Impulse/PredigtenLiturgie

Predigt D. Bolz – 2. Advent

L I: Jes 11, 1-10 / Ev.: Mt 3, 1-12

Schwestern und Brüder!
Der heutige 8. Dezember ist ein Marienfesttag, aber – weil der 2. Advent liturgisch höher eingestuft wird – wird dieser auf den Montag verlegt. Nun steht der 8. Dezember aber auch noch für etwas anderes: nämlich das Ende des II. Vatikanischen Konzils vor 54 Jahren. Manche erinnern sich. In den Kirchen und Pfarreien konnte man eine geradezu euphorische Aufbruchstimmung registrieren. Das Konzil sollte helfen, die Kirche in der Gegenwart zu verankern. Papst Johannes XXIII. nannte es „Aggiornamento“. Viele vergleichen bis heute dieses Konzil mit dem Wehen des Hl. Geistes. Endlich hatte man den Eindruck, dass die Kirche wieder ein zentraler „Verkehrsknotenpunkt“, eine Anlaufstation für viele Menschen ist, die nach dem Sinn und der Hoffnung ihres Lebens fragten.
Aber – wie wir alle wissen – kam es vielfach anders. Keine zwei Jahrzehnte hat die Euphorie gedauert bis von der einst erhofften Aufbruchsstimmung nur noch immer leerer werdende Kirchen übrig blieben. Heute müssen sich Verantwortliche in vielen Kirchengemeinden den Kopf darüber zerbrechen, ob sie ihre Kirche als Gebäude noch halten können bzw. ob man sie nicht besser profanieren und verkaufen sollte – wie das in größeren Städten schon geschieht – weil Pastoralverbände oder auch Seelsorgeeinheiten eine Konzentrierung aller Kräfte erfordern und in Zukunft eben viele Kirchengebäude ohne Seelsorger und Gottesdienste ihr Dasein fristen werden.
Vielleicht fragen Sie sich jetzt: Weshalb denn so eine pessimistische Grundstimmung an diesem heutigen 2. Advent? Was hat das alles mit der Botschaft dieses Sonntags zu tun? Und ich sage ihnen: Mehr als uns allen lieb sein kann. Als nämlich Johannes mit seinem radikalen Aufruf zur Bußtaufe am Jordan auftrat, da waren die jüdischen Volksscharen und ihre religiösen Führer, genau wie eben viele Christen nach dem Konzil, voll gespannter Erwartung und Optimismus. Ja, viele waren sogar der Überzeugung, dieser Johannes selbst muss der Messias sein. Schließlich erfüllte er alle Kriterien, mit denen sie sich den kommenden Messias in ihrer Phantasie vorgestellt hatten: kämpferisch, provokativ, aggressiv und couragiert – einfach ein Mann, dem man es zutraut, dass er die verhassten Römer ein für alle mal aus dem Land jagt.
Bald schon wurden die Menschen aber eines Besseren belehrt. Die Beschimpfungen die Johannes vom Stapel ließ, in dem er die Menschen mit „ihr Schlangenbrut“ betitelte, dazu seine Ankündigung von einem, der nach ihm käme und der nicht mit Wasser, sondern mit Geist und Feuer taufen würde – all das waren nicht gerade positive Hinweise darauf, von einem politischen Messias zu träumen. Noch vor dem Kommen dessen, der der Messias ist, will Johannes also die Axt an die Wurzel aller Verbohrtheit der Menschen legen und die Spreu vom Weizen trennen. Denn in seinen Augen laufen die Menschen Gefahr einer falschen Messiasvorstellung zu erliegen, weshalb er als notwendig ansieht die Umkehr und den Sinneswandel des Einzelnen einzufordern.
Nun können wir aber diese – ich sag’s mal salopp – „Gardinenpredigt“, mit der Johannes die Menschen seiner Zeit aufgeschreckt hat, fast ohne Abstriche auch an unsere eigene Adresse gerichtet übertragen. Denn die Art und Weise wie die Mehrzahl unserer Zeitgenossen heute lebt und den Advent begeht, ist doch mehr als fragwürdig. Das hat mit Umkehr und Erneuerung, mit einem in sich gehen so gut wie nichts zu tun. Dabei müsste dieses: Kehrt um, bevor es zu spät ist!, ja eigentlich schon schmerzhaft in unseren Ohren klingen. Nehmen wir doch nur mal die derzeit tagende Weltklimakonferenz in Madrid. Da müsste es für uns doch heißen: Kehrt um, weil es mit der Zerstörung