Impulse/PredigtenLiturgie

Predigt 31. Sonntag im Jahreskreis – D. Bolz

Predigt zum 31. Sonntag im Jahreskreis 2018 (04.11.)
Lesung: Dtn 6, 2-6 / Evangelium: Mk 12, 28b – 34

Schwestern und Brüder!
Es ist noch gar nicht so lange her, da habe ich bei einem Hausbesuch mit den Gastgebern intensiv über folgenden Vorwurf diskutiert: Der Glaube an Gott macht Menschen intolerant. Ein Vorwurf, den diese im Freundeskreis immer wieder zu hören bekamen, verbunden mit all den Beispielen, die in diesen Streitgesprächen immer wieder aufgetischt werden. Da wird die biblische Geschichte des Propheten Elia ins Feld geführt, der angeblich 500 Priester eines heidnischen Kultes mit dem Schwert umgebracht haben soll. Dann der Vorwurf der immer kommt: Die Kreuzzüge. Doch damit nicht genug: Auch die christlichen Eiferer unserer Tage werden benannt, die mit nicht gerade jugendfreien Aussagen all jene verdammen, die das Christentum nicht so leben, wie sie es für richtig erachten. Und: Es wird bei dem Vorwurf „der Glaube an Gott mache Menschen intolerant“, auch auf die fundamentalistischen Gewaltausbrüche in der islamischen Welt verwiesen, auf den kriegstreibenden Starrsinn jüdischer Siedler in Palästina und auf Palästinenser, die sich zu menschlichen Bomben gegen das jüdische Volk machen, sowie auf die Gewalt zwischen Buddhisten und Hindus in Indien.
Stimmt es also tatsächlich, dass im Glauben an Gott eine immense Gefahr der Intoleranz liegt? Verhindert eine persönliche Glaubensgewissheit eine gute Nachbarschaft zu Menschen mit anderen Überzeugungen?
Zunächst einmal muss ich für mich feststellen: Ja, ich erlebe durchaus, dass Menschen die eigene Religion missbrauchen, um Gewalt zu legitimieren. Nicht selten benutzen Menschen die eigenen Glaubensüberzeugungen dazu, um Andere und Anderes zu verteufeln. Das gab es und das gibt es – leider Gottes – in allen Religionen, auch im Christentum, bis heute. Nur: Ein solches Verhalten hat nichts, aber auch gar nichts mit der Liebe Gottes zu uns Menschen zu tun und ein solches Verhalten widerspricht auch eklatant dem Gottesglauben, zu dem Jesus Christus uns Menschen einlädt. Er hat uns ein anderes Verhalten vorgelebt, gelehrt und gepredigt, was doch die Frohe Botschaft, die wir eben gehört haben, auch eindeutig zeigt.
Da wird Jesus von einem Schriftgelehrten gefragt: „Welches ist das höchste Gebot von allen?“ Und er fügt dann in seiner Antwort zwei Gebote des jüdischen Glaubens zum sogenannten „Doppelgebot der Liebe“ zusammen. Er sagt: „Das höchste Gebot ist das „Schma Israel“ – „Höre Israel, der Herr, unser Gott, ist der einzige Herr. Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deinen Gedanken und all deiner Kraft. Als zweites kommt hinzu: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Kein anderes Gebot ist größer als diese beiden.“
Für mich macht Jesus mit dieser Antwort unmissverständlich klar: Der liebende Gott gibt uns Menschen Gebote und Weisungen, die ihre Erfüllung nicht im persönlichen Recht-Haben-, Recht-Behalten- und Recht-Durchsetzen finden, sondern in dem wir die Liebe leben und sie in die Tat umsetzen. Diese unsere Liebe zu Gott und zu den Mitmenschen soll all die anderen göttlichen Gebote und Weisungen gleichsam umfassen und durchdringen. Wenn das aber tatsächlich geschieht, dann macht der Glaube an Gott uns Menschen doch nicht intolerant, sondern dann ruft und befähigt, ja dann drängt dieser Glaube uns Menschen vielmehr zu einer Liebe, die zur Toleranz hinführt und diese auch praktiziert.
Um diese Liebe, von der Jesus hier spricht und von der er in seinem Leben, seinem Sterben und seiner Auferstehung immer wieder Zeugnis gibt, um diese Liebe besser zu verstehen, müssen wir uns einfach auch vor Augen führen, welche Dimensionen sie umfasst. Und da erkenne ich gleichsam drei Bewegungen:
