion Goldmund, den Seniorenbesuchsdiensten und den Seniorenangeboten für ihre Mitmenschen einsetzen, ein herzliches „Vergelt’s Gott“ sagen. Aber nicht nur Ihnen, sondern auch all denen, die im Netzwerk Ehrenamtlicher gerade in diesen Corona-Zeiten für ältere und behinderte Menschen einkaufen, nach ihnen schauen und sie so versorgen und nicht allein lassen. Ich danke allen, die in einer Haltung beherzter Mitmenschlichkeit einfach auf Menschen in Not zugehen und die sich jetzt oft schon über Jahre hinweg sich in der Flüchtlingsarbeit engagieren. Ich danke allen, mit denen wir in Netzwerken zusammenarbeiten über manch örtliche und konfessionelle Grenzen hinaus und daran, dass wir als Gemeinschaft eben stärker sind, Gutes zu tun. Und die, die hier ihren Platz zum engagieren noch suchen möchte ich ermutigen, es einfach zu tun, so wie sie können!!
Bei all dem geht mir der Satz Jesu durch den Kopf: „Was ihr den geringsten Schwestern und Brüdern getan habt, das habt ihr mir getan!“ Das aber heißt doch nichts anderes als, dass wir in jedem leidenden Menschen Christus begegnen, ja dass wir uns im Leidenden genauso Christus zuwenden, wie wenn wir ihn im Brot des Lebens empfangen. Nicht umsonst heißt es, dass die Caritas – also die tätige Nächstenliebe – eine Mystik der Christusbegegnung ist: Ich war hungrig, ich war durstig, ich war fremd, ich war nackt, ich war krank, ich war gefangen und ihr ward da für mich.
Deshalb danke an alle, die in ihrem Mitmenschen das Bild Jesus Christi sehen und tatkräftig bezeugen. „Seien wir weiterhin gut – und ich möchte ergänzen – nicht wenn, sondern weil Ihr es könnt!“ Amen.