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Predigt zum 33. Sonntag im Jahreskreis – D. Bolz

Lesung: Mal 3, 19-20b / Evangelium: Lk 21, 5-19

Schwestern und Brüder!
Die Worte des heutigen Evangeliums sind keine „leichte Kost“ und deshalb kann ich gut nachvollziehen, dass auch Sie erst mal schlucken mussten und das „Lob sei Dir, Christus“ heute etwas verhaltener ausgefallen ist als sonst.
Andererseits muss man diesem Evangelium zugutehalten, dass es durchaus den Eindruck vermitteln kann, als wäre es geradezu für uns geschrieben worden. Denn wenn da schlagwortartig aufgezählt wird: „Krieg und Unruhen. Ein Volk erhebt sich gegen das andere. Erdbeben, Seuchen und Hungersnöte. Verfolgung und Gefängnis und einige von euch wird man töten“, dann ruft das doch auch ganz aktuelle Bilder in uns hervor: Kriege und Unruhen erleben wir in vielen Ländern des Nahen Ostens, Afrikas und Südamerikas. Völker und Volksgruppen erheben sich gegeneinander, wenn wir an den Jemen und Syrien, an Afghanistan, den Sudan und Bolivien denken. Unwetter in Venedig und dem Mittelmeerraum, gigantische Waldbrände in Kalifornien und Australien, sowie dem Amazonasgebiet. Verfolgung und Tod lauern auf praktizierende Christen in vielen islamisch-fundamentalistisch geprägten Ländern usw. usf. Wir leben in einer mehr als bedrohten Welt – und all das soll uns nicht ängstigen? Ich frage mich überhaupt: Warum konfrontiert uns das Evangelium, die sogenannte „Frohbotschaft“ Jesu überhaupt mit solchen Endzeitbildern, die uns – wenn man sie uns nicht erklärt – schwer und unverdaulich im Magen liegen?
Die Antwort darauf kann nur lauten: Weil es der Gemeinde des Lukas nicht anders erging als uns. Diese Gemeinde war – wir reden jetzt von einer Zeit ca. 40-50 Jahre nach dem Tod Jesu und seiner Auferstehung – zutiefst erschüttert und verunsichert von Kriegen und Unruhen, Naturkatastrophen und der bedrohlichen Christenfeindlichkeit, die die kleinen Gemeinden und ihre Familien aufwühlten. Wir müssen uns das einfach mal historisch vergegenwärtigen: Da war einmal die kaum zehn Jahre zurückliegende Zerstörung Jerusalems und seines Tempels. Kein Stein war auf dem anderen geblieben; viele Bewohner wurden durch die Römer getötet oder als Sklaven verkauft. In Alexandrien hatte der römische Präfekt tausende Juden umbringen lassen; der Brand Roms durch Kaiser Nero hat eine furchtbare Christenverfolgung ausgelöst und die Kunde von der Auslöschung Pompejis durch den Vesuv war in aller Munde. Stephanus, Jakobus, Petrus und Paulus waren wegen ihres Glaubens gefangen genommen und hingerichtet worden.
In genau dieser Zeit traten nun immer häufiger Unheilspropheten und selbst ernannte Messiasgestalten auf, die den Menschen mit diesen Ereignissen das schreckliche Ende der Welt auszumalen versuchten und sich natürlich selbst als Retter anboten. Erschwerend kam hinzu – und genau das machte diese apokalyptischen Prediger so anziehend – dass sich bei vielen Gemeindemitgliedern mehr und mehr Enttäuschung darüber breit machte, dass sich die Wiederkunft Jesu doch nicht so schnell ereignete, wie viele sich das erhofft hatten. Also tauchte die Frage auf: Haben diese neuen Propheten vielleicht doch recht? Kommt Jesus überhaupt wieder?
Der Evangelist Lukas benennt dies alles, nicht um seine Gemeinde vor den Kopf zu stoßen, sondern um sie zu trösten und zu ermutigen. Ihr, die ihr all dies erlebt oder davon gehört habt, euch sage ich: „Lasst euch nicht verrückt machen! Lauft den selbst ernannten Messiasgestalten nicht nach und lasst euch von ihnen nicht ins Bockshorn jagen: Das ist nicht das Ende.“ Lukas ist der festen Überzeugung, das Ende kommt erst mit Christus und unsere Vollendung erst in Gott. Nichts anderes zählt für ihn und dies will er seinen Gemeinden und auch uns vermitteln: Legt eure Zukunft – trotz allem was euch auch widerfährt – getrost in Gottes Hand!
Oder mit anderen Worten gesagt: Es hilft doch nicht weiter, irgendwelche Berechnungen über das Ende anzustellen. Schaut vielmehr auf Jesus Christus und seine Botschaft. Mit ihm ist das Reich Gottes doch bereits mitten unter euch – es ist angebrochen und deshalb liegt unsere aller Zukunft ganz allein in den Händen Gottes. Also starrt nicht angstvoll auf mögliche Untergangsszenarien, so wie das Kaninchen auf die Schlange starrt. Das Ende muss uns keine Angst machen, sondern mit Christus wird es unsere Vollendung werden.
Wenn wir das alles so hören, dann könnte jetzt die ein oder der andere unter uns auch sagen: Schön und gut. Ist das aber nicht eine Zumutung für mich als glaubenden Menschen? Da passiert Schlimmstes in der Welt – und die Wiederkunft Jesu lässt auf sich warten. Ist das vielleicht kein Grund, mit Gott zu hadern? Warum lässt er all die Gewalt, die Krankheiten und Kriege zu? Warum kommt er nicht, um zu heilen oder die zu richten, die das zu verantworten haben? Gedanken, die wir durchaus kennen und angesichts der heillosen Welt oft in uns tragen. Aber das Evangelium stellt solche Fragen nicht. Vielmehr macht es uns klar, dass wir mit einem bestimmten Maß an Not, Leid und Unrecht in dieser Welt rechnen müssen; ja sogar damit, dass es Streit und Hass unter den Nächsten gibt. Das ist eine Realität, die das Evangelium nicht leugnet. Ja wir erleben den Hass und die Auseinandersetzung derzeit sogar in ganz extremer Weise im eigenen Haus – in unserer Kirche. Da wird der Papst durch den sprichwörtlichen „Kakao“ gezogen und der Häresie bezichtigt, weil er bei der Amazonassynode den Versuch unternommen hat, Zeichen und Symbole, die den indigenen Völkern wichtig sind, eben auch in die Versammlung zu integrieren. Und eine starke Handvoll Bischöfe und Kardinäle (meist deutscher Abstammung) hat nichts anderes zu tun, als lautstark danach zu rufen, die Kirchen und Versammlungsorte seien entweiht – der Papst ein Götzendiener. Geht’s noch? Ich frage mich, warum diese geweihten Amtsträger, die sich jeglicher Reform in der Kirche verweigern und alles torpedieren, was eine Neuerung oder Veränderung mit sich bringt – ich frage mich, warum sie nicht schon längst zur Piusbruderschaft gewechselt sind. Dort ist solches Gedankengut seit der Abspaltung an der Tagesordnung und fest verankert – die viel befürchtete Spaltung schon längst vollzogen und real.

