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Predigt D. Bolz – 3. Advent

Lesung: Jes 35, 1-6a.10 / Evangelium: Mt 11, 2-11

Schwestern und Brüder!
Freuen Sie sich auf Weihnachten? Und wenn ja, auf was freuen Sie sich denn? Glaubt man einem Bericht dieser Tage – ich gebe allerdings zu dass er einer christlichen Zeitschrift entspringt – dann antworteten auf diese Frage die Mitfeiernden eines Adventsgottesdienstes: Man freue sich, weil Christus zur Welt kommt; weil Gott Mensch geworden ist; weil die Menschheit dadurch erlöst wurde usw.
Irgendwie kann ich mir nicht helfen, aber diese Antworten klingen in meinen Ohren doch sehr gelernt bzw. wie Katechismusformeln, die zwar durchaus richtig sind, aber doch recht leblos klingen. Und: Sie stimmen so gar nicht mit dem überein, wie ich viele Menschen gerade in dieser Zeit erlebe. Ehrlicher scheint mir da die Antwort, die ich in einem Adventskalender gelesen habe. Da heißt es: „Je mehr ich darüber nachdenke, warum ich mich auf Weihnachten freue, umso mehr muss ich schweigend und erstaunt wahrnehmen, wie dunkel und verborgen mir die Botschaft von Weihnachten trotz aller Vertrautheit ist.“ Wenn es Ihnen nun ähnlich geht wie dem Autor dieses Spruches, dann hat Ihnen das heutige Evangelium aber besonders viel zu sagen. Denn mitten im Advent dürfen wir an diesem Sonntag einen ersten Blick auf das Geheimnis von Weihnachten werfen. Im Gegenüber von Johannes dem Täufer und Jesus leuchtet nämlich ein klein wenig auf, was die Heilige Nacht, was Weihnachten zu einem Fest der Freude und des Jubels für uns macht.
Interessanterweise erzählen uns alle vier Evangelien in großer Detailliertheit von der Begegnung zwischen Jesus und Johannes dem Täufer und wie die beiden zueinander standen. Ursächlich hängt das wohl damit zusammen, dass erst im Gegenüber von Johannes und Jesus das eigentlich Frohmachende der messianischen Botschaft zu Tage tritt. Johannes hatte ja gerade den Frommen in der Bevölkerung mit einer Intensität entgegen geschleudert, dass sie alle ins Verderben stürzen würden, wenn sie nicht endlich umkehrten. Wenn sie das Böse nicht endlich eingrenzen und das Gute tun würden, dann – so der Bußprediger – dann würde Gott selbst handeln und die Spreu vom Weizen trennen. Sie erinnern sich an letzten Sonntag.
Johannes hat sehr wohl gespürt, dass Jesus mit diesem Handeln Gottes in der Welt etwas zu tun hat. Aber: dieser Jesus hat sich halt so ganz anders verhalten und ganz anders gehandelt, als Johannes es für sich gedacht und erwartet hatte. Statt die Spreu vom Weizen zu trennen, läuft er ausgerechnet den eindeutig erkennbaren Sündern nach um ihnen zu sagen, dass genau ihnen die Zuneigung Gottes im Besonderen gehört. Den Täufer hat das zutiefst verunsichert. Und so lässt er eben aus dem Gefängnis heraus anfragen: Bist du es, der da kommen soll, oder müssen wir doch auf einen anderen warten?
Die Antwort Jesu ist erstaunlich. Er kommt nicht mit Lehrsätzen oder theoretischen Begründungen daher; genauso wenig rechtfertigt er sich mit dem Hinweis, der Sohn Gottes zu sein. Vielmehr verweist er auf sein Tun: Schaut doch einfach hin, was ich tue, wie ich die Menschen verändere. Blinden nehme ich ihre Aussichtslosigkeit und Lahmen ihre Unbeweglichkeit; Aussätzige führe ich aus ihrer Exkommunikation und Taube können die Klänge der Welt und die Lieder der Liebe wieder hören; selbst was tot ist richtet sich auf, beginnt ein neues Leben und den Armen – dabei meint er nicht nur die materiell Armen – verkündige ich das Evangelium.
