Impulse/PredigtenLiturgie

Predigt zum Aschermittwoch – D. Bolz

Predigt am Aschermittwoch 2019
Lesung: Joel 2, 12-18 / Evangelium: Mt 6, 1-6.16-18

Schwestern und Brüder!
Der Aschermittwoch steht für viele Zeitgenossen in keinem allzu guten Ruf. Wie heißt es schon in einem alten Karnevalsschlager: „Am Aschermittwoch ist alles vorbei.“ Für die Befindlichkeit vieler Menschen heißt das: Die Zeit der Ausgelassenheit und der Lebensfreude, für die diese 5. Jahreszeit steht, sie findet mit dem heutigen Tag ein abruptes Ende – vielfach ist deshalb seelische Katerstimmung angesagt. Aber warum ist das so? Haben wir da vielleicht etwas falsch verstanden?
Der Aschermittwoch bildet – wenn man dem Glauben schenken will, was heutzutage viele unter Fastenzeit verstehen – den Auftakt zu einer Zeitspanne, in der anscheinend Entsagung und Verzicht auf alles, was den Menschen erfreut, auf dem Programm stehen. Mit einer solchen Überzeugung und Einstellung sind nun aber wirklich alle gängigen Vorurteile über Kirche und den christlichen Glauben bestätigt. Da heißt es dann: Lust- und lebensfeindlich sei das Christentum, eine zwanghafte Religion, die der Selbstverwirklichung des Menschen im Wege stehe. Und verstärkt wird das Ganze noch durch den besonderen Ritus dieses Tages, wenn wir uns mit Asche die Vergänglichkeit im wahrsten Sinne des Wortes auf den Kopf zusagen bzw. zeichnen lassen.
Dabei ist Asche ja zunächst einmal ein Zeichen für das Leben. Es zeugt von Flamme und Licht, von Wärme, Feuer und Glut. Somit ist Asche aber auch ein Zeichen für alle Möglichkeiten des Lebens, die wir entweder schon erlebt haben oder noch erleben werden. Allerdings: Jede und jeder von uns hat irgendwann als irdischer Mensch ein Ende. Dieses Bild mag uns ängstigen, doch es gehört zum Gang der Dinge und unseres Lebens untrennbar dazu. Von meiner Geburt bis zu meinen Tod – es ist mein Leben, nicht mehr und nicht weniger. Genau das aber will die Asche vergegenwärtigen. Deshalb hören wir auch: „Bedenke, Staub, dass Du Mensch bist!“
Aha, es ist Ihnen aufgefallen! Das stimmt doch so nicht. Richtig! Aber so seltsam das beim ersten Hören vielleicht auch klingen mag – „Bedenke, Staub, dass Du Mensch bist!“ – so beinhaltet diese Aussage doch eine tiefe Wahrheit, die sich wie ein roter Faden durch die ganze Bibel zieht; angefangen von der Schöpfungsgeschichte bis hinein ins Neue Testament. „Bedenke, Staub, dass Du Mensch bist!“ Oder anders gesagt: Bedenke, du zerbrechliches Wesen Mensch, dass du Gottes Ebenbild bist; dass du, obwohl du von der Erde genommen bist, den göttlichen Atem in dir trägst; dass du viel mehr als nur der Staub bist, der einst von dir zurückbleiben wird. Bedenke, du vergängliches Wesen Mensch, dass Gott etwas mit deinem Leben vorhat; dass du eine Berufung hast, Talente und Begabungen, die du immer wieder neu entfalten kannst. Bedenke, du endliches Wesen Mensch, dass du glauben, hoffen und lieben kannst; dass mit deiner Hilfsbereitschaft, deiner Güte und Freundlichkeit für andere ein liebender und wegweisender Mitmensch sein kannst.
„Bedenke, Staub, dass du Mensch bist!“ Erst wenn uns diese Erkenntnis unter die Haut gegangen ist, dann kann uns auch die Umkehrung dieses Satzes treffen und aufrütteln: „Bedenke, Mensch, dass du Staub bist!“ Oder mit anderen Worten: Bedenke Mensch, dass deine Zeit begrenzt ist; begrenzt für die Lebensaufgabe, die du erfüllen kannst und erfüllen willst; dass die Zeit für dich begrenzt ist das zu tun, wozu dich Gott ganz persönlich ruft. Bedenke Mensch, dass du heute mit der Umkehr beginnen kannst; dass jetzt die Zeit und die Stunde ist, deinem Leben eine neue Tiefe zu geben. Bedenke Mensch, dass du nicht alles vor dir herschieben kann; dass heute der erste Tag vom Rest deines Lebens ist. „Bedenke Mensch, dass du Staub bist!“ Das lassen wir uns sagen, wenn wir nachher das Aschenkreuz empfangen. Und wir lassen es uns sagen, weil wir uns wieder auf unsere göttliche Berufung besinnen und sie in unserem Leben ernst nehmen wollen.

