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Predigt Karfreitag – D. Bolz

Predigt am Karfreitag 2019

Schwestern und Brüder!
Der Altar leer, abgedeckt, ohne Schmuck. Im Zentrum soll heute einzig und allein das Kreuz stehen. Der Blick darauf zeigt uns eine beängstigende Enthüllung: Denn wir schauen auf den gescheiterten Versuch Gottes, das Himmelreich auf Erden wahr zu machen. Was wir sehen ist der Mensch, der die Liebe Gottes in dieser Welt sichtbar machen wollte und der doch am Ende seines Lebens mit ausgebreiteten Armen am Holz des Kreuzes hängt. Das ist die Botschaft des Karfreitages – und es ist, so meine ich, eine höchst doppeldeutige. Denn vordergründig betrachtet müssen wir sagen: Es waren andere, die ihm grausam und gewaltsam die Arme ausgebreitet haben. Da fragt man sich doch unweigerlich: Was muss wohl in diesen Männern vorgegangen sein, als sie diesem wehrlosen Menschen die Nägel in seinen Körper getrieben haben? Doch Vorsicht! Genauso können wir auch heute fragen: Was geht in Menschen vor, die andere mit Elektroschocks so lange malträtieren bis diese vor Schmerzen ohnmächtig werden? Was geht in Menschen vor, die so lange auf andere einschlagen, bis diese sich nicht mehr rühren? Warum sind Menschen in der Lage andere – im wahrsten Sinne des Wortes – bis aufs Blut zu quälen? Was geht in Männern vor, die Frauen brutal vergewaltigen oder in Erwachsenen, die Kinder missbrauchen? Wenn ich solche Nachrichten höre, dann versagt oft meine menschliche Vorstellungskraft. Aber vielleicht hat ja die Jüdin Hannah Arendt recht, wenn sie schreibt: Das alles sind oft ganz normale Menschen – Menschen wie Sie und ich.
Nun ist aber das Hintergründige an diesen ausgebreiteten Armen Jesu etwas ganz besonderes: Diese Arme wirken nämlich auf mich wie eine Dokumentation dessen, weshalb man diesen Menschen hingerichtet hat. Denn das Ganze geschah doch nur, weil dieser Jesus Zeit seines Lebens die Arme ausgebreitet hatte. Und zwar für all jene, die ansonsten von anderen nur zum Teufel gejagt werden. Diese ausgestreckten Arme sind so typisch für ihn und sie machen deutlich, wie er den Menschen seiner Zeit begegnet ist. Mit offenen Armen ist er Kindern und Kranken gegenüber getreten; mit offenen Armen ist er auf all jene zugegangen, die als Abschaum der Menschheit galten – auf Zöllner, Dirnen, Sünder und was sonst noch so alles als Gesindel von den so ehrenwerten anderen Personen angesehen wurde. Das gab natürlich Ärger – ohne Frage. Deshalb wurde er auch immer wieder von seinen Freundinnen und Freunden aufgefordert, dieses Engagement für diese Leute doch bleiben zu lassen. Aber nein, er hörte mit dem Arme ausbreiten nicht auf, weil er gar nicht damit aufhören konnte. Es war seine tiefste innere Überzeugung, dass Gott genauso handeln würde wie er. Und in seinen Erzählungen über den Vater, da wird dieser Gott ja auch als einer geschildert, der dem Verlorenen nachgeht; der den heimkehrenden Sohn nicht zur Rede stellt und ihn erst einmal abkanzelt, sondern der ihn einfach umarmt, küsst und wieder in Amt und Würden einsetzt. Wer tatsächlich weiß, was Liebe ist und zu was sie imstande ist, der versteht eine solche Handlungsweise. Und wie gerne würden wir sie verstehen und praktizieren? Doch leider stehen wir uns oft selbst im Wege, weil wir lieber aussortieren: Liebe – ja sicherlich, aber eben nicht für jede und jeden. Jesus ist da aber das krasse Gegenteil von uns. Er wollte nicht aussortieren, sondern ihn drängte es nach einer Nähe zu allen Menschen – und genau das brachte ihn ans Kreuz.
