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Predigt 33. Sonntag im Jahreskreis – D. Bolz

Predigt zum 33. Sonntag im Jahreskreis 2018
L I: Dan 12, 1-3 / Ev: Mk 13, 24-32

Schwestern und Brüder!
Der Text des heutigen Evangeliums ist nicht ohne. Denn die vermeintliche Aussage Jesu, man könne den Tag des Weltuntergangs, den Tag des Jüngsten Gerichts voraussagen, der hat schon vielfach Menschen zutiefst verunsichert und verängstigt. So auch zu Beginn des Jahres, als einige Pseudowissenschaftler vorhersagten, dass der Planet Nibiriu im April die Erde treffen und sie vernichten werde. Aber weit gefehlt: Der noch nicht einmal entdeckte Planet mit diesem Namen hat uns verschont. Und wenn wir einem kanadischen Team von Wissenschaftlern wirklich Gehör schenken wollen, dann haben wir auch noch ein wenig Zeit. Denn diese haben den Weltuntergang mit einer Wahrscheinlichkeit von 50% auf das Jahr 2290 und mit 95% auf das Jahr 2710 prognostiziert. Nun ja, wir werden sehen bzw. wir sicherlich nicht mehr. Was wir aber sehen können, ist: Das Internet ist voll von solchen Prophezeiungen – und nicht nur das Internet. Diese Prophezeiungen begleiten die Menschheitsgeschichte wohl seit Beginn an.
Insofern darf es aber nicht verwundern, dass sich solche apokalyptische Aussagen auch in der Bibel finden. Peinlich nur, wenn diese längst überholt sind. Denken wir nur mal an die Ansage, dass die zum Abfassungszeitpunkt lebende Generation das, was Jesus hier erzählt, selbst noch erfahren und miterleben würde. Wie also können wir mit einem solchen Text umgehen? Ihn einfach ignorieren? Das wäre sicherlich der schlechteste Weg, denn mit diesem Text will uns Jesus ja etwas Wichtiges sagen – und das sollen mit Sicherheit nicht Angst und Schrecken sein.
Aber halten wir uns an den Text: Wenn die Bibel vom Ende der Zeiten, vom Jüngsten Tag spricht, dann verwendet sie dafür bestimmte Bilder: Sonnen- und Mondfinsternis, kosmische Katastrophen, Erdbeben, Feuer, Stürme und andere Naturgewalten. All das gehört zum damaligen Erzählgut der Menschheit dazu. Es sind zeitbedingte Vorstellungen, die Jesus und mehr noch die Propheten vor ihm ganz selbstverständlich verwendet haben. Von daher brauchen wir aber diese Katastrophen nicht als Ereignisse sehen, die sich genau so und nicht anders ereignen werden. Jesus geht es in den biblischen Erzählungen nicht um eine naturwissenschaftliche Beschreibung dessen, was das Ende einläutet oder wie das Ende vor sich gehen wird. Nein, es geht ihm einzig und allein um die Erfüllung dessen, was wir in jedem „Vater unser“ – Gebet von Gott erbitten: „Dein Reich komme.“
Für viele Menschen lag und liegt nun aber beim Gedanken an das Ende, die Betonung immer auf „Untergang“! Und genau deswegen hat man Ereignisse und Katastrophen immer als Vorboten vom Ende gesehen. Nur: Dann müssten wir doch eigentlich jeden Morgen oder jeden Abend beim Hören oder Sehen der Nachrichten sagen: „Jetzt ist es soweit!“ Denn was wird uns da nicht alles gezeigt und gesagt: Menschen sprengen sich in die Luft und reißen andere mit in den Tod; Gletscher schmelzen und Ozeane steigen; Tsunamis reißen ganze Landstriche fort und Feuerwalzen brennen Kleinstädte und Regionen nieder; Satelittenschrott stürzt auf die Erde usw. Nur: All das sind hausgemachte Katastrophen. All das hat die Menschheit selbst verursacht und dafür ist sie – sind wir – verantwortlich. Deswegen ist es sicher sinnvoller, alles zu tun, um solche Katastrophen zu vermeiden, in denen wieder ein Stück unserer Welt untergeht, anstatt zu glauben, Gott würde das Ende einläuten. Statt voller Schrecken auf den vermeintlichen Weltuntergang zu starren, sollten wir uns lieber dafür stark machen, dass die täglichen Weltuntergänge aufhören: Denn mit jedem Tier, das ausstirbt, geht ein Stück Welt zu Ende. Mit jedem Hektar Regenwald, der gefällt wird, geht ein Stück Welt unwiederbringlich verloren und mit jeder Tonne Öl und Gift, die ins Meer gekippt werden, stirbt ein nicht unerhebliches Stück dieser Welt.
