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Predigt D. Bolz -28. Sonntag im Jahreskreis

Predigt zum 28. Sonntag im Jahreskreis 2019
L I: 2 Kön 5, 14-17 / Ev.: Lk 17, 11-19

Schwestern und Brüder!
Ein vielzitiertes Sprichwort lautet: „Not lehrt beten“. Und dieses Wort wird meistens dann gebraucht, wenn mal wieder über die Glaubenslosigkeit unserer Zeit und die mauen Gottesdienstbesucherzahlen geklagt wird. Dann wird geunkt, das sorgenfreie Leben der Menschen heutzutage bzw. die gesicherten Lebensverhältnisse seien schuld, dass sich immer weniger für den Glauben und die Feier des Gottesdienstes interessieren. Dass auch ganz eigene, hausgemachte Probleme der Kirche eine Rolle spielen könnten, das wird erst seit geraumer Zeit hinterfragt. Aber lassen wir das heute mal und bleiben wir bei dem Gedanken: sorgenfreies Leben hier, verstärkter Glaubensverlust dort! Man ist ja durchaus geneigt, einen kausalen Zusammenhang mit dem heutigen Evangelium zu unterstreichen. Da herrscht ja auch der Eindruck vor: die Not hat diese zehn Kranken beten gelehrt! Aber haben sie in dieser Not auch glauben gelernt? Ich wage es zu bezweifeln. Deshalb mein Gedanke: Lassen wir uns doch mal von dem, der umgekehrt ist erzählen, warum er sich anders verhalten hat, als die anderen. Wenn er heute hier stünde, hörte sich das vielleicht so an:
„Liebe Leute! Mein Name ist für Sie nicht interessant, denn ich stamme aus einem kleinen Nest in der Provinz Samaria. Viele Jahre war ich todkrank. Und ich sage Ihnen: So etwas geht nicht spurlos an einem vorüber. Sicher: Heute bin ich gesund. Wie Sie wissen wurde ich von diesem Wanderprediger namens Jesus geheilt. Ich kenn‘ ihn ja bis heut nicht so recht, aber ich glaube, dass er sehr wohl mich kennt. Weshalb ich das sagen kann? Weil er mich in meiner Not gesehen hat. Ich war ein Ausgestoßener der Gesellschaft, lebte am Rand und war gesundheitlich alles andere als gut dran. Natürlich hatte ich Freunde, neun an der Zahl, aber alle so krank wie ich; alle abgeschrieben, ausgegrenzt, an einen Ort verbannt, wo nur Kranke leben. Wissen Sie, was das bedeutet? Wie man sich da fühlt?
Wenn andere Menschen sich unserer Siedlung näherten, mussten wir laut rufen: „Aussatz, Aussatz“, damit die Gesunden einen großen Bogen machen konnten; sie sollten gesund bleiben und unser Elend nicht ertragen müssen. Ja, wir haben das Leben der Gesunden gestört – man wollte uns nicht sehen, denn wir waren anders als sie.
Ich war, wie gesagt, krank – todkrank. Doch dieser Jesus hat mich geheilt! Wobei es mir bis heute schwer fällt darüber zu reden. Denn: Es gab keine Hoffnung mehr – keine. Außer dem täglichen Einerlei in unserem Lager, waren da null Perspektiven. Allerdings hatten wir von dem, der uns immer das Essen brachte gehört, dass sich dieser Jesus ganz in der Nähe aufhalten würde; eben dieser bekannte Wanderprediger, der die Menschen nicht nur faszinierte, sondern auch heilen konnte.
Ich erinnere mich noch genau. Es war früher Nachmittag, als ich ihn sah. Begleitet wurde er von mehreren Leuten und er kam direkt auf unser Dorf zu – auf unser Lager. Zwar hatte ich ihn noch nie zuvor gesehen, aber ich hab gespürt: Das konnte nur er sein. Er kam immer näher. Wahrscheinlich wollte er ins Dorf. Und da hab ich einfach zu meinen Kumpels gesagt: „Los jetzt, rafft euch auf, wir gehen da hin“. Und dann sind wir bis auf etwa 20 Meter rangegangen und wollten rufen: „Aussatz, Aussatz, wir sind krank“, eben genau so wie immer. Doch ich hab einfach geschrien: „Jesus, erbarm dich über uns.“ Und dann haben auch die anderen angefangen: „Jesus! Meister! Erbarme dich über uns.“
Und was soll ich sagen: Dieser Jesus blieb stehen, und alle anderen mit ihm und hat uns angeschaut. Da habe ich sein Gesicht erst richtig gesehen, seine Augen – und mit einem Mal wusste ich – hier drinnen, da passiert was! Dabei war ich für ihn ja ein völlig Fremder, ein Samaritaner, ein Nichts. Als er dann noch lapidar gesagt: Wir sollen zum Gesundheitsamt gehen und uns untersuchen lassen, war das echt krass. Natürlich haben wir uns gleich auf den Weg zum Gesundheitsamt gemacht. Und ich weiß noch wie einer von uns gesagt hat: „Was soll ich denn da? Die haben mich schon einmal rausgeschmissen“.
