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Predigt Weihnachten – D. Bolz

Lesung: Jes 52, 7-10 / Evangelium: Joh 1, 1-5.9-14

In Festfreude versammelte Schwestern und Brüder!
Haben Sie das in den letzten Tagen in der Zeitung gelesen bzw. in den Nachrichten verfolgt? Da hat ein Meinungsforschungsinstitut doch glatt folgende steile These aufgestellt: „Die Weihnachtsgeschichte sei ausgelaugt und verschlissen – die Seelsorgerinnen und Seelsorger hätten „aus-gepredigt“; es würde ihnen nichts Neues mehr zum Evangelium von Weihnachten, nichts Neues zur Geburt Jesu einfallen.“ So also – etwas verkürzt – der Tenor dieser Meinungsmacher und dazu scheint zu passen, dass dieses Jahr tatsächlich nur noch etwas mehr als jeder Fünfte für sich in Erwägung zieht, einen Weihnachtsgottesdienst zu besuchen. Wenn ich mir das so überlege, dann habe ich schlechte Karten, wenn ich Ihnen jetzt die Weihnachtspredigt halte bzw. Sie haben schlechte Karten, weil Sie diese jetzt hören müssen. Oder kann uns die Weihnachtsbotschaft tatsächlich noch vom Hocker reißen? kann sie Sorge dafür tragen, dass Sie etwas mitnehmen für die kommenden Tage, ja vielleicht sogar das kommende Jahr? Ich möchte es versuchen und lege dazu folgendes in die Krippe:
Die Krippe – ausgelegt mit zerknülltem Zeitungspapier und nicht mit Stroh. Jesus – nicht auf dem Stroh der Vergangenheit, sondern mit den Schlagzeilen der Tageszeitung – ein ungewohntes
Bild, aber ein wichtiges Glaubensbekenntnis. Weshalb?
Nun, wer das Krippenkind auf die zerknüllten Zeitungsnotizen der Weltpolitik legt, der bekennt: Jesus, dessen Geburtstag wir feiern, der hat etwas zu sagen zu den Ränkespielen der Macht, die wir tagtäglich in der Politik erleben; der hat etwas zu sagen zu Krieg und Terror, zu Fanatismus und den Menschen verachtenden Grausamkeiten, die überall auf der Welt passieren. Dieses Kind in der Krippe hat etwas zu sagen, zu denen, die Vorurteile gegenüber Menschen schüren und die mit rassistischen Tönen auch in unserem Land wieder auf Stimmenfang gehen. Ja, dieses Kind redet allen ins Gewissen, die die Gleichheit und die Geschwisterlichkeit der Menschen in Frage stellen und sich als Herren über anderen sehen. Denn dieses Kind stellt einen Maßstab auf, der das Zusammenleben im Großen wie im Kleinen verändern könnte. „Ihr wisst“, sagt das Kind als Erwachsener, „dass die Herrscher ihre Völker unterdrücken und die Mächtigen ihre Macht miss-brauchen. Bei euch aber soll es nicht so sein, sondern wer bei Euch groß sein will, der soll der Diener aller sein….“. Und was so für die Politik gilt, das gilt in derselben Form für die Kirche, die sich ja als Kirche Jesu Christi versteht. Nicht Stärke und Ansehen, nicht Einfluss und Dominanz, nicht Kirchenrecht und Dogmen sollen das letzte Wort haben, sondern das Wohl aller Menschen – nicht nur der Christen – muss oberste Richtschnur sein. Dann kann sich die Kirche ändern; sie wird wieder wahrgenommen als eine Kirche für die Menschen und nicht um ihrer selbst Willen – und mit so einer Kirche verändert auch die Welt ihr Gesicht und wird neu. Damit die Mächtigen in Welt und Kirche in ihren Machtspielen das nicht vergessen, feiern wir Weihnachten.