Gerade jetzt, wo unsere Kirche unter einem immensen Druck steht, da höre ich dieses Evangelium des heutigen Tages: Nehmt die Gegenwart mutig in die Hand! Jetzt habt ihr die Chance zu zeigen, wie wichtig euch euer Glaube an Jesus Christus geworden ist; wie sehr ihr aus ihm und auf ihn hin lebt; wie stark euer Fundament des Glaubens und wie tief euer Vertrauen in seine Person ist. Steht als Gemeinde und kirchliche Gemeinschaft zusammen; stützt Euch gegenseitig und stützt die, die für diese Kirche in besonderer Weise Verantwortung tragen. Versucht eine Kirche zu bilden, die den Menschen dient und die nicht nur penibelst darauf bedacht ist, irgendwelchen Gesetzen gerecht zu werden. Jetzt habt ihr die Chance eine Kirche udn eine christliche Gemeinschaft zu bauen, die anderen helfend begegnet, sie tröstet und ermutigt.
Ob sich ihr flaues Magengefühl verflüchtigt hat? Ich weiß es nicht. Doch als Frohbotschaft bleibt uns: Nehmen wir die Gegenwart mutig in unsere Hand, weil wir unsere Zukunft getrost in Gottes Hand legen können. Und wenn wir das schaffen, so verheißt uns das Evangelium: „Werden wir das Leben gewinnen“ – auch als Kirche!

Bertram Bolz, Diakon