Doch wir waren noch keine 500 Meter gegangen, da wurde mir am ganzen Körper total warm. Was war das? Und ich schau auf meine Hand – alles gut. Ich hab zu den anderen noch gesagt: „Hey, schaut mal, meine Hand ist heil.“ Aber die waren nur mit sich beschäftigt, weil es ihnen ja genauso ging. Wir sind beim Gehen gesund geworden. Wie das möglich ist? Keinen blassen Schimmer. Aber eines weiß ich: Ich war todkrank und heute bin ich gesund. Und dann hab ich gesagt: „Hallo? Wir sollten uns vielleicht bei diesem Jesus bedanken!“ Doch die haben mich gar nicht gehört.
Und ich? Ich bin dann einfach alleine umgekehrt und zurück gerannt. Bei jedem Schritt hab ich gespürt: Ich bin gesund! Ich war so was von happy, dass ich einfach anfing zu beten: „Danke Gott!“ Und dann hab ich Jesus kurz vor unserem Ort eingeholt. Auf mein Rufen hin ist er stehen geblieben und ich habe mich vor ihm in den Staub hingekniet, sein Gewand berührt und ihm einfach „danke“ gesagt.
Und er? Er stand seelenruhig da. Ich konnte die Kraft spüren, die von ihm ausging. Das war unglaublich – so als wenn sich der Himmel über mir öffnen würde. Nach einer Weile hat er gesagt: „Zehn wurden gesund. Wo sind die anderen neun? Warum sind nicht auch sie zurückgekommen, um Gott die Ehre zu erweisen, wie dieser Fremde hier?“
Der Fremde, das war ich. Ich dachte noch bei mir: „Er hat ja so recht. Wie kann man nur so undankbar und gleichgültig sein?“ Dann hat er seine Hand auf meine Schulter gelegt und gesagt: „Steh auf und geh nach Hause. Dein Glaube hat dich gerettet.“ Ich bin aufgestanden und habe, glaube ich, noch Mal „danke für alles“ gesagt. Da hat er mich in den Arm genommen: Gott soll mich segnen und begleiten, hat er noch gesagt, dann bin ich los.
Über seine Worte habe ich noch lange nachgedacht. Ich meine, ich habe verstanden, was er damit sagen wollte. Wer zu ihm kommt, wer alles andere zurückstellt, um Jesus zuerst zu danken, und wer Gott die Ehre gibt, der wird gerettet; nicht nur von seiner Krankheit oder irgendeiner Behinderung, sondern der wird gerettet von einem Leben ohne Gott. Wer Gott dankt und ihm vertraut, der ist auf dem Weg des Heils – auch wenn er ein Außenstehender ist, so wie ich. Und bei Jesus bekommt man das Heil von Gott. Deswegen sagen manche Leute auch: Er ist ein Heiland.
Sehen Sie, das ist meine Geschichte. Die Geschichte eines kleinen, unbedeutenden Mannes aus einem kleinen, unbedeutenden Dorf irgendwo in der Provinz Samaria. Warum ich Ihnen das alles erzähle? Weil ich glaube, dass nicht nur Lepra, sondern jegliche Art von Krankheit das Selbstwertgefühl eines Menschen verstellt. Er kommt in innere Not und die Isolation, die daraus entsteht, die kann man nur erahnen. Wir – Sie und ich – stecken doch alle in keiner guten Haut, wenn wir bedenken, wie gefährdet unser Leben ist. Aber im Blick auf Jesus können und dürfen wir uns Gott neu zuwenden und die Blockaden, auch die seelischen Blockaden wahrnehmen, die sich gerade hinter unseren Hautkrankheiten oft verbergen; die ungelösten Konflikte und Beziehungsstörungen, die sich häufig genau darin zeigen: Die Haut, die jeder zu retten versucht; die Haut, die man zu Markte trägt; das vor lauter Ärger aus der „Haut fahren“ oder der Ärger, der unter die Haut geht. Dazu gehört sicherlich auch: Ich möchte nicht in seiner Haut stecken. Haut steht für so vieles – auch bei mir. Sie hat mich todkrank gemacht. Aber Jesus hat mein Herz verändert und damit meine Haut und mein Leben. Warum sollten wir Menschen uns also nicht mit Haut und Haaren genau dem verschreiben und anvertrauen, der unsere Heilung und Rettung will – und der es auch bewirken kann? Danke, dass Sie mir zugehört haben…

Bertram Bolz, Diakon