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Predigt 23. Sonntag im Jahreskreis – D. Bolz

Predigt zum 23. Sonntag im Jahreskreis 2019
L I: Weis 9, 13-19 / Ev.: Lk 14, 25-33

Schwestern und Brüder!
Geht es Ihnen auch so, dass Sie nach dem Hören dieses Evangeliums eher verstört als begeistert sind? Müssen wir wirklich die Eltern, müssen wir Frau und Kinder, die Geschwister, ja uns selbst gering achten, um gute Christen zu sein? Müssen wir heimatlos und ohne familiäre oder freundschaftliche Bindungen sein, um Jesus wirklich nachfolgen zu können?
Wenn ich mir das so überlege, dann kann ich all diejenigen gut verstehen, die mit solchen Aussagen enorme Schwierigkeiten haben und sich deshalb oft in der Ansicht bