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Predigt Ostersonntag – D. Bolz

Liebe, in der Auferstehungsfreude versammelte Schwestern und Brüder!
Eine moderne Legende erzählt, dass Gott mit der Neugierde der Menschheit nach seiner Person ein Einsehen hatte und er deshalb dem Papst (es stand nicht dabei, welcher es war) einen kurzen Blick in den Himmel gewährte. Aus diesem Anlass waren Theologen und Kardinäle aus der ganzen Welt angereist und warteten ungeduldig mit einer unübersehbaren Zahl von Gläubigen auf dem Petersplatz darauf, was der Papst wohl von diesem einmaligen Blick berichten würde. Ein langes, beunruhigendes Schweigen erfüllte den Platz. Dann, auf einmal, sprach der Papst leise und bedächtig: „Es ist unglaublich: Sie ist schwarz!“
Die einen mögen empört sein über eine solche Erzählung, andere schmunzeln darüber. Aber heißt Ostern und Auferstehung nicht auch: Unglaubliches zu glauben? Ja kann das vielleicht sogar heißen: Gottesbilder zu überprüfen und sie zu hinterfragen? Für mich ist es heute noch eigenartig, und das ist nun wirklich keine Legende, dass ausgerechnet jener Papst, der nur einen Monat dieses Amt ausüben konnte, nämlich Johannes Paul I., bei einer Audienz äußerte, was vor ihm noch nie ein Papst zu sagen gewagt hatte: „Gott ist nicht nur Vater. Er ist auch Mutter.“
Eine überraschende Aussage, die sicherlich nicht die Zustimmung aller Theologen und Gläubigen findet. Dabei ist Gott für mich noch weitaus mütterlicher, verständnisvoller und zärtlicher als es wohl die beste Mutter auf der Welt sein kann. Und: Die Frau und Mutter ist diejenige, die Leben schenkt, die Leben zur Welt bringt, die liebevoll tröstet und weit mehr Gefühle offen zu zeigen in der Lage ist – als wir Männer uns dies oft zu- und eingestehen wollen.
Kann es also nicht sein, dass sich deshalb Frauen auch leichter taten, diese radikal neue Botschaft der Auferstehung anzunehmen und zu glauben? Verstehen – so wie man eine mathematische Formel versteht – wird man sie ja sowieso nie können; aber sie glauben, sie vertrauensvoll annehmen und für sich bedenken, das hat etwas mit Gefühl zu tun und da erleben wir die Zeugin der Auferstehung – Maria Magdalena – eben ganz anders, als z.B. einen Petrus. Als er beim Grab angelangt ist, betrachtet er alles penibelst genau: Die Leinenbinden, das Schweißtuch; alles genau registriert – aber mehr nicht. Keinerlei weitergehende Reaktion. So schwerfällig er offensichtlich auf dem Weg vorwärtsgekommen ist, so verständnislos steht er dann im Grab. Dass er jetzt glauben würde, dass das leere Grab ihn in seinem Glauben auch nur irgendwie weitergebracht hätte, davon ist am Ostermorgen bei Petrus offensichtlich nichts zu spüren.
Ganz anders Maria. Sie zeigt nach außen, was in ihr vorgeht. Wir erleben sie suchend, fragend, weinend und zweifelnd. In ihrem Schmerz ist sie hin- und hergerissen. Und ich glaube, jede und jeder von uns, der schon einmal einen geliebten Menschen verloren hat, kann da mit ihr fühlen. Der Tod zieht den Menschen, der liebend zurückbleibt fast selber ins Grab. Aber alles Suchen hilft nichts: Der geliebte Mensch ist nicht mehr da – der Ort des Todes nur noch Verlassenheit und Leere. Was bleibt sind Tränen, stummer Ausdruck von Schmerz, der in der Seele wehtut. Wohlmeinende Worte nutzen da nichts. Und die Frage: „Warum weinst du?“ klingt in dieser Situation fast schon wie Spott und Hohn. Sie redet mit dem Gärtner und erwartet doch nicht wirklich eine Antwort, die ihr weiterhilft. Sie dreht sich um – und im Weggehen, im „Nichts-mehr-sehen-und-hören-wollen“, da trifft sie ein Wort, das unverwechselbar nur für sie bestimmt ist. Sie hört ihren Namen, sie wird beim Namen gerufen: Maria. Der Rufende hat sich ihr zugewandt und sie wendet sich noch einmal um – und dann spricht sie aus, was sie nie zu glauben gewagt hatte: Rabbuni!
