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Predigt zum 29. Sonntag im Jahreskreis – D Bolz

Predigt zum 29. Sonntag im Jahreskreis 2018 (B)
L II: Hebr 4, 14-16 / Ev.: Mk 10, 35-45

Schwestern und Brüder!
Herrschaft, Unterdrückung, Machtgebaren – wenn man auf die Missbrauchsstudie schaut, welche uns Ende September das ganze Ausmaß an sexuellen Vergehen von Priester und Diakonen innerhalb der Kirche in den letzten 5 Jahrzehnten gegenüber Kindern und Jugendlichen vor Augen geführt hat, dann treibt einem das nicht nur die Schamesröte ins Gesicht. Nein, diese Studie macht auch überaus deutlich, dass es das kirchliche System ist, welches Missbrauch begünstigt, weil Faktoren wie: Uneingeschränkte Macht, Abhängigkeitsverhältnisse und Obrigkeitsdenken den Missbrauch erst in dem Ausmaß möglich gemacht haben, wie er jetzt aufgedeckt wurde. Dabei bin ich mir sicher, ist dies nicht nur ein Problem unserer Kirche in Deutschland, in Chile oder Amerika. Nein, wir werden alle noch unser blaues Wunder erleben, wenn in derselben Offenheit und Unnachgiebigkeit auch in anderen Ländern geschaut und recherchiert wird. Ansätze sind da ja schon zutage getreten – ob nun in europäischen Ländern wie Spanien und Belgien oder Kontinenten wie Asien (vor allem Indien) oder Afrika.
Nun ist es bei all diesen Vergehen und Straftaten auch nicht mit der Bemerkung getan: „Es menschelt halt überall!“ Nein – ich denke es ist an der Zeit, dass wir über das System Kirche und die unkontrollierte Macht, die Einzelnen in ihr zukommt nachdenken, jeglichen Klerikalismus, der Geistliche auf Podeste hebt und sie unangreifbar macht abschaffen und die richtigen Schlüsse aus diesen Vergehen ziehen. Das heutige Evangelium ist dazu ein guter Anlass. Wie heißt es da: „Ihr wisst, dass die, die als Herrscher gelten, ihre Völker unterdrücken, und die Mächtigen ihre Macht über die Menschen missbrauchen. Bei euch aber soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein.“ Diese Lehre Jesu ist in der Bibel festgehalten und sie wird seit nahezu zweitausend Jahren in dieser Kirche verkündet und weitergegeben. Sie ist also grundlegender Bestandteil kirchlichen Denkens und kirchlichen Lebens und doch fragt man sich: Wo wird sie heutzutage spürbar und erlebbar? Sichtbar und alltäglich erfahrbar ist aber sehr wohl die Macht, die auch die beiden Zebedäussöhne aufgrund ihrer Nähe zu Jesus innezuhaben glauben und welche sie gerne in vollendete Tatsachen umsetzen würden.
Was ich damit meine? Jakobus und Johannes wollen sich eine Machtposition sichern und gegenüber den anderen Jüngern am längeren Hebel sitzen. Dieses, wie wir Schwaben sagen, „ehrenkäsige“ Verhalten zeugt davon, dass die beiden nichts, aber auch gar nichts von dem kapiert haben, was Jesus seinen Freunden nahebringen wollte. Ihm ging es nicht darum, Ehre und Macht oder sonst einen Vorteil einzuheimsen, sondern den Anbruch des Reiches Gottes zu verkünden. Dieses Reich Gottes funktioniert aber nun mal nicht nach den Spielregeln der Macht, nicht nach den Gesetzen der Politik und auch nicht nach – das muss deutlich gesagt werden – nach den Mechanismen und Strukturen kirchlicher Hierarchie.
An Jesus selbst können wir ablesen, was es mit dem Reich Gottes auf sich hat: es ist ein einziger Abstieg, eine Karriere nach unten. Es beginnt damit, dass Gott selbst in diese Welt herabsteigt, ja in sie einsteigt in dem Menschen Jesus von Nazareth. Es setzt sich fort in dessen Herabbeugen zu den armen, den ausgestoßenen und notleidenden Menschen, und es führt über sein Kreuz sogar zum Hinabstieg in das Reich des Todes. Erst dort, am untersten, am menschlich gesehen tiefsten Punkt, da erst beginnt die Herrlichkeit der Auferstehung. Aber in dem Gott in Jesus so tief hinabsteigt und sich so erniedrigt, können andere aufstehen; können andere wieder aufrecht gehen, befreiter atmen und sich als gleichberechtigte Menschen fühlen.
Genau das aber fällt den beiden Zebedäussöhnen schwer zu verstehen, und ich glaube, mit ihnen auch vielen von uns – vor allem uns Amtsträgern. Deshalb versucht Jesus uns allen noch einmal zu erklären, dass seine Freundinnen und Freunde eine Alternative zur bestehenden gesellschaftlichen Ordnung sein sollen. Bei uns kann und darf es also nicht darum gehen, anderen die Köpfe zu waschen, sondern vielmehr die Füße. Und wer der Größte unter uns sein will, soll der Diener aller sein. Damit das Reich Gottes glaubwürdig wird und wirklich weiter wachsen kann, bedarf es genau dieser Glaubwürdigkeit, bedarf es unserer Bereitschaft, mit Jesus eine Karriere nach unten zu machen.
In diesen Tagen denken wir an die Eröffnung des II. Vatikanischen Konzils vor 56 Jahren. Beim Nachlesen über dieses Konzil fiel mir auf, wie so manche Bischöfe ihre Mitbrüder ermahnt haben, dass das Gehabe der Kirche und ihrer Vertreter oft kaum einen Unterschied zu den Mächtigen dieser Erde darstellen würde. Jesus aber habe doch gesagt: „Bei euch soll es nicht so sein, wie bei den Mächtigen dieser Welt.“ Und sie erinnerten an prophetische Frauen und Männer, die das gelebt haben: einen Franz von Assisi, eine Elisabeth von Thüringen, einen Martin von Tours und viele andere. Deshalb beschlossen 40 Bischöfe am Ende des Konzils einen sogenannten Katakombenpakt, dem sich nachher weitere 500 Bischöfe angeschlossen haben. Die Eckpunkte dieses Paktes helfen sicherlich auch uns – Ihnen und mir – bei der eigenen Gewissenserforschung und zum besseren Verständnis des Evangeliums. Da heißt es nämlich unter anderem:

