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Predigt zum 23. Sonntag im Jahreskreis 2018 (09.09.)

L I: Jes 35, 4-7a / Ev: Mk 7, 31-37

 

Schwestern und Brüder!

Nichts hören können, weder Geräusche noch liebevolle Worte, das ist eine enorme Einschränkung unseres menschlichen Lebens. Manche von uns – und dazu zähle ich mich auch – können sehr wohl nachempfinden, wie es ist, wenn man nicht mehr gut hört; wenn man in der Gesellschaft von Menschen immer wieder nachfragen oder die anderen bitten muss, doch lauter zu reden, weil man sich sonst ausgeschlossen fühlt. Ja, manch schwer hörende Mensch traut sich mitunter nicht mehr sich an einem Gespräch zu beteiligen, weil die Angst, etwas falsch zu verstehen und sich dadurch lächerlich zu machen, viel zu groß ist. Wer also nicht richtig hören kann, läuft Gefahr, mit der Zeit immer stummer zu werden, weil das nicht Hören können die Gemeinschaft mit anderen erschwert oder gar unmöglich macht. Nun gibt es heutzutage Gott-sei-Dank Hörhilfen. Aber zurzeit Jesu?

Damals war man auf ein Wunder angewiesen. Nur meine ich: Wir würden dem heutigen Evangelium gar nicht richtig gerecht werden, wenn wir das Wunder einzig und allein auf die Heilung von tauben Ohren und einer lahmen Zunge beschränken würden. Denn das Evangelium verbindet ja das damalige Geschehen mit uns Hörenden und Lesenden heute. Deshalb bin ich auch davon überzeugt, dass dieser Heilungsbericht etwas mit uns zu tun hat, auch wenn wir vielleicht der Ansicht sind, keine Hör- oder Sprechhilfen zu benötigen. Doch Christus hat immer den ganzen Menschen im Blick; den Menschen mit Leib und Seele, mit all seinen Gefühlen, Ansichten und: seinem Glauben. Es geht also um mehr als „nur“ um das äußere Sehen und Hören, wenn Jesus betont: „Seid nicht wie Leute, die sehen und doch nicht sehen; die hören und doch nicht hören“.

Dass diese Heilung etwas sehr Persönliches ist macht Jesus dadurch deut-

lich, dass er den Wunsch nach Heilung unter Ausschluss der Öffentlichkeit vollzieht. Durch diese heilende Berührung soll wettgemacht werden, was den Taubstummen unangenehm oder verletzend berührt, was ihn so verschlossen gemacht hat. Dazu spricht Jesus sein: „Effata – öffne dich!“ – „Öffne dich für mich und mein Wort! Für mich und meine Botschaft an Dich!“

Bis heute wird bei der Taufe ein Ritus vollzogen, der nach dieser Heilungserzählung benannt ist. Dem Täufling werden dabei zeichenhaft Mund und Ohren geöffnet, damit er das Wort Gottes hören und es selber vor den anderen bekennen kann. Alles, was ihn unfähig macht, richtig zu hören und Gutes zu sagen, das soll also von Beginn seines Lebens an geheilt sein. Gerade heute – in einer Zeit wo tagtäglich vielzählige Informationen und Geräusche auf uns einwirken – halte ich dieses Zeichen für unentbehrlich.

Schauen wir mal auf die Kinder. Haben Sie schon mal beobachtet, wann diese sich die Ohren zuhalten? Immer dann, wenn sie Angst bekommen oder etwas nicht hören wollen. Und davon bleibt ihnen manches Zeit ihres Lebens in Erinnerung, wie ich in einer Gesprächsgruppe von Erwachsenen  erfahren konnte. Diese hatten die Aufgabe sich zu erinnern, wann sie sich als Kind am liebsten die Ohren zugehalten haben. Folgende Sätze wurden da benannt: „Lass das, das kannst du nicht!“ – „Was werden die Nachbarn sagen?“ – „Ich will doch nur dein Bestes!“ – „Du machst mich noch ganz krank!“ – „Es ist ein Kreuz mit dir!“ – „Das hätte ich von dir nie erwartet!“

Vielleicht kennen Sie selbst noch weitere Sprüche, bei denen Sie sich als Kind die Ohren zugehalten, sich taub gemacht haben – oder bis heute taub machen? Solche Erfahrungen wirken oft nach und beeinträchtigen unsere Hörbereitschaft bis heute. Nur so ist auch zu erklären, weshalb bei uns mitunter ganz automatisch die sprichwörtlichen „geistigen Jalousien“ heruntergehen bevor der andere überhaupt zu Ende gesprochen hat. Oder wir hören nur das, was angenehm und schmeichelhaft klingt oder unseren Standpunkt bestätigt. Unerwünschte Neuigkeiten oder was mich selber in Frage stellen könnte, wird ausgeklammert – die Ohren auf Durchzug geschaltet. Wie viele Missverständnisse wohl auftreten, weil wir nur mit einem halben Ohr zuhören?