Petrus, für uns die Verkörperung des Amtes schlechthin, ist noch am Untersuchen, am Abwägen, ungläubig allem Neuen gegenüber, während Maria schon von Glauben erfüllt die neue Dimension der Wirklichkeit längst erahnt. Dieses so unheimlich dichte Evangelium ist wie ein Lehrstück; ein Gleichnis über die Behäbigkeit des Amtes auf der einen und die liebende Ungeduld der Praxis vor Ort auf der anderen Seite. Das Amt ist von Natur aus vorsichtig, hat weit mehr Angst vor allem Neuen und Ungewohnten, muss immer alles bis in alle Kleinigkeiten hinein prüfen und fürchtet sich davor, sich endgültig festzulegen – manchmal so lange, dass Gottes Geist die Lösungen schon präsentiert, während amtlicherseits noch immer über die Ursachen nachgedacht wird.
Aber kehren wir zu Maria zurück: Sie lernt durch all ihre Gefühle, die sie an diesem Ostermorgen erlebt und erleidet, dass ihr selbst so etwas wie Auferstehung beschieden ist. Ihr bisheriges Leben an der Seite Jesu, das spürt sie deutlich, wird es so nicht mehr geben. Sie spürt, dass sie ihn nicht fest-halten kann und für sich behalten darf; nein, sie muss aufstehen und sich senden lassen. Denn: Sie, die Frau, soll den verängstigten Männern hinter ihren verschlossenen Türen sagen, dass ER lebt. Und so wird sie, weil sie ihre Gefühle zugelassen und ihnen getraut hat, zur offiziellen Sendbotin Gottes für das radikal Neue seiner Botschaft.
Und was hat dies alles nun mit der eingangs erwähnten Legende zu tun? Ich glaube fest daran, dass wir die Zärtlichkeit, die Liebe und mütterliche Fürsorge Gottes als seine wesentlichen Eigenschaften wieder entdecken sollten, denn sie stehen für das, was wir heute feiern. Wir feiern mit der Auferstehung Jesu die Zärtlichkeit Gottes, die das im Tod verborgene Leben neu entstehen lässt. Was unsere Welt heute braucht um Ostern verstehen zu können ist ein Gottesbild, das den ganzen Reichtum jenes Lebens auszudrücken vermag, welches Gott selbst in uns gelegt hat. Das gilt dann aber auch für unsere Kirche, die diese Botschaft des Lebens zu verkünden hat. Deswegen sollte in dieser Kirche auch in ihren Ämtern beides zum Ausdruck kommen – die väterliche und die mütterliche Seite Gottes. So wie Gott in Jesus Christus nicht als geschlechtsloses Wesen zur Welt gekommen ist, kann es in dieser Kirche nicht darum gehen, Mann gegen Frau oder Frau gegen Mann auszuspielen. Doch nachdem man nun über Jahrhunderte hinweg die männliche Seite Gottes recht einseitig betont hat, halte ich es für mehr als angebracht, gerade am Fest des Lebens, uns Gottes notwendige weibliche Ergänzung ins Bewusstsein zu rufen. Dazu bedarf es keiner großen Theologie; da genügt unser ganz normaler Glaubensverstand. Denn wir Männer und Frauen wissen doch sehr genau, dass der Gott, den wir in uns tragen, weit mehr und weit größer, weit umfassender und weit liebevoller ist, als theologische Fachleute es sich vorstellen können oder gar über ihn verordnen wollen. Dieser Gott des Lebens ist nicht nur größer als unser Herz, er ist eben auch größer als das, was wir von ihm denken können. Und wie heißt es schon zu Beginn der Schöpfung: Wir sind Abbild Gottes – als Mann und Frau!
An Ostern geht es also nicht um männliche oder weibliche Sehnsüchte nach Erlösung. An Ostern geht es um den ganzen Menschen. Wir werden – davon bin ich überzeugt – dieses Fest erst dann wirklich begreifen, wenn wir uns das Wesen Gottes sowohl mütterlich als auch väterlich denken und vorstellen können und wenn wir dem mütterlichen Anteil Gottes in unserer Kirche, ihren Ämtern, der Liturgie und unseren Gebeten auch den entsprechenden Platz einräumen. Amen.

Bertram Bolz, Diakon