Wenn ich das alles so betrachte, dann meine ich schon, dass wir heute oft Gefahr laufen, diesen Jesus immer weniger zu verstehen, weil die Pflege menschlicher Nähe und Zuwendung in unserer Zeit stetig abnimmt. Von Kindesbeinen an wird uns eingetrichtert, dass wir so leben sollen, damit wir uns in dieser Welt zurechtfinden. Und das heißt: Ellbogen benutzen, sich einen dicken Panzer zulegen, ein gewisses Maß an Skrupellosigkeit aneignen, um ja nicht auf andere angewiesen zu sein, sondern sich selbst zu recht zu finden und sich durchzuboxen. Gefühle, die darf man heutzutage nicht zeigen bzw. sich nicht leisten, denn sonst ist man verraten und verkauft – so zumindest wird es uns nur allzu häufig suggeriert.
Wenn dann allerdings einer daherkommt und dergestalt aus der Reihe tanzt, dass ihm Menschen wichtiger sind als Besitz, als eine reibungslose Organisation oder Karriere, dann bringt das ganz gewaltig Sand ins Getriebe. So wie auch Papst Franziskus mit seiner Sichtweise der Armen ganz gewaltig Sand ins Getriebe des vatikanischen Apparates und so mancher Exzellenzen und Eminenzen gebracht hat und immer wieder neu bringt. Ich persönlich freue mich über diesen Papst, der die Armen und die Armut, die Zuneigung und Barmherzigkeit Gottes diesen Menschen gegenüber in den Mittelpunkt stellt. Aber wenn ich dann von dem ein oder anderen Bischof oder Kardinal höre, dass die Kirche sich geradezu nach den Idealen eines Papst Franziskus gesehnt habe, dann frage ich mich schon: Was sagt denn dieser Papst wirklich so Neues, was wir nicht auch schon vorher gewusst hätten – aber eben nicht beachtet haben? Nichts! Allerdings lebt Papst Franziskus, was er sagt. Und das stört auch viele; denn das bedeutet Verzicht, ein sich Zurücknehmen und Hinwenden zu anderen. Jesus hat das vorgelebt – und deswegen hat er die religiöse Obrigkeit gestört und wurde aus dem Weg geräumt.
Das Kreuz, welches wir am heutigen Tag betrachten, zeigt wohin es führen kann, wenn man einem Menschen die Armfreiheit nimmt. Er blutet aus und stirbt. Wer aber Menschen die Nähe zu anderen Menschen raubt, der betreibt das Geschäft des Todes. Was ich damit sagen will? Vielleicht kann ich es am ehesten mit den Worten einer Frau zum Ausdruck bringen, die sich mir gegenüber mal so geäußert hat: „Wissen Sie, was das Schlimmste beim Sterben meines Mannes war? Dass ich das Gefühl hatte, wie wenn bei je-dem Streicheln seiner Wangen, bei jedem Halten seiner Hände der Tod mir ständig seine Fratze zeigte als wollte er mir sagen: Du kannst hier noch so viel Nähe versuchen; dein Mann wird sich immer weiter und weiter von dir entfernen und es gibt nichts, was diese Trennung aufhalten kann. Ja, dieses Gefühl war das Schlimmste!“
Genau das aber erfuhr auch Maria. Obwohl sie nur wenige Meter von ihrem Sohn entfernt war, hat der Tod diese Distanz immer mehr vergrößert. Und auch der Sterbende hat diese Verlassenheit so empfunden. Er war drauf und dran, sich von Gott verlassen zu fühlen, obwohl er sich doch Zeit seines Lebens aufs Innigste mit ihm verbunden wusste. Aber – und das ist für mich schlussendlich das Erstaunlichste – trotz alledem hat Jesus nicht aufgehört, anderen Nähe zu schenken. Weil er selbst nicht mehr umarmen konnte, hat er anderen aufgetragen, dies für ihn oder in seinem Namen zu tun. Wie sagte er zu Johannes? „Siehe da, deine Mutter!“ Und zu ihr sagte er: „Siehe da, dein Sohn!“ Und dann ist er erst gestorben. Grausam für die, die ihn liebten, weil der Tod menschliche Nähe zerstört. Aber unfreiwillig haben all jene, die ihn kreuzigten dafür gesorgt, dass wir uns genau daran heute erinnern: Dass die Arme Jesu eben auch in seinem Tod ausgestreckt bleiben – für Sie und für mich. Deshalb möchte ich gerne den Slogan der Schülerinnen und Schüler dieser Tage: „Fridays for future“ für mich heute umwandeln und behaupten: „This Friday is future!“ Amen!

Bertram Bolz, Diakon