Das aber ist der eigentliche Höhepunkt all dessen, was Jesus tut. Was er da Unerhörtes aussprach, war ihm sehr wohl bewusst. Nicht umsonst fügt er an: Selig, wer daran keinen Anstoß nimmt. Und er will damit deutlich machen: Verschüttet diesen Neuaufbruch nicht gleich wieder mit den Erwartungen und Wunschbildern, wie Gott eurer Meinung nach handeln müsste. Und Vorsicht: Damit wendet er sich keineswegs gegen Johannes und wertet auch dessen brennende Suche nach Gott keinesfalls ab. Schließlich ist Johannes keiner, der sein Fähnchen nach dem Wind richtet getreu dem Motto: Es ist Endzeitstimmung, also den Leuten mal schnell das Gericht predigen. Er ist auch keine weichliche Hofschranze, der sich jetzt mal für fromme Bedürfnisse einspannen lässt. Nein er war und ist einer, der Gottes Wahrheit immer frei herausgesagt hat. Genau darin aber überragt er nicht nur alle Propheten, sondern nach der Überzeugung Jesu hat es in der Art und Weise wie er gelebt und gepredigt hat, nie einen größeren Propheten als Johannes den Täufer gegeben. Schließlich weicht Johannes bis zum Augenblick seiner Ermordung keinen Deut von dem ab, was er immer gelehrt und gesagt hat.
Das alles sieht und anerkennt Jesus. Und doch fügt er hinzu: Der Kleinste im Himmelreich ist größer als er. Eine ungeheuerliche Aussage. Denn im Klartext heißt das: Ich kann mich anstrengen, so viel ich will. Gemessen am Maßstab Gottes – am Himmelreich – ist das alleinige Befolgen von Gesetzen noch immer so viel wie nichts. Und warum? Weil selbst das strengste Einhalten von Geboten die Welt noch immer nicht so werden lässt, wie Gott sie gemeint hat. Und deshalb sollten wir nichts beschönigen sondern un-umwunden zugeben, dass uns das normale Alltagsleben oft einfach gnadenlos damit überfordert, zu allen und zu jedem gut zu sein. Und was bedeutet das jetzt?
Jesus sagt uns: Euer Leben wird dort heil und gut, wo ihr euch mitsamt all dieser Ausweglosigkeit ganz in die Hände Gottes gebt. Dann könnt ihr nüchtern anerkennen, dass ihr trotz aller Korrektheit und trotz aller Gesetzesfrömmigkeit schuldig werden könnt und es sicher immer wieder auch werdet. Doch zugleich dürft ihr glauben und vertrauen: All meine Schuld, all mein Versagen zieht mich nicht unentrinnbar hinab, sondern in Gottes Barmherzigkeit ist das alles aufgehoben. Dass ich überhaupt lebe, dieses Recht muss ich mir nicht durch moralische Leistungen verdienen. Nein – vor allem, was ich je zu Vermögen imstande bin, hat Gott mir mein Lebensrecht geschenkt, weil er mich von Beginn an unbedingt gewollt und bejaht hat. Bejaht eben auch mit all meinem Versagen und all meiner Bosheit. Aber nicht, um sie verharmlosend gut zu heißen, sondern um sie mit einer aktiven und durch nichts zu verbitternden Liebe zu heilen, die er mir immer wieder neu schenkt. Das ist das Evangelium, das ist die Frohe Botschaft, die an Weihnachten Hand und Fuß bekommt. Vor dem Hintergrund der menschlich so sympathischen, aber eben doch ausweglosen Gesetzespredigt des Johannes, beginnt diese Botschaft Jesu aufzuleuchten als das, was sie sein will: Eine Einladung zum Leben, das endlich befreit von allen Zwängen, sich ständig selbst rechtfertigen zu müssen – und das gerade dadurch in die Lage versetzt wird grenzenlos gut sein zu können.
Gaudete – mit dieser Botschaft ist es wirklich ein Sonntag zum Freuen!

Bertram Bolz, Diakon