Die erste Bewegung ist quasi die vom Himmel zur Erde. Also die Liebe Gottes zu uns Menschen, welche die Grundlage von allem ist. Diese Liebe wird uns von Gott völlig unverdient geschenkt. Sie öffnet quasi den Himmel zur Erde und legt den Grund dafür, dass wir Menschen dieser Liebe Gottes mit unserem Leben, unserem Glauben und unserem liebenden Tun antworten können. Diese Liebe Gottes hat sich für uns Christinnen und Christen in einmaliger Weise in der Person des Jesus von Nazareth gezeigt und verkörpert – hat sich in diese Welt inkardiniert.
Die zweite Bewegung ist dann die von der Erde zum Himmel. Das ist gleichsam die Liebe, die wir Menschen zu Gott entwickeln. Diese Liebe festigt uns in der Gewissheit, dass wir von Gott gehalten sind. Für mich heißt das: Der Himmel ist uns immer offen, selbst wenn diese krisengeschüttelte Erde uns oft Angst macht und wir sprichwörtlich Sorge haben, manchmal den Boden unter den Füßen zu verlieren. Aber es ist die Liebe, die – wenn wir sie praktizieren – unser Lebenshaus eben nicht auf Sand, sondern auf das feste Fundament der Gegenwart und Nähe Gottes baut. Und diese Gegenwart und Nähe Gottes lässt uns nicht nur zuversichtlich leben, sondern auch sterben.
Die dritte Bewegung ist dann die auf der Erde, die Liebe von Mensch zu Mensch; meine Liebe von mir zu meinen Mitmenschen. Sie führt dazu, dass ich in jedem Menschen, ganz unabhängig von seiner Nationalität und Weltanschauung, meine Schwester, meinen Bruder erkenne, der wie ich selbst ein von Gott geliebtes Geschöpf ist. Diese Liebe motiviert mich aber auch zu einer respektvollen Toleranz gegenüber Fremden, weil sie eben in der Gottesliebe begründet ist. Wenn andere Menschen verunglimpft und angegriffen, verletzt oder misshandelt werden, dann befähigt mich die Nächstenliebe, die Jesus einfordert, zum Mitfühlen und Mitleiden, sowohl mit nahen wie mit fernen Nächsten, im persönlichen Umfeld oder in der großen Politik. Denn wenn wir tatsächlich unsere Nächsten „lieben wie uns selbst“, dann erschöpft sich dieses Lieben ja nicht nur in einer tätigen Nothilfe. Nein, dann fragen wir vielmehr nach anderen Strukturen für mehr Recht und Gerechtigkeit für alle Menschen und für ein Bewahren dieser Schöpfung auch für unsere Kinder und Kindeskinder.
Spüren Sie, wie die drei Bewegungen der Liebe untrennbar zu unserem christlichen Glauben dazugehören? Von wegen: Der Glaube an Gott würde uns intolerant machen!! Nein, diese drei Bewegungen der Liebe führen uns vielmehr zu einer weit größeren Toleranz. Gerade jetzt, wo wir kurz vor dem 80. Gedenktag der Reichspogromnacht stehen, fällt mir ein Wort von Dietrich Bonhoeffer ein, den es nie in Ruhe gelassen hat, dass gerade in den christlichen Kirchen Jüdinnen und Juden verunglimpft, verraten und ausgegrenzt wurden. Er hat sein Gewissen und das seiner Mitmenschen immer wieder wach gerüttelt, indem er forderte: „Nur wer für die Juden schreit, darf auch gregorianisch singen.“
Dieser Satz sagt mir: Wer an dem Leiden seiner Mitmenschen vorbeisieht und vorbeigeht, der missachtet die Liebe Gottes zu seinen Menschen. Wer nur Gott liebt, aber seinen Nächsten nicht, dessen Gottesliebe verkommt letztendlich zur Makulatur und zur Lüge! Denn wer im Sinne Jesu liebt, der kann nicht nur bei der Liebe zu sich selbst und bei der Liebe zu Gott bleiben, sondern dessen Liebe hat immer auch den Nächsten im Blick.
Mögen wir in dieser Liebe Gottes zu Botinnen und Boten seines Friedens werden – hier in unserer Seelsorgeeinheit und in unserem persönlichen Umfeld. Gerade in einer Zeit, in der „Fake News“ und eine immense Kälte im zwischenmenschlichen Bereich um sich greifen, da ist diese Liebe so eklatant wichtig. Amen.

Bertram Bolz, Diakon