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Predigt Gräberbesuch 2018 – D. Bolz

Predigt zum Gräberbesuch 2018 in Heumaden
L II: Röm 14, 7-9.10c-12 / Ev.: Joh 5, 24-29

Schwestern und Brüder!
„Noch hängt der Mantel an der Garderobe, die Handtasche steht griffbereit, der Regenschirm lehnt noch im Ständer neben der Haustür…es müsste nur die Tür aufgehen. Aber sie bleibt geschlossen. Unsere Mutter ist tot, gestorben nach langem Kampf mit der Krankheit“, so sagen es die Kinder. Vielleicht haben Sie ähnliches in den vergangenen Monaten erlebt. Einen lieben Menschen, ein Elternteil, ein Kind, den Partner/die Partnerin oder einfach einen Freund/eine Freundin verloren. Dann wissen Sie, wie es sich anfühlt; wie es einen trifft und wie lange es dauert, bis schließlich die Tränen versiegen und die Wunden heilen.
Wenn wir den Gedenktag Allerseelen hier auf dem Friedhof begehen und dabei an unsere lieben Verstorbenen denken, dann werden wir immer auch mit Fragen konfrontiert, die uns teils schwer im Magen liegen. So haben wir in der Lesung gehört, dass wir – „ob wir leben oder sterben dem Herrn gehören“ und im Evangelium war die Rede vom Gericht am Ende des irdischen Lebens. Solche Texte führen zwangsläufig dazu, dass wir fragen: Wie ist das am Ende unseres Lebens? Was erwartet uns, wenn wir die Augen schließen? Bis hin zu den Fragen: Wie geht es unseren lieben Verstorbenen jetzt? Wo sind sie? Und bei allem tröstlichen, welches die christliche Botschaft beim Tod eines Menschen bereithält, tauchen hier eben auch Begriffe wie „Fegefeuer“ und „Hölle“ auf. Ich weiß, wir zucken bei diesem Thema innerlich zusammen, weil es sehr stark nach finsterem Spätmittelalter riecht; nach krank machender Drohbotschaft und womöglich schockierenden Horrorbildern einer jenseitigen Folterkammer. Es ist eine Lehre, die uns Katholiken rigoros von den anderen christlichen Kirchen des Ostens und des Westens trennt und die maßgeblich dazu beitrug, dass 1517 diese Einheit der westlichen Kirche letztlich verloren ging. Wir erinnern uns: Mit der Verehrung von Reliquien war die Verheißung verknüpft, dass spenden-freudige Pilger einen Ablass erwerben können, für sich selbst und für liebe Verstorbene. Je größer dabei die Spende war, umso größer auch der Nach-lass von Bußjahren. Dass damals viel Schindluder mit der Angst der Menschen getrieben wurde, darüber brauchen wir nicht mehr zu reden. Aber die Frage ist doch: Können wir einer solchen Lehre vom „Fegefeuer“ überhaupt einen Sinn abgewinnen? Kann es vielleicht sogar gut sein, ein solches „Vorzimmer des Himmels“ zu haben, um sich auf die Begegnung mit Gott einzustellen?
Lassen Sie mich den Versuch machen, keine dogmatische, sondern eine seelsorgerliche Antwort zu finden; eine Antwort, die meinen persönlichen Glauben und meine Überzeugung wiedergibt. Gott – und ich glaube, da stimmen Sie mir zu – ist unser Vater, wie das Jesus auch im Vater-unser-Gebet zum Ausdruck gebracht hat. Wenn es aber stimmt, dass Gott für uns der liebende Vater ist, dann ist auch klar, dass er für uns nur das Beste will – sowohl hier wie eben auch später. Dieses Später, diese Vision eines Weiterlebens nach dem Tod nennen wir Himmel. Allerdings denken wir da-bei nicht an die Wolken über uns, sondern an eine ganz andere Seinsweise. Die Engländer würden sagen: Nicht sky ist damit gemeint – also der Ort, an dem die Flugzeuge unterwegs sind und die Wolken hängen – sondern „heaven“, der Ort mit dem höchsten Glücksempfinden. Dafür also hat Gott den Menschen bestimmt, für den „heaven“ – das ist unsere Berufung.
Nun wissen wir aber auch: Gott hat uns Menschen mit einem freien Willen ausgestattet. Wir sind also kein Hampelfiguren an der Leine Gottes; nein, wir Menschen besitzen die Freiheit, Handlungen nach unserem je eigenen Denken und unserem je eigenen freien Willen zu setzen. Also kann ich einerseits dem Willen Gottes entsprechen, ich kann ihn aber genauso gut verwerfen. Ich kann gut handeln, ich kann aber auch Schlechtes tun. Was aber wenn ein Mensch stirbt, der Schlechtes getan hat? Kommt der auch in den Himmel? Wie soll das gehen, wenn der Himmel doch ein Ort ewiger Glückseligkeit ist, an dem es doch nur Gutes gibt? Wie kann man dort glücklich sein, wenn es darin auch wieder Böses gibt? Das kann nicht sein; also muss das Böse draußen bleiben – aber wo?
Die jüdisch-christliche Tradition erzählt deshalb von einem entgegengesetzten Ort, den wir als Hölle bezeichnen. Oder anders gesagt: ein Ort des ewigen Unglücklich-Seins. Aber wer kommt dahin? Schließlich wollen wir ja alle in den Himmel. Hand aufs Herz: Ist es nicht so, dass auch wir – Sie und ich – Schlechtes an uns haben? Dass wir Schwächen unser eigen nennen, die hin und wieder von uns Besitz ergreifen und die wir – jetzt mal ganz objektiv betrachtet – als schlecht oder böse bezeichnen müssen? Gut, vielleicht haben wir die eine oder andere Schlechtigkeit schon zu Lebzeiten bereut und Gott hat uns das längst verziehen. Aber was ist mit jenen Übeln, die wir als solche noch gar nicht erkannt haben? Es gibt mit Sicherheit Fehler, die wir nicht sehen und die deshalb im Tod zu mir gehören, ein Teil von mir sind. Kann ich damit aber in den Himmel kommen? Eigentlich nicht. Aber deshalb gleich in die Hölle müssen? Das wäre ein starkes Stück. Schließlich gibt es ja nicht nur Böses an uns, sondern auch viel Gutes.
Gerade deshalb aber gibt es in der christlichen Tradition die Vorstellung vom Fegefeuer. Ich halte diese Vorstellung nicht für verkehrt, nur – der Begriff ist in meinen Augen völlig daneben. Es geht hier doch nicht um Feuer und sengende Flammen, springende und pieksende Teufelchen, die mir Qualen bereiten. Deshalb plädiere ich dafür, zum alten lateinischen Begriff des Purgatoriums zurück zu kehren. Purgare heißt reinigen und Purgatorium meint somit einen Ort der Reinigung. Einen Ort oder eine Dimension, in der ich mich selbst mit meinen weniger guten Seiten erkenne und diese durch die Liebe Gottes überwinden kann. Es ist ein Moment der Läuterung – vielleicht eine Art „Schönheitssalon im Vorhimmel“, in dem meine Seele fähig gemacht wird, Gott zu begegnen.
Wie das gehen soll? Nun, wenn ich sterbe, dann erwartet mich nicht eine nebulose Wirklichkeit, sondern Gott selbst: Er ist da und nimmt mich in seine Arme wie eine liebende Mutter oder ein liebevoller Vater. Und dann stelle ich mir vor, wird Gott mich fragen: „Wie war’s? Wie geht es Dir?“ Und dazu braucht es nicht viele Worte, sondern da reichen die Gefühle, der Blick, die Stimme des Herzens. Gott wird da sein und mit mir mein Leben durchgehen und anschauen – und dann werde ich eben auch erkennen, was gut, was schön und gelungen war; aber eben auch, was mir nicht gelungen ist, was ich falsch gemacht habe oder was mir danebengegangen ist. Und wie könnte es anders sein, als dass mir genau diese Einsicht in der Gegenwart Gottes leid tut; dass es mich schmerzt, wie “brennend“ dieser Gott an meinem Leben interessiert ist. Es sind also keine Flammen, keine Teufel, die in mir brennen, sondern vielmehr die traurige Einsicht, über die Fehler in meinem irdischen Leben. Die Gnade des Himmels ist kein lässiges Durchwinken und kein lockeres „Okay“. Gott will, dass seine Barmherzigkeit wirklich und nachhaltig in mir ankommt, dass sie sich durch meine Elefantenhaut und mein hartes Herz durcharbeitet. Das harte und eiskalte „Grönlandeis“ in mir muss schmelzen, damit Gott mich präparieren kann und ich frei werde für den Himmel.
Bei einer solchen Sichtweise bleibt natürlich zu recht die Frage: Wozu dann aber noch die Hölle? Und ich meine, es braucht sie als potentielle Realität für jene Menschen und Seelen, die diesen Weg des Guten nicht beschreiten wollen. Nochmals: Wir sind frei. Gott zwingt uns nicht zum Guten, sondern er schlägt uns diesen Weg vor; er zwingt uns nicht zur Reinigung, sondern er bietet sie uns nur an. Ob wir aber dieses Angebot annehmen, das ist nicht seine, sondern unsere ureigene Entscheidung im Augenblick unseres Todes, in der Begegnung mit Gott selbst. Allerdings glaube ich – und davon bin ich im Herzen überzeugt – dass diese Begegnung mit ihm so überwältigend, so liebevoll sein wird, dass tatsächlich jeder Mensch zu einer echten Umkehr fähig und sich niemand diesen Weg zum Himmel selbst verschließen wird. Genau deshalb konnte auch der große Theologe Karl Rahner sagen: „Natürlich gibt es die Hölle, aber sie ist leer.“ Auf uns Menschen wartet der Himmel. Amen.

Bertram Bolz, Diakon