Ich weiß, die Versuchung ist groß zu sagen: Was können wir schon tun. Es kommt doch sowieso, wie es kommen muss. Lasst uns also essen und trin-ken, unsere Zeit genießen, denn morgen kann es schon vorbei sein. Frei nach dem Motto: Nach mir die Sintflut! Es ist doch schlussendlich gleichgültig! Genau da aber sagt unser Evangelium ein ganz klares Nein! Es ist eben nicht alles „gleich-gültig“, weil es nämlich das „End-gültige“ gibt; etwas „Gültiges“, das unsere Ewigkeit mitentscheidet. Und das spielt sich hier in unserem irdischen Leben ab. Es ist doch deprimierend, wenn Menschen, auch Christen, so in den Tag hineinleben, als wäre dieses Leben hier das „end-gültige“ und das andere Leben in der Ewigkeit das „gleich-gültige“. Deshalb möchte ich hier 3 Erkenntnisse festhalten, die sich für mich aus diesem Evangelium als Frohbotschaft ergeben:
Erstens: Unser Leben ist endlich! Zweitens: Unser Leben ist einmalig und drittens: Unser Leben ist zielgerichtet! Lassen Sie mich das kurz ausführen:
Unser Leben ist endlich und weil es endlich ist, gewinnen unser Denken, Tun und Lassen eine immense Bedeutung. Das aus der biblischen Offenbarung gewonnene Menschenbild gibt sich damit aber noch nicht zufrieden. Es gibt unserem menschlichen Leben einen absoluten Wert und Anspruch, weil jedes menschliche Leben vor Gott einmalig und einzigartig ist. Weil aber dieses Leben nicht wiederholt werden kann, bekommen unsere Taten, unser Denken oder auch unser Lassen und Nichttun, eine absolute Bedeutung. Oder anders gesagt: Jedes Wort, jede Geste und jede Tat sind – wie wenn man ein Posting ins Internet stellt; einmal veröffentlicht, kann es nicht mehr zurückgenommen oder gelöscht werden. Sicherlich: man kann es vielleicht verbergen, vergessen oder auch vergeben; aber man kann es nicht mehr ungeschehen machen.
Damit aber gewinnt jeder Augenblick unseres Lebens eine immense Bedeutung und wird zur ergriffenen oder vertanen Chance. Diese Vorstellung mag bei manchen Druck ausüben, so viele Lebensmöglichkeiten wie eben möglich bis ins Letzte auszureizen und auszukosten. Aber eben nur, solange die 3. Bestimmung des biblischen Menschenbildes fehlt, nämlich dass das Leben zielgerichtet ist. Darunter verstehe ich, dass es eben nicht egal ist, wofür ein Mensch lebt. Wir sind keine Schmetterlinge, die ziellos und von gerade sich bietenden Möglichkeiten gesteuert durchs Leben taumeln. Menschliches Leben steht vielmehr unter dem Anspruch eines Lebenssinns. Diesen zu finden und zu realisieren, das macht das Leben erst menschlich und unter-scheidet es von einem bloßen Vegetieren. Den je eigenen Lebenssinn zu finden und zu realisieren, bleibt deshalb jedem Menschen lebenslang aufge-geben. Ein überaus weiser Mensch hat dafür ein einziges Kriterium formuliert. Er sagt: Nur dafür lohnt es sich zu leben, wofür es sich im Ernstfall auch zu sterben lohnt. Und Jesus fasst den Sinn menschlichen Lebens in das Doppelgebot der Gottes- und Nächstenliebe.
Welche Antwort nun ein Mensch auf die Sinnfrage realisiert, das bleibt aber ganz allein ihm in der Einmaligkeit und Einzigartigkeit seines menschlichen Lebens aufgetragen. Genau das ist aber das eigentliche Anliegen der biblischen Rede vom Weltende bzw. dem Jüngsten Gericht. Es kann schon sein, dass das alles beängstigend und belastend klingt. Aber vielleicht lassen uns zwei Ratschläge das Ganze leichter sehen:
Der Erste: Martin Luther soll auf die Frage, was er tun würde, wenn er erführe, dass am nächsten Tag die Welt unterginge, geantwortet haben: „ein Apfelbäumchen pflanzen“. Es ist nicht sicher, ob die Antwort wirklich von Luther stammt, aber gut ist sie allemal. Und zweitens: Im 3. Kapitel des Kolosserbriefes schreibt der Apostel Paulus: „… euer Leben ist verborgen in Gott.“ Ich glaube, wir dürfen darauf vertrauen, dass es in Gott nicht nur verborgen, sondern vor allem geborgen ist. Amen.

Bertram Bolz, Diakon