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Predigt D. Bolz – Caritassonntag in Bad Liebenzell/Hirsau

Predigt am Caritas-Sonntag in Bad Liebenzell und in Hirsau
L I: Am 8, 4-7 / Ev.: Lk 16, 1-13

Schwestern und Brüder!
„Die Digitalisierung wird die Welt grundsätzlich verändern!“ Wer das vor rund 2 Jahrzehnten behauptet hat, der wurde entweder mitleidig belächelt oder – je nach Sichtweise – als Spielverderber der Zukunft abgetan. Heutzutage – wenn wir ehrlich sind – ist unser Leben, sowohl das berufliche wie das private, ohne Digitalisierung kaum mehr vorstellbar. Ein paar Beispiele gefällig?
Wie haben Sie denn ihren letzten Urlaub gebucht? Nutzen Sie Suchmaschinen des Internets, um an Informationen zu gelangen? Kaufen Sie ab und an online ein? Wie haben Sie die Verbrauchsdaten an Ihren Stromanbieter übermittelt? Ist Ihnen Online-Banking vertraut? Besitzen Sie ein Smartphone oder I-Phone? Wie steuern Sie mit dem Auto eine Ihnen unbekannte Adresse an – Karte in der Hand oder doch lieber Navi vor Augen? Manche lächeln. Ja, mehr als 90% der Menschen in unserem Land nutzen wenigstens ab und an das Internet. Bei denen jüngeren und mittleren Alters sind es prozentual gesehen sogar noch mehr. Die Digitalisierung hat also längst ein Ausmaß erreicht, dem sich kaum mehr jemand entziehen kann. Im Gegenteil: Die Mehrheit steht mitten drin und kann sich ein Leben ohne Internet überhaupt nicht mehr vorstellen.
Das ist die eine Seite. Gleichzeitig spüren wir aber, dass sich angesichts dieser Entwicklung auch Ängste breit machen. Beim Bild vom pflegenden Roboter kommt einem schnell das Szenario von der automatisierten Pflege in den Sinn. Ein Bereich, der sich durch einfühlsame Zuwendung und menschliche Wärme auszeichnen soll nur noch ein Roboter, der sich kalt, fremd und anonym anfühlt? Das will doch keiner – dass Maschinen Menschen pflegen!!
Oder denken wir an die Diskussion in der Autobranche. Hier setzt die Entwicklung immer mehr auf autonomes Fahren, was den Verlust von tausenden von Arbeitsplätzen im Transportwesen bedeuten würde; wohlgemerkt, ohne dass auch nur ein LKW weniger unterwegs wäre. Von anderen Bereichen, die mehr und mehr automatisierte Arbeitsvorgänge in den Blick nehmen ganz zu schweigen. Und was heißt das denn für die Arbeitszeiten und für uns selbst, wenn zu allen möglichen Tages- und Nachtzeiten Kunden-kontakte gepflegt werden können? Wer schützt dabei einerseits die Kunden und wer schützt vor dauerhafter Arbeitsanforderung in Sachen Reparatur- und Kundendienste?
Das alles ist noch Zukunftsmusik. Aber die Digitalisierung ganzer Arbeitsprozesse über Grenzen hinweg, das gibt es bereits heute. Nicht nur, dass Ihnen beständig irgendwelche Telefonangebote von irgendwo her aus dieser Welt ins Ohr gesäuselt werden, dass einem manchmal die sprichwörtliche Hutschnur platzt, nein – über Online-Beratung ist es schon heute möglich, dass jemand in Schleswig Holstein Rat sucht und bei einer Beratungsstelle in Bayern landet. Dem Ratsuchenden ist es das ziemlich schnurz – keine Frage. Nicht aber den Beratungsstellen. Denn die Kommunen und Kreise honorieren das nicht. Sie sind noch immer gewohnt nur das zu finanzieren, was vor Ort geleistet wird und hinken deshalb den technischen Möglichkeiten weit hinterher.
