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Predigt Dreikönig -D. Bolz

Predigt am Fest der Erscheinung des Herrn 2020
L I: Jes 60, 1-6 / Ev.: Mt 2, 1-20

Schwestern und Brüder!
Seit Jahren gehöre ich zur großen Fangemeinde der Tatort und Polizeiruf-Krimis am Sonntagabend. Es ist für mich immer wieder äußerst spannend, wie unterschiedlich die Kommissarinnen und Kommissare ermitteln; wie sie Verhöre führen, recherchieren, Spuren verfolgen und nach Motiven suchen – so lang, bis sie den Fall gelöst haben. Genau das ist für mich aber der Anlass, heute selbst mal Kommissar zu spielen und etwas Licht in einen der spannendsten Fälle der Kirchengeschichte zu bringen – den Fall „Dreikönig“.
Wichtigster Zeuge für mich ist dabei der Evangelist, der als einziger diesen „Fall“ überliefert hat – Matthäus. Und so möchte ich von ihm gerne wissen, was denn wahr ist an seiner Geschichte – und was von ihm erfunden wurde. Dabei ist mir bewusst, dass er mir wohl lächelnd antworten würde: „Eigentlich ist alles erfunden – und trotzdem ist es auch wahr. Ich erkläre es Ihnen so: Ich, Matthäus, war ein Christ am Ende des 1. Jahrhunderts. Jesus war für mich der erwartete Messias. Er wurde in Bethlehem zurzeit des Königs Herodes geboren; später von seinem eigenen Volk abgelehnt und getötet und wiederum von den Heiden als auferstandener Herr und König verehrt. Genau diese Wahrheit wollte ich meiner Gemeinde nahebringen – und dabei bin ich folgendermaßen vorgegangen: Ich habe zuerst in den Schriften, die Ihr heute „Altes Testament“ nennt, nach Hinweisen auf den Messias gesucht – und bin dabei beim Propheten Micha fündig geworden: „Du, Bethlehem, bist keineswegs die unbedeutendste unter den führenden Städten von Juda; denn aus dir wird ein Fürst hervorgehen, der Hirt meines Volkes Israel.“ Um diesen Satz herum habe ich dann eine Geschichte über die Geburt Jesu geschrieben. Mit der Erwähnung von Herodes und den Schriftgelehrten will ich dabei aufzeigen, wer Jesus ans Kreuz bringen wird und in den Sterndeutern sehe ich die heidnische Welt, die später zum Glauben an Jesus findet.
Dann sagt mir Matthäus: „Beim Propheten Bileam habe ich den Satz entdeckt: Ein Stern geht auf über Jakob“. Von manchen Großen der Welt, wie z.B. Cäsar oder auch Kaiser Augustus, wird erzählt, dass bei ihrer Geburt ein Stern aufgegangen sei. Da für mich aber Jesus der Größte und Wichtigste ist, darf in seiner Geschichte nach meinem Dafürhalten so ein Stern auch nicht fehlen. Und die Schätze der Sterndeuter? Nun, die habe ich aus dem 60. Kapitel des Propheten Jesaja abgeschrieben und ihr Niederfallen und Huldigen aus dem Psalm 72.“
Merken Sie was? Wie in einem Krimi können wir durch Matthäus schon einige Puzzleteile im Fall „Dreikönig“ zusammenfügen. Aber es gibt noch mehr Facetten. Die nächste Spur führt nämlich zu zwei Theologen des 3. Jahrhunderts – Tertullian und Origines. Letzterer muss dabei zugeben: „Ja, ich habe die Geschenke gezählt und damit behauptet, es müssten drei Sterndeuter gewesen sein. Außerdem wollte ich die drei Geschenke symbolisch deuten – das Gold steht für die Königswürde Jesu, der Weihrauch für seine Gottheit und die Myrrhe für seinen Tod.“ Tertullian gesteht sofort: „Ja, ich habe aus den Sterndeutern Könige gemacht. Aber ich habe dabei nur die Texte aus dem Alten Testament zitiert, die schon Matthäus als Vorlage gedient haben: „Völker wandern zu deinem Licht und Könige zu deinem strahlenden Glanz“ und „die Könige von Tarschisch und von den Inseln bringen Geschenke, die Könige von Saba und Seba kommen mit Gaben.“