-Wir wollen so leben im Blick auf Wohnung, Essen und Verkehrsmittel, wie die Menschen um uns herum und wir verzichten darauf, in und durch unsere Amtskleidung als Reiche zu erscheinen. Deshalb lehnen wir allen bischöflichen Prunk ab.

-Wir wollen weder bischöfliche Immobilien besitzen noch nicht notwendiges Mobiliar und wir lehnen es ab, mit Titeln angesprochen zu werden.

-Wir werden weder Reiche noch Mächtige in unserer Arbeit bevorzugen und wir wollen uns vor allem den Benachteiligten und Unterentwickelten zuwenden.

-Unsere sozialen Werke, die wir unterstützen, sollen sich auf Liebe und Gerechtigkeit gründen und Frauen und Männer in gleicher Weise im Blick haben.

-Das Gleiche wollen wir durch unseren Einsatz bei den Verantwortlichen unserer Regierungen durchsetzen.

Der Katakombenpakt endet dann mit der vierfachen Verpflichtung:
1.) Wir werden das Leben mit unseren Geschwistern in Christus teilen und gemeinsam mit ihnen unser Leben ständig kritisch hinterfragen und prüfen.
2.) Wir bemühen uns darum, menschlich präsent, offen und zugänglich zu werden.
3.) Wir wollen uns Menschen gegenüber offen erweisen, gleich welcher Religion sie auch angehören mögen.
4.) Nach unserer Rückkehr werden wir diese Verpflichtung öffentlich machen und darum bitten, dass die Menschen uns durch ihr Verständnis, ihre Mitarbeit und ihr Gebet helfen, diesen Verpflichtungen im Sinne Jesu nachzukommen.
Bezeichnend ist, dass zu den unterzeichnenden Bischöfe nur wenige aus Europa – aus Deutschland nur ein einziger – gehörten. Bezeichnend ist aber auch, dass gerade dort, wo diese erst- und mitunterzeichnenden Bischöfe gewirkt haben, heute eine lebendige und von jeglichem Klerikalismus befreite Kirche anzutreffen ist, die den Menschen dient und ihnen Hoffnung schenkt. Ich meine, das sollte uns zu denken geben. Amen.

Bertram Bolz, Diakon