Der Caritas-Sonntag möchte uns mit dem Thema: „Sozial braucht digital“ genau für solche Fragen und auch Überlegungen in diesem Bereich sensibilisieren. Und wenn wir dabei auf die biblischen Botschaften dieses sonn-tags schauen, dann spüren wir, dass selbst hier dieses Anliegen nach dem sozialen Hinterfragen einer Gesellschaft angesprochen wird. Blicken wir nur mal kurz auf die Lesung: Bei den Worten des Propheten Amos spüre ich deutlich, wie dieser mir mit seinen Worten für die heutige Zeit zu verstehen gibt: Dort, wo Digitalisierung nur eine hemmungslose Profitgier und damit verbunden die soziale Ausbeutung der Arbeiter und Arbeitnehmer im Blick hat: wo das Internet den Sonntag abschafft und aus der Woche 7 Werktage macht, damit man rund um die Uhr Geld verdienen kann, ja dann ist da unser christlicher Widerstand gefragt. Denn bei Gott geht es nicht um Profit, Geld und Eigeninteressen, sondern bei ihm geht es um Gemeinschaft und Zusammenleben, um Gerechtigkeit und Barmherzigkeit gegenüber allen Menschen. Niemand soll ausgegrenzt oder ungerecht behandelt werden, nur weil er in den Augen mancher Zeitgenossen arm ist. Und genau das ist für mich der Punkt: Da wo in dieser Welt etwas den Menschen betrifft, da ist Gott nicht fern. Und ich höre diesen Satz aus dem Evangelium: „Der Herr lobte die Klugheit des unehrlichen Verwalters…“, nicht weil er unehrlich war, sondern weil er kreativ nutze, was ihm zur Verfügung stand.
Das also muss der Maßstab sein; kreativ zu nutzen, was heute möglich ist. Wir sollten die technischen Möglichkeiten ergreifen, ohne die Gefahren zu ignorieren. Das Motto der Caritas heißt ja: „Sozial braucht digital“. Da zeigen uns zwei Plakate auf der Titelseite unseres Blättle Motive aus einer Kindertagesstätte und einer blinden Frau, denen mit Hilfe digitaler Unter-stützung neue Welten erschlossen werden. Da geht einem kleinen Mädchen eine neue Welt auf und die blinde Frau wird zur Kommunikationsexpertin.
Oder nehmen wir die Online Beratung. Der Caritasverband bereichert hier seit vielen Jahren das Beratungsangebot von der Schuldnerberatung über die Schwangerschaftsberatung bis hin zur Suizidprävention von Jugendlichen. Da können sich alle hinwenden, die einen Rat suchen oder wir können als Seelsorgerinnen und Seelsorger Menschen dorthin vermitteln, wenn wir spüren, dass es mit einmaligen Gesprächen nicht getan ist. Und wer dann länger Hilfe braucht, kann von der Onlineberatung in die direkte Beratungsstelle von Angesicht zu Angesicht vermittelt werden. Je nachdem, was der oder die Ratsuchende möchte.
Entscheidend für all diese Entwicklungen ist es, dass Menschen, die sich bisher ausgegrenzt fühlten, wieder am Leben teilnehmen können. Und gleichzeitig haben wir darauf zu achten, dass nicht neue Gruppen von Menschen ausgegrenzt werden, weil sie mit dem digitalen Fortschritt nicht zurechtkommen. Deshalb braucht – so sagt es der Präsident des Deutschen Caritasverbandes Peter Neher – nicht nur das Soziale die neuen digitalen Möglichkeiten, sondern der digitale Wandel benötigt auch die sozialen Leitplanken. Beides ist notwendig, damit wir uns neugierig neuen Welten stellen und sie uns erschließen.
Ein Gebet von Martina Neugebauer-Renner bringt das gut auf den Punkt:
Gott, in der Schnelligkeit unseres Alltags halte Schritt mit uns, damit wir uns nicht verlieren.
In der Langlebigkeit mancher Mühe sei du kraftvoller Atem, damit wir sie tragen können.
In der Schnelllebigkeit vieler Themen halte uns fest, damit wir nicht vergessen.
In der Leichtigkeit unserer Träume sei uns Anker, damit wir nicht davondriften. Ja, Gott, sei du mit uns auf all unseren Wegen. Amen.