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Predigt Dreifaltigkeitssonntag – D. Bolz

Predigt am Dreifaltigkeitssonntag
L I: Spr 8, 22-31 / Ev.: Joh 16, 12-15

Schwestern und Brüder!
Wie geht es Ihnen, wenn Sie folgenden Satz hören: „Wir glauben fest und bekennen aufrichtig, dass nur Einer der wahre, ewige und unveränderliche, unbegreifliche, allmächtige und unaussprechliche Gott ist: Vater, Sohn und Heiliger Geist: drei Personen, aber eine Wesenheit, Substanz oder auch gänzliche einfache Natur.“
Schwer verdauliche Kost – oder nicht? Und ich sage Ihnen, selbst wenn Sie diesen Text jetzt vor sich hätten und lesen könnten, er wäre nicht einfacher zu verstehen. Deshalb kann ich auch Nachsicht üben mit allen, die über eine solche Aussage nur mitleidig lächeln oder verständnislos den Kopf schütteln. Nur: das ist genau das, was über die Dreifaltigkeit Gottes, also über das, was wir heute miteinander feiern, in unserem Katechismus steht.
Bei solchen Sätzen beschleicht mich heute genau das gleich ungute Gefühl wie früher in Dogmatikvorlesungen: Alles nur theologische Spekulationen, großartig und fein philosophisch proportioniert – nur: Erfahren wir auf diese Weise wirklich wer und wie Gott ist? Und können wir Menschen letztlich von solchen Aussagen leben? Denn genau das und nichts anderes ist es ja – was dieser Gott für uns will – Leben in Fülle!
Interessant ist, dass die Heilige Schrift nie so von Gott spricht und ihr nichts an Kurzformeln und Definitionen von oder über Gott liegt. Was uns aber sowohl im Alten wie auch im Neuen Testament begegnet, das sind Erfahrungen – Erfahrungen, die Menschen mit diesem lebendigen Gott gemacht haben. Erst im Laufe der Jahrhunderte wurden diese Erfahrungen dann von Gelehrten in ein System gebracht – und seither laufen sie in meinen Augen eben auch Gefahr, dass sie mehr und mehr blutleer und leblos werden, wie ein Schmetterling, den man in Kunstharz gießt.
Wenn wir also wirklich wissen wollen, was sich hinter dem Glauben an den dreifaltigen Gott oder der sogenannten „Dreifaltigkeit“ verbirgt, dann müssen wir an den Anfang der Menschheit zurückgehen: Die Erschaffung der Welt, die Zeit von Abraham und Mose bzw. die Wüstenzeit Israels. Da erfahren wir, wie diese Menschen keinen sehnlicheren Wunsch hatten, als Gott so zu schauen, wie er wirklich ist – in seiner ganzen Größe und Herrlichkeit. Und Gott? Er wollte sich ihnen gegenüber offenbaren, wie das gegenüber einem sterblichen Menschen eben möglich ist. Entscheidend ist für mich dabei, dass Abraham und Moses diesen Gott als jemanden erfahren haben, der den Menschen und der Welt zugewandt ist. Einen gnädigen und barmherzigen Gott, langmütig und reich an Huld und Treue. „Es war ihm“, wie wir in der Lesung hörten, „eine Freude bei den Menschen zu sein.“ Sicher: Das Alte Testament strotzt oft nur so von menschlich-kriegerischen Vorstellungen über Gott, von seiner Grausamkeit und Forderung nach Vernichtung anderer Völker. Aber das waren häufig genug Gedanken, die Menschen von und über Gott hatten. Und doch gab es immer schon auch die Menschen, die das eigentliche Wesen Gottes, nämlich seine unermessliche Liebe, geahnt und beschrieben haben.
Und was sich in diesen liebevollen Texten des Alten Testaments andeutet, das macht dann Jesus in letzter und eindeutiger Konsequenz klar: Gott ist die unendliche, die unverlierbare und vor allem die bedingungslose Liebe schlechthin. Oder anders gesagt: Die Liebe Gottes, das ist der Kern aller Lehre über seine Dreifaltigkeit. In der uns von Gott zur Verfügung gestellten Schöpfung können wir Menschen diese, seine Liebe erkennen. Er ist für uns Schöpfergott oder einfach nur liebender Vater. Und weil dieser Vater seine Schöpfung und uns Menschen fast schon abgöttisch liebt, deshalb hat er seinen Sohn in diese Welt gesandt, damit wir sein Wesen nicht nur kennen-, sondern es mehr und mehr verstehen lernen.