Und ein zweiter Gedanke: Die Asche, die wir nachher segnen und austeilen, steht auch noch für etwas, was ein Karikaturist einmal so dargestellt hat: Man sieht das Aschenkreuz auf der Stirn eines Menschen und darunter die Worte: „Der Schuld die Stirn bieten!“ Wir Menschen sind nicht nur endlich, sondern wir scheitern auch und werden auf verschiedenste Art und Weise schuldig oder bleiben anderen oder uns selbst etwas schuldig. Die kommenden Tage und Wochen erinnern uns in dieser Schuldhaftigkeit ganz gezielt daran, dass Gott es ist, der trotzdem jede und jeden von uns bedingungslos liebt.
So dürfen wir uns im Zeichen der Asche also sehr wohl fragen: Wer bin ich wirklich? Und wer kennt mich so, wie ich in Wahrheit bin? Auch die entscheidendste Frage darf da nicht fehlen: Wer liebt mich? Nicht nur mein freundliches Gesicht, nicht nur meinen beruflichen Erfolg oder meine Kauf-kraft oder sonst einen Vorteil, den man mit mir vielleicht hätte. Nein, wer liebt mich so wie ich bin, mit all meinen Stärken und Schwächen?
Zunächst einmal sind das wohl die Menschen, die mich tagtäglich erleben; die mit mir zusammen sind, die meine Familie und meinen unmittelbaren Freundeskreis bilden. Diese Menschen schauen mich mit Augen an, die mich liebevoll begleiten, mich aufrichten und mich nicht dauernd bewerten und taxieren. Vor diesen Menschen muss ich weder Theater spielen, noch muss ich mich stetig rechtfertigen. Diese liebenden Augen beschenken mich mit Augenblicken, die mir die Angst nehmen und auch das in mir zum Vorschein kommen lassen, was salopp gesagt eben nicht „immer Gold ist und glänzt“. Es sind Augenblicke voller Wahrheit, die manchmal schmerzlich und doch so befreiend sind.
Am Aschermittwoch suchen wir aber nicht nach Augen wohlgesonnener Menschen, sondern wir suchen die Augen Gottes. Von ihm heißt es ja im Evangelium, dass er auch ins Verborgene sieht, und da eben nicht unser Verhalten, sondern unser Herz im Blick hat. Ein Gott der alles sieht – ist das aber nicht der schreckliche Oberaufseher-Gott, mit dem viele Menschen seit ihren Kindertagen infiziert sind? Der kleinliche, überaus aufmerksame Gott, dem nichts, aber auch gar nichts entgeht und der mit seinen strengen Augen alle Kammern bei Tag und Nacht ausleuchtet? Dies mag zwar der Gott vieler gut gemeinter und fromm gesinnter Erziehungsmaßnahmen gewesen sein – nur: der Gott Jesu Christi ist es eben nicht. Der Vater-Gott, von dem Jesus erzählt, hat barmherzige Augen; Augen, die nicht einschüchtern und verkrümmen, sondern uns Menschen zur Wahrheit befreien. Vor ihm brauchen wir keine fromme Fassade zu errichten und uns auch nicht selbst immer ins rechte Licht setzen. Die ungeschminkte Wahrheit meines Lebens wird unter seinen Augen nicht nur erträglich, sondern zur Chance. Hinschauen und sehen, was zum Leben taugt und was mich am Leben hindert; hinschauen und sehen, wo ich als Mensch wachse und reife oder wo ich verkümmere und stagniere; hinschauen und sehen, was meinen Glauben nährt und was ihn allmählich gefährdet.
Wünschen wir uns für die kommende Zeit viele hilfreiche und heilsame Augenblicke; menschliche Begegnungen, die uns helfen, uns selber besser kennen und schätzen zu lernen und vor allem Augenblicke, in denen wir die heilende und zärtliche Nähe unseres Gottes verspüren. In diesem Sinne: „Bedenke, Mensch, dass du Staub bist – deshalb lass dich von Gott mit seinen liebevollen Augen anschauen!“ Amen.

Bertram Bolz, Diakon