Und wieder sind wir der Wahrheit ein klein wenig nähergekommen. Bei weiteren Recherchen stoße ich auf einen italienischen Künstler aus dem 6. Jahrhundert. Der arbeitet an einem Dreikönigsmosaik und legt über die einzelnen Figuren die Namen Caspar, Melchior und Balthasar. Er weiß, dass Caspar „Mann vom Kaspischen Meer“ bedeutet, Melchior „König des Lichts“ und Balthasar „Der Herr schütze den König“ – weiteres kann er aber nicht sagen. Erschwerend kommt jetzt hinzu, dass sich eine Mauer des Schweigens auftut bei der Frage, wer die drei Könige zu Vertretern der Erdteile Asien, Afrika und Europa gemacht hat. Auch wenn der Täter nicht ausgemacht werden kann, sein Motiv liegt auf der Hand: In allen Erdteilen, auf der damals bekannten Welt, soll Jesus als der Christus verehrt und angebetet werden.
Zuletzt noch eine Spur, die gleichfalls im Sande verläuft: Niemand kann mir verraten, wer denn das Lebensalter der drei Könige ausfindig gemacht hat – und wer dafür verantwortlich ist, dass ab dem Mittelalter auf den meisten Darstellungen ein Greis, ein Mann in mittleren Jahren und ein Jüngling zu sehen ist. Aber es gilt hier wohl dieselbe Theorie wie vorher: Kein Täter, aber durchaus ein Motiv: Alle Menschen – eben vom Kind bis zum Greis – sollen in Jesus ihren Herrn und Gott finden.
Nun ist bekannt, dass Ermittler ihre Recherchen von Zeit zu Zeit unterbrechen müssen, um innezuhalten und richtig zu kombinieren. Dieser Zeitpunkt ist für mich jetzt im Fall „Dreikönig“ auch gekommen. Weshalb? Weil deut-lich geworden ist, dass viele hier ihre Finger im Spiel haben. Vielleicht konnte ich Ihnen einige davon so näher bringen, dass es einleuchtend ist, weshalb sie was getan haben. Manche aber sind nicht mehr auffindbar oder haben sich im Dunkel der Geschichte versteckt. Doch allen ist ein ähnliches Motiv gemeinsam: Sie wollten ausdrücken, was Jesus für sie bedeutet. Sie wollten ihre Überzeugung und ihren Glauben weitersagen, dass ER der erwartete Messias ist; dass ER das Licht ist, welches Orientierung auf unserem Lebensweg sein will; dass Menschen aus der ganzen Welt zu IHM finden können und dass ER allen – von den Jungen bis zum Greis – in Liebe verbunden ist. Ja, am Ende können wir sagen: In der Dreikönigsgeschichte haben viele ihre Spuren hinterlassen.
Besonders prickelnd aber wird ein Fall dann, wenn die Ermittler urplötzlich selbst in den Fall verwickelt sind. Und genau das droht allen, die sich mit dem Fall „Dreikönig“ befassen. Wenn ich darangehe, die Symbole und Motive dieser Geschichte zu entschlüsseln, dann werde ich auf einmal selbst in das Geschehen mit hineingezogen; dann wird diese Sterndeuter-Geschichte auf einmal zu meiner eigenen Geschichte; dann rückt das, was andere aus dieser Geschichte gemacht haben auf einmal ganz weit in den Hintergrund und ich stehe vor der Frage, was diese Geschichte mit mir ganz persönlich macht. Sie möchte dann von mir wissen:
Welchem Stern folgst du eigentlich in deinem Leben? Hast Du noch eine Sehnsucht in Dir, in die Nähe Jesu zu kommen – lässt Du Dich von seinem Wort noch aufrütteln und in Bewegung setzen? Wie und wodurch zeigst du, dass du in ihm deinen Herrn und König gefunden hast; dass er derjenige ist, der dir und deinem Leben Halt und Hoffnung schenkt?
Welche Gaben und Begabungen bringst du mit – und welche Fähigkeiten kannst du in seinen Dienst oder den der Gemeinschaft aller Christen stellen, z.B. in den Gottesdiensten, in der tätigen Nächstenliebe, den Ausschüssen der Kirchengemeinde oder als Kirchengemeinderätin oder Kirchengemeinderat?
Der Fall „Dreikönig“ will uns zum Nachdenken über unseren eigenen Glauben bringen. Wenn Sie jetzt Lust bekommen haben, dann gehen Sie doch mal auf Spurensuche, inwiefern Sie Jesus kennen, was er mit Ihrer persönlichen Lebensgeschichte zu tun hat oder inwiefern ER das Licht schlechthin in Ihrem Leben ist. Viel Erfolg dabei!

Bertram Bolz, Diakon