Dabei ist die Aufmerksamkeit beim Hören das A und O. Es ist für mich im-mer wieder interessant, wie Mütter – zumindest weit mehr als wir Väter – das Wimmern ihres Kleinkindes hören, aber den viel lauteren Lärm um sich herum ausblenden. Zeichen dafür, dass ihre ganze Aufmerksamkeit und Hörfähigkeit einzig und allein auf ihr Kind gerichtet sind. Genau diese mütterliche Aufmerksamkeit könnte uns aber beim Hören auf Gott auch ein gutes Stück vorwärtsbringen. Das ewige Klagen, dass Gott meine Bitten nicht erhört, die würden seltener, wenn wir erwartungsvoller und aufmerksamer auf das hören würden, was Gott uns mitteilen will. Wie oft sind wir versucht, Gott vor den Karren unserer eigenen, oft kurzsichtigen Wünsche zu spannen. Dabei merken wir dann gar nicht, wie er vielmehr Kräfte und Einsichten in uns wecken möchte, damit wir selber mehr zu einer Lösung beitragen können. Ja, es kann durchaus geschehen, dass jemand die Botschaft Jesu hört, aber sie doch nicht ankommt. Damit uns sein Wort im Inneren anrührt und verwandelt, muss er uns die Ohren öffnen – das aber kann dauern. Da hören wir dann eine Stelle aus der Hl. Schrift zum x-Mal, aber erst nach und nach wird deutlich, was diese Stelle einem ganz persönlich sagen will.

Und noch ein Gedanke: Der Begriff „taubstumm“ sagt ja schon, dass Hören und Sprechen eng zusammenhängen. Das Stumm-Werden rührt daher, dass man nicht mehr hören kann. Und dass es viele Ursachen geben kann, die Menschen stumm werden lassen, das ist uns hinlänglich bekannt. In unserem Sprachgebrauch heißt es da z.B.: „Es verschlägt mir die Sprache“ – „Jemanden mundtot machen“ – „Jemandem den Mund stopfen“ – „Sprachlos sein“ – Einen Kloß im Hals haben“ – „Das Wort bleibt mir im Hals stecken!“ Und die nicht gesagten Worte, die zeigen sich oft auch in der Körpersprache. Wenn man z.B. den Kiefer zusammenpresst; die Hand erschrocken vor den Mund hält oder sich auf die Lippen beißt.

Schuld an diesem Stumm-Sein ist aber häufig nicht die unbewegliche Zunge. Vielmehr gibt es Lebensbereiche, die wir tabuisiert haben, über die wir nur hinter vorgehaltener Hand reden. So konnte man in unserer Gesellschaft lange Zeit nicht über die Verbrechen der Nazizeit sprechen, weil Angehörige, Nachbarn gesellschaftlich Anerkannte als Opfer oder als Täter involviert waren. So wurde auch die Frage der Mittäterschaft und der politischen Mitverantwortung vermieden. Die Missbrauchsgeschichten, welche die Kirche zurzeit wieder so extrem belastend einholen, die konnten sich auch nur anhäufen, weil man einerseits nie gelernt hatte, über Sexualität und Abhängigkeit zu reden und andererseits die kirchlich Verantwortlichen sich blind und taub stellten. Kaum jemand wagte, die Doppelbödigkeit dieser Moral zur Diskussion zu bringen.

Ähnlich bestürzt waren wir, als die „Metoo-Debatte“ ans Tageslicht brachte, wie oft und wie viele Frauen sexuelle Übergriffe über sich ergehen lassen mussten und nicht fähig waren, sich dagegen zu wehren. Falsche Scham und Tabus machen sprachlos. Aber wir müssen lernen, auch über heikle Fragen klar und offen zu reden und jene zu hören, die den Mut haben, Untragbares öffentlich zu machen.

Der heutige Sonntag lädt uns ein, dass auch wir uns von unseren  Taubstummheiten befreien lassen. Denn Jesus hat die Kraft, uns ihm ähnlich zu machen. Das hat er oft genug bewiesen. Bitten wir also um sein “Effata-Öffne dich” für alles, was in uns taub und stumm ist, damit wir mutig und unbeirrbar, ohne Engstirnigkeit, in aller Offenheit das ansprechen, was im Argen liegt und dann mit viel Fantasie die Liebe Gottes in unserem Alltag

verkünden. Amen!

 

Fürbitten:

 

Herr, Jesus Christus: Du öffnest den Blinden die Augen und den Tauben die Ohren. Im Vertrauen auf Dein frei-machendes Wort kommen wir zu Dir und bitten Dich:

 

– Für alle, die blind und taub geworden sind – für sich selbst und für die Menschen um sie herum. Für alle, die gefangen sind in ihren Zweifeln und Ängsten und für alle, denen es schwer fällt, Gottes Wort zu vertrauen. Jesus Christus, Wort des Lebens.

 

– Für alle Menschen, die verstummen – angesichts von Not und Leid in dieser Welt. Für alle, denen die Stimme oder der Mut fehlt, gegen Ungerechtigkeiten im Alltag anzugehen und für alle, die durch Fake News mundtot gemacht werden. Jesus Christus, Wort des Lebens.

– Für alle, die in ihrem Land wegen ihres Glaubens oder ihrer politischen Überzeugung verfolgt werden. Für alle Menschen auf der Flucht, die eine neue Heimat suchen und für alle, die Sorge haben wegen der Migration abgehängt zu werden. Jesus Christus, Wort des Lebens.

– Für Papst Franziskus, der sich heftigsten Angriffen und Vorwürfen einer konservativen Randgruppe ausgesetzt sieht. Für alle Frauen, die um Gehör in dieser Kirche ringen und für eine Offenheit in ihr, die jeden Menschen als Schwester und Bruder annimmt. Jesus Christus, Wort des Lebens.

 

– Für alle, für die jetzt wieder der Schulalltag beginnt. Für die Kranken in unserer Gemeinde und für alle, die unser Beten und Bitten dringen brauchen. Jesus Christus, Wort des Lebens.

Denn bei Dir ist die Quelle des Lebens. Dich loben und preisen wir, heute und alle Tage unseres Lebens, bis in Ewigkeit. Amen