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Predigt D. Bolz – 29. Sonntag im Jahreskreis

Predigt zum 29. Sonntag im Jahreskreis
L I: Ex 17, 8-13 / Ev.: Lk 18, 1-8

Schwestern und Brüder!
Als die Kinderbuchautorin Astrid Lindgren 2002 verstarb, da formulierte der Stockholmer Domprobst folgende Fürbitte: „Gott, lass viele Mädchen und Frauen Pippi Langstrumpfs Stärke, den Mut von Ronja Räubertochter und die Wärme und Fürsorge von Madita übernehmen. Lass die Kinder von Bullerbü uns alle dazu bringen, dass wir das Kindliche in uns niemals verlieren. Lass die Brüder Löwenherz alle Kranken und Sterbenden trösten und lass Michel aus Lönneberga alle sonst so ernst wirkenden Männer ein bisschen mehr die Kunst lernen, Unfug zu treiben, ohne anderen zu schaden..“
Nun finde ich es zwar höchst eigenwillig, Gestalten aus Kinderbüchern zu Impulsgebern für unser Beten zu machen. Aber warum eigentlich nicht? Ein Journalist schrieb daraufhin: „Im Beten, in der Verbindung zu Gott, ist doch die eigene Intimität angelegt. Das Gebet ist viel offener für den eigenen Weg, als die Kirchen dies uns oft lehren. Das Beten erlaubt keine Ausreden und wer betet, wird ein anderer. Ja, das Beten braucht einen Rest Kindlichkeit und Beharrlichkeit.“
Wie recht der Journalist mit dieser Aussage hat, das zeigen auch die heutigen Schrifttexte. Da gewinnt Josua in der Lesung den Kampf mit den Amalekitern um Wasserstellen und Weideplätze, weil Mose den ganzen Tag auf dem Berg die Hände zum Gebet erhoben hält, gestützt und – im wahrsten Sinne des Wortes – unter die Arme gegriffen von Aaron und einem weiteren Getreuen. Und die arme Witwe im Evangelium, die kommt doch nur deshalb zu ihrem Recht, weil sie dem Richter mit ihrer Quengelei buchstäblich auf die Nerven geht. Nach dem damaligen jüdischen Gesetz hatten Frauen vor Gericht ohne Mann keinerlei Klagerecht. Also muss sie sich als Witwe einen anderen Weg erkämpfen, was sie dann mit ihrer Beharrlichkeit auch er-reicht. Und Jesus? Er macht mit diesem Gleichnis deutlich: Wenn ihr Gott um etwas bittet, dann traut ihm doch bitteschön nicht weniger zu, als dem bequemen Juristen in dieser Erzählung. Und seine eigene Erfahrung hat Jesus ja auch recht gegeben. Wie vielen Kranken konnte er sagen: Dein Glaube hat dir geholfen. Und damit meinte er auch und vor allem deren be-ständiges Beten und Beharren darauf, dass Gott wirklich hilft.
Wenn es also im heutigen Evangelium heißt, dass wir mit dem Beten nicht nachlassen sollen, dann meint Jesus damit nicht, dass wir möglichst viele vorgefertigte Gebete aufsagen sollen, wie man uns dies früher oft eingetrichtert hat. Ich meine auch nicht, dass er damit zum Ausdruck bringen will, dass wir quasi täglich einen Leistungsnachweis führen müssten, wie oft und in welcher Stunde wir uns im Gebet an Gott gewendet haben. Nein, ich glaube, dass mit Beten all das nicht gemeint ist. Im Gegenteil: Schon die Propheten haben ja immer wieder klargestellt, dass Wortschwall und Kalkül dem Herrn ein Gräuel sind. Er lässt sich also nicht von Oberflächlichkeiten blenden, sondern Gott schaut aufs Herz. Genau das ist aber auch der Grund, weshalb Kirchgänger kein Monopol auf das Beten haben, sondern dieses den Glaubenden eher vor zu großer Selbstgefälligkeit bewahrt und gleichzeitig Suchenden eine Glaubensgewissheit schenken kann.
Beten heißt, wenn ich Jesus richtig verstanden habe: Nicht in erster Linie etwas tun, sondern vielmehr etwas sein; quasi ein Vertrauter Gottes, mit dem man redet, auf den man hört und schaut – und vor allem: von dem man sich anschauen lässt. Beten im Sinne Jesu ist also quasi wie eine Schleife binden zwischen Gott und mir; eine Verbindung herstellen.