Nun gibt es in den Zeitungen aber auch die Lokalseiten. Wer das Krippenkind darauf legt, der will damit sagen: Jesus, dessen Geburtstag wir feiern, der bietet uns Lebensregeln, an denen wir uns in den kleinen und großen Dramen unserer Alltags orientieren können; z.B. wenn wir mit Streit und Neid, mit Einsamkeit und Verbitterung, Armut und Not konfrontiert werden. „Alles, was ihr von anderen erwartet, das tut auch ihnen“, sagt er – und er fährt fort: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“ Wenn gegenseitige Wertschätzung, Respekt und Toleranz, wenn Fürsorge und Hilfsbereitschaft unseren Umgang miteinander prägen – dann können wir dem Frieden in unseren Familien und Gemeinschaften, in unseren Straßen und Städten einen großen Schritt näher kommen. Das gilt für die, die Verantwortung in den Rathäusern und Kommunen tragen, das gilt aber auch für die, die die Bürgerschaft am Ort bilden. Nicht stetige Vorwürfe und Auseinandersetzungen bringen eine Kommune weiter, sondern das gemeinsame Suchen nach dem, was für den Ort wichtig ist. Und was für Gemeinschaft an einem Ort gilt, das gilt natürlich auch für die kleineren Kreise, wie unsere Familien, die Vereine usw. Dann leben wir in diesem unserem Alltag eben nicht das Motto „was dein ist, ist auch mein und was mir gehört, geht dich nichts an!“ sondern wir achten darauf, dass alle zum Zuge kommen, dass wir schauen, wem unser Verhalten, wem unsere Zielsetzung nützt. Dann schauen wir, dass in unseren Familien, selbst wenn sie scheitern, ein Umgangston gepflegt wird, der nicht von Vorwürfen und Schuldzuweisungen geprägt ist, sondern vom Ziel, für alle eine gute und pragmatische Lösung zu finden. Und wenn wir so das Miteinander bedenken, dann bringen wir uns auch in unsere Kirchengemeinde ein und achten durch unseren Beitrag und unser Engagement darauf, dass hier etwas von der Botschaft des Krippenkindes spürbar und erfahrbar ist. Ja, damit wir im Gedächtnis behalten, wie die Botschaft Jesu unser aller Zusammenleben verändern könnte, deshalb feiern wir Weihnachten – deshalb feiern wir seinen Geburtstag.
Jetzt gibt es in unseren Zeitungen – bei uns im Schwabo meist auf der vorletzten Seite – auch die Todesanzeigen. Ihnen gilt mein letzter Gedanke. Denn wer das Krippenkind auf die zusammengeknüllten Todesanzeigen legt deutet an: Jesus, dessen Geburtstag wir feiern, der bringt einen Hoffnungsschimmer in das Leben der Trauernden und Leidenden. Er verspricht ein Leben, das selbst der Tod nicht zerstören kann: „Wer mein Wort hört und dem glaubt, der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben; der ist aus dem Tod ins Leben hinübergegangen“. Wenn wir uns an dieser Hoffnung festhalten, wenn wir diesem Versprechen trauen, dann kann uns das in manchem Schmerz trösten. Und: Es kann uns helfen, in Krankheit und Leid nicht zu verzweifeln. Denn dann können wir glauben, dass unser ganzes Leben eine einzige Adventszeit ist – an deren Ende unsere Ankunft bei Gott steht, unsere Vollendung in seinem Reich. Damit uns diese Hoffnung trägt, damit uns diese Hoffnung im wahrsten Sinne des Wortes „einleuchtet“ – deshalb feiern wir Weihnachten und wir feiern es mit vielen Kerzen am Christbaum.
Eine Krippe – gefüllt mit Zeitungspapier und aktuellen Schlagzeilen und darauf Jesus, das Geburtstagskind – für mich ein ganz starkes Weihnachtsbild. Und: Vielleicht haben die Meinungsforscher doch nicht recht mit dem, was sie über das Weihnachtsfest so meinen. Von wegen – die Weihnachtsbotschaft ist ausgepredigt…..Im Gegenteil: Sie hat auch heute noch viel zu sagen….

Bertram Bolz, Diakon