Allerdings liefert uns der Sohn, wenn wir ins heutige Evangelium schauen, keinerlei hieb- und stichfeste dogmatische Formel, wie denn Gott nun zu definieren ist. Vielmehr spricht auch er von Gott in Bildern des Begegnens, der Beziehung und des sich Entwickelns: Der Geist Gottes ist es, der in die Wahrheit führen wird. Merken Sie, dass da nicht von etwas Fertigem die Rede ist? Dass es da nicht um eine Lehre über ihn geht, sondern um eine Beziehung, die er mit uns aufnimmt? Es geht ihm immer um das Geschenk von Nähe und Begegnung. Gott ist nicht abstrakt und auch kein philosophisch-theologisches Denkmodell. Nein, er will begegnen – Ihnen genauso wie mir. Wir sind ihm so viel wert, dass er uns in sein Leben und seine Liebe hineinnehmen will. Er ist ein Gott, der nach uns sucht, der uns nachgeht, weil er uns zum Leben führen will; weil er Licht in unser Leben bringen will und weil er mit uns kommunizieren möchte.
Wenn dem aber so ist, dann brauche ich – und das ist das tröstliche für mich – gar nicht unglücklich sein, wenn meine Gottesvorstellung noch unvollkommen und unfertig ist und ich diesbezüglich mit so mancher Katechismusformulierung auf Kriegsfuß stehe. Ich brauche auch nicht unglücklich zu sein über meine oft vorhandene Sprachlosigkeit, wenn ich von diesem Gott zu reden versuche, denn das ist ja gleichzeitig auch meine Chance: Zu begreifen, dass ich ihn nicht einfach haben und festhalten kann; dass meine Hände leer bleiben müssen und es nur darum gehen kann, ihm genau diese, meine offenen Hände entgegenzuhalten, auf dass er sie ergreife und mit Begegnung erfülle.
Und wie kann so eine erfüllende Begegnung mit ihm aussehen? Wie kann man diese Liebe und diesen Gott „be“-greifen und „er“-greifen? Wo spüre ich den Geist Gottes, der da – auch in meinem Leben – am Werk sein soll? Ich denke, ich kann diesen Gott erleben und erfahren, wenn ich seine Schöpfung liebe, sie achte und mich an ihr erfreue. Oder ich erlebe ihn in den jungen Menschen, die bei „Fridays for future“ für diese Schöpfung auf die Straße gehen. Ich kann ihn spüren und mit den Händen greifen, wo Menschen im Geist seiner Liebe reden und handeln; wo Menschen zärtlich und einfühlsam miteinander umgehen; wo Menschen sich in Zeiten der Krankheit hilfreich unter die Arme greifen und einander beistehen. Ich kann diesen Gott wahrnehmen, wo Menschen eine Gemeinschaft bilden, in der sich alle wohlfühlen können und aus der niemand ausgegrenzt oder ausgeschlossen wird. Und ich kann diese Vielfältigkeit Gottes und seine Nähe spüren in einem guten Gespräch, aus dem heraus ich sagen kann: Ja, das ist es! Das gibt mir Halt und Trost.
Die Lehre über die Dreifaltigkeit Gottes – sie ist wahrlich kein Zuckerschlecken. Vielleicht haben Sie ja auch gemerkt, dass es mir nicht leicht fällt, über diese Dreifaltigkeit zu reden und das auch noch so, dass Sie etwas für sich davon mitnehmen können. Aber in theologischen Formeln steckt eben seltenst das, was Gott für uns sein will: nämlich Liebe und Leben! Also möchte ich mir am Ende zugestehen zu sagen:
Gott – ich kann dich nicht fassen. Ich kenne Dich kaum – aber ich vertraue darauf, dass Du mich kennst. Und das ist das Wichtigste – mehr braucht es eigentlich nicht, auch wenn darüber jetzt manchem Theologen und Dogmatiker die Haare zu Berge stehen mögen. Amen.

Bertram Bolz, Diakon