Bleibt nur die Frage: Will ich das überhaupt? Wenn ich zum Beispiel einen Menschen unbedingt sprechen will, dann werde ich ihn immer wieder versuchen anzurufen und wenn ich ihn nicht erreiche, dann spreche ich ihm eine Nachricht auf Band oder schicke ihm eine WhatsApp. Wenn ich allerdings gar kein Anliegen habe, dann werde ich es mir mit der Kontaktaufnahme auch zweimal überlegen. Ähnlich ist das auch mit Menschen, zu denen eine Beziehung entstanden ist. Wenn ich nicht will, dass sie wieder abreißt, dann werde ich die Verbindung aufrechterhalten. Ist mir aber der oder die andere nicht mehr wichtig, dann wird diese Verbindung einschlafen. Wir wissen doch selbst: Wo das Gespräch zwischen Menschen nicht gepflegt wird, da ist das Beziehungsende absehbar.
Jesus will also deutlich machen: Betet und lasst nicht nach darin; so wie jene Witwe, die eben auch nicht locker gelassen hat, bis sie zu ihrem Recht kam. Nun ist, so glaube ich, es für einen „guten Christen“ nicht unbedingt geläufig, dieses Verhalten der Frau als Vorbild für die Intensität unseres Betens zu nehmen. Denn: die einen haben ja nichts mehr zu erbitten, weil sie sowieso alles selbst machen; und die anderen haben nichts mehr zu loben, höchstens noch sich selbst; wieder andere haben nichts zu danken, weil sie nichts geschenkt bekommen wollen – auch von Gott nicht – und wieder andere haben keine Zeit zum Beten, weil sie so beansprucht sind. Und weil eben viele Menschen nicht mehr beten können, können viele auch nicht mehr glauben. Oder ist es umgekehrt? Beten die Leute nicht mehr, weil ihnen der Glaube fehlt? Beten und Glauben gehören unabdingbar zusammen. Indem ich zu Gott bete, wächst auch mein Glaube, mein Vertrauen an und in diesen Gott. Und je mehr dieses Vertrauen wächst, desto mehr werde ich auch wieder das Gespräch mit diesem Gott suchen.
Jesu Jünger erfahren genau diese Einheit von Beten und Glauben bei ihrem Meister auf eine ganz faszinierende Weise. So bitten sie Ihn: Herr, lehre uns beten! Das Gleichnis von der Witwe und dem gottlosen Richter ist also eine Lektion Jesu über das Beten. Und als allererstes fällt auf, mit welcher Energie diese Frau ihr Anliegen verfolgt. Wer von uns betet schon mit solch einer Power? Haben wir nicht tief in uns drin die Vorstellung, Beten sei etwas ganz Sanftes, etwas vornehm Zurückhaltendes? In diesem Gleichnis sieht Jesus das anders: Da legt er uns einen höchst engagierten, ja fast schon aggressiven Gebetsstil nahe. Frei nach dem Motto: Wenn schon dieser hartgesottene und kaltherzige Richter vor der Frau kapituliert, weil er seine Ruhe haben möchte, um wie viel mehr wird dann Gott als der liebende Vater seine Gerechtigkeit und seine Barmherzigkeit denen zukommen lassen, die Ihn ähnlich engagiert bitten.
An diesem Punkt des Gleichnisses stockt Jesus allerdings und unterbricht sich sozusagen selbst mit der sehr nachdenklichen und geradezu besorgten Frage: “Wird jedoch der Menschensohn, wenn er kommt, auf der Erde noch Glauben vorfinden?” Einen Glauben im Sinne von Vertrauen, dass Gott es gut mit mir meint und ich deshalb gelassen und optimistisch leben kann? Einen Glauben, der mir die Kraft gibt, Gott und die Menschen zu lieben und ihnen zu ihrem Recht zu verhelfen, so wie dieser armen Witwe im Evangelium? Was würde Jesus vorfinden, wenn er jetzt käme?
Sicherlich viele Menschen, die mit Gott nichts mehr am Hut haben. Er würde auch viele vorfinden, die gehetzt und gestresst sind, die sich ständig selbst überfordern und die vor allem keinen Gott mehr über sich dulden. Er würde Menschen vorfinden, die Gott gar nicht kennen, weil er im Leben ihrer Eltern und im Leben ihrer Mitmenschen keine Rolle mehr spielt. Menschen also, für die „Gott“ nur ein leeres Wort ohne nähere Bedeutung ist. Und er würde letztlich Menschen vorfinden, die keine Zeit haben. Der Mensch ist ihnen der Maßstab und nicht Gott – und der Mensch merkt dabei gar nicht, wie er sich so zu seinem eigenen Herrgott macht.
Wird der Menschensohn noch Gauben vorfinden, wenn er wiederkommt? Wird er Menschen vorfinden, die die Verbindung zu ihm aufrechterhalten? Menschen, die noch beten können? Was wird er bei Ihnen und mir vorfinden? Die Beantwortung dieser Frage liegt bei Ihnen und bei mir.

Bertram Bolz, Diakon