von Gottes guter Schöpfung so nicht mehr weitergehen kann. Doch was machen wir? Wir führen zwar alle das Wort der Klimakatastrophe im Mund, aber nicht nur viele Politiker sondern auch viele von uns möchten doch am liebsten so weitermachen wie bisher. Oder denken wir an die Bootsflüchtlinge im Mittelmeer, den neu aufkeimenden Antisemitismus in unserem Land und vieles andere mehr. Das alles berührt uns zwar kurze Zeit, aber wer von uns fragt sich wirklich: Was muss sich in unserem Zusammenleben ändern, was muss sich – auch durch mich – in dieser Gesellschaft verändern, dass solche Dinge besser werden bzw. nicht mehr passieren? Begeben wir uns doch mal auf den Weg der Umkehr und räumen wir vor allem unsere Vorurteile und Entschuldigungen aus dem Weg, mit denen wir immer wieder behaupten, dass unser kleines Tun doch nur ein „Tropfen auf den heißen Stein“ sei.
Oder nehmen wir auch unsere Kirche. Selten war so offen zu spüren, wie sehr die verschiedenen Strömungen in ihr um den richtigen Weg streiten, dass sich selbst Kardinäle und Bischöfe zeitweise in den sprichwörtlichen „Haaren“ liegen. Dabei geht es doch nicht darum, sich den rechten Glauben abzusprechen sondern vielmehr: wie können wir wieder mehr Menschen erreichen; wie können wir wieder mehr Menschen einen Zugang zur Frohen Botschaft Jesu eröffnen und wie können wir Menschen deutlich machen, dass sie von Gott geliebt sind, auch wenn sie nicht in allen Punkten ihres Lebens dem Kirchenrecht entsprechen. Die Synode der deutschen Bistümer, welche letzten Sonntag begann, stimmt mich hoffnungsfroh und ich lade Sie ein, diese Synode im Gebet zu begleiten. Das Synodengebet finden Sie dazu im neuen Blättle.
So kann und soll uns die Adventszeit helfen, unser Leben auch mal gegen den Strich zu bürsten und all das, was mit Advent – mit der Vorbereitung und der Ankunft des Messias in unserer, in meiner Welt nicht das Geringste zu tun hat, einfach mal außen vor zu lassen. So schön all die stimmungsvollen Lichterketten sind – es bringt gar nichts, wenn wir den Schalter nicht in uns selbst umlegen und als seine Lichter in dieser Welt wirken.
Vielleicht sitzt jetzt die ein oder der andere verärgert in seiner Bank und denkt: Muss der da vorne mir jetzt meinen lieblichen Advent so madig machen, dass mir die Vorfreude auf Weihnachten fast schon verleidet wird? Wenn Sie das so empfinden, dann haben wir uns bislang falsch verstanden. Denn ich möchte ihnen weder den Advent noch Weihnachten madig machen; vielmehr will ich ihnen beides schmackhaft machen als das, was Advent und Weihnachten letztlich für uns sind.
Johannes, der wie kein anderer für den wahren Advent steht, der führt uns nämlich in diesen Tagen nicht nach Bethlehem zur Krippe sondern hin zu jenem erwachsenen Jesus, der über Jerusalem, also die Menschen seiner Zeit, weinen musste; der unser Leben auf die Gebote der Gottes-, der Nächsten- und der Selbstliebe hingewiesen hat und der schließlich am Kreuz sein Leben für seine Überzeugung ausgehaucht hat. Mir ist schon klar: Einen solchen Jesus kann man nicht bei stimmungsvollen Adventsfeiern gebrauchen. Aber trotzdem gilt für mich: Nur wer – wie Johannes – auf den erwachsenen Jesus hindeutet und dabei das Kreuz nicht ausklammert, der bekommt eine Ahnung von dem, was wir an Weihnachten wirklich feiern: nämlich die Ankunft Gottes in Ihrem und meinem Leben. Johannes hat deshalb so radikal und kompromisslos gepredigt, weil er uns auf unseren ganz persönlichen Advent einschwören wollte. Er will dass wir vorbereitet sind, wenn Jesus der Messias kommt, um ihr, um mein Leben zu vollenden. Wann dies sein wird, das weiß nur ER. Aber genau deshalb braucht es Zeiten, in denen wir dieses, sein Kommen zu jeder und jedem von uns, einüben. Amen.

Bertram Bolz, Diakon