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Predigt zum 3. Advent – D. Bolz

Lesung: Phil 4, 4-7 / Evangelium: Lk 3, 10-18

Schwestern und Brüder!
„Was sollen wir tun?“ Das scheint die alles entscheidende Frage des heutigen Evangeliums zu sein, denn sie wird gleich 3x gestellt. Es ist damit nicht gemeint: Was sollen wir tun, um reich zu werden oder um Karriere zu machen; es geht auch nicht darum, Macht zu bekommen oder gesund zu bleiben; oder um in die Schlagzeilen zu geraten oder Menschen zu gewinnen. Nein, es geht nicht um Details in unserem Leben, sondern um das Ganze; es geht nicht um vorletzte Ziele, sondern um das letzte Ziel; nicht um persönliche Erfolge, sondern um unser Heil. Was also sollen wir tun?
Bei der Vorbereitung dieser Predigt ist mir diese Frage immer und immer wieder ins Auge gestochen und ich war schon drauf und dran sie jetzt so abzuarbeiten, wie es von Johannes auch berichtet wird. Er gab ja den 3 Fragestellern – also den Leuten, den Zöllnern und den Soldaten – eine je eigene Antwort, die sie dann ganz konkret in ihr Leben bzw. ihren beruflichen Alltag umsetzen konnten. Also wäre für uns wohl die erste Antwort ausschlaggebend gewesen: „Wer zwei Gewänder hat, der gebe eines davon dem, der keines hat. Und wer zu essen hat, handle ebenso.“ Doch dann blieb ich auf einmal an den Sandalen hängen. Denn die riefen in mir eine Lebensweisheit in Erinnerung, die Sie vielleicht auch kennen. Sie heißt: „Bevor du einen Menschen kennenlernst, versuche erst einmal, ein Stück des Weges in seinen Schuhen zu gehen.“ Gemeint ist damit: Wer einem Menschen nicht nur äußerlich, sondern von innen her begegnen möchte, der soll ihn erst einmal durch eines seiner Kleidungsstücke erfahren. Wer sich auf einen anderen Menschen hinbewegen, sich in einen anderen Menschen hineinversetzen möchte, der soll erst mal eine Wegstrecke in dessen Schuhen gehen. Und weshalb? Um eben am eigenen Leib zu spüren: Wie es dem anderen damit er-„geht“!
Das ist übrigens ein sehr praktischer Rat; z.B. um festzustellen, ob der andere Mensch wirklich so zu mir passt, wie ein paar Schuhe passen sollten. Oder eben auch: Der passt nicht; der ist mir eine Nummer zu groß oder auch zu klein – oder um zu erleben: Da drückt den anderen der Schuh – oder um festzustellen: Besser, man macht hier auf dem Absatz kehrt. Ja, Schuhe können durchaus etwas erzählen über den Menschen und seinen Weg, sowohl seinen Glaubens-, wie auch seinen Lebensweg.
In der Bibel gelten Schuhe übrigens als Sinnbild für Besitz, Macht und Herrschaft. Wer sich da ein Grundstück gekauft hatte, der warf oder stellte einen seiner Schuhe auf das Stück Land und brachte damit zum Ausdruck: Das gehört jetzt mir. Hier stehe ich, symbolisch vertreten durch einen meiner Schuhe. Oder wenn es um die Gültigmachung eines größeren Tauschgeschäftes ging; dann zog der eine Geschäftspartner den Schuh aus und gab diesen an den Handelspartner weiter. Zeichen dafür, dass die Abmachung gilt. Und nicht zu vergessen: Im Buch Ezechiel beschreibt sich Gott selbst als derjenige, der anderen die Schuhe anzieht: „Ich zog dir, Israel, die Schuhe aus feinstem Leder an. Und du? Du hast sie ausgezogen, dich zur Dirne gemacht und dich jedem angeboten.“ Ein vernichtendes Urteil, welches der alttestamentliche Gott hier über das Volk Israel spricht – sinnbildlich in Form von ein paar Schuhen.
Vielleicht haben Sie auch schon davon gehört, dass bis weit ins Mittelalter hinein der Brauch praktiziert wurde, dass der Bräutigam seiner Braut die Schuhe anzog. Damit wurde nach außen hin deutlich gemacht: Ich liebe diese Frau nicht nur; nein, sie gehört jetzt auch zu meinem Besitz. Gott sei Dank gibt es dieses Brauchtum heute nicht mehr. Wobei man sagen muss, dass wohl das Besitzergreifen durchaus zu den größten Problematiken heutiger Partnerschaften gehört – wobei es da aber wohl weniger darum geht, wer wem die Schuhe anzieht, als vielmehr, wer bei wem unterm Pantoffel steht.
Nackte und entblößte Füße galten in der Bibel immer als Zeichen der Demut, der Demütigung, des heruntergekommen Seins. Z.B. wurden gefangengenommene gegnerische Soldaten immer barfuß durch die Stadt getrieben als Zeichen dafür, dass die Schlacht gewonnen war und man die Gegner ihrer menschlichen Würde beraubt hatte. Und erinnern Sie sich an eine andere Stelle im Lukas-Evangelium? Da bedurfte es erst eines barmherzigen Vaters, der die menschliche Würde seines „missratenen“ Sohnes wieder herstellt, indem er ihm erst einmal ein paar Schuhe anzieht.
Und vielleicht erinnern Sie sich – damit will ich es dann bewenden lassen – an die Zeit, als vor knapp 40 Jahren der Schah von Persien sein Land verlassen musste. Da war auf dem Flughafen von Teheran die ganze Generalität angetreten, fiel vor ihm auf den Boden und alle küssten ihm die Schuhe. Ein Brauch übrigens, der früher auch in der kath. Kirche als Zeichen der Ehrerbietung gegenüber dem Papst üblich war – nur wurde er dort schon 50 Jahre vor dieser Szene auf dem Teheraner Flughafen abgeschafft.
Warum ich ihnen das alles erzähle? Weil Füße küssen, Schuhe an- oder ausziehen – all das hat sich Johannes bei Jesus nicht getraut. „Ich bin es nicht wert, ihm die Schuhe aufzuschnüren“, sagt er zu den Leuten. Und wir spüren: Johannes bleibt „bei seinen Leisten“. Denn: Der Schuhdienst, das ist der Dienst Jesu. Ob Johannes das damals bewusst war? Ich weiß es nicht. Aber wir wissen, dass Jesus seinen Jüngern die Schuhe ausgezogen und ihnen die Füße gewaschen hat. Er war derjenige, der die Menschen von den Fesseln „Sünde, Krankheit und Tod“ befreite und ihnen die Versöhnung anbot, die sie endlich leben und aufleben ließ. Er war derjenige, der die Menschen so kennenlernen wollte, dass er erst mal – im sprichwörtlichen Sinne – in ihren Schuhen ging und damit oft beschwerliche Pfade bestritt. Aber es war ihm kein Weg zu weit. Bei all denen, die im Leben für andere eine Nummer zu klein waren, da war er zu Gast und machte sie groß – ebenbürtig stellte er sie auf eine Stufe mit ihren Mitmenschen.
Wenn ich das alles so betrachte, dann verhalten sich Jesus und Johannes zueinander wie der rechte zum linken Schuh. Beide gehören zusammen; sie bilden ein biblisches Paar: Da ist einmal der vorläufige Johannes – und dort der ewige Jesus; da der unvollkommene Prophet – dort der vollkommene Messias; hier der irdische Johannes – dort der himmlische Gottessohn; der eine tauft mit Wasser – der andere mit Hl. Geist; der eine ist die Erwartung – der andere die Erfüllung; der eine ist Frage – der andere die Antwort; der eine ist die Stimme – der andere das Wort, das von Anfang war.
Bevor du einen Menschen kennen lernen willst, versuche erst einmal in seinen Schuhen zu gehen. Ein mehr als adventlicher Rat. Denken wir dabei einfach an Kinder. Die greifen diesen Rat oft ganz spontan auf, steigen in die Schuhe der Eltern oder der älteren Geschwister, gehen umher und fühlen sich wie die „Großen“. Nutzen wir die restliche Zeit des Advents auch dazu, um in den Schuhen Jesu gehen zu lernen. Und: Haben wir keine Angst, dass sie uns zu groß wären oder wir mal stolpern; ER ist da und hält uns; er richtet uns auf und lädt uns ein, es ihm immer wieder nachzutun – für ihn, für die Mitmenschen und für uns selbst.
Wie war die Frage des heutigen Evangeliums: „Was also sollen wir tun?“ Ich hoffe, über die Schuhe haben wir eine Antwort erhalten.

Bertram Bolz, Diakon

Abfahrtszeiten zur Investitur von Pater Reji:

Sonntag, 13.1.

Bad Liebenzell, Brühl um 12 Uhr
Hirsau, St. Aurelius um 12:05
Calw, St. Josef 12:15
Heumaden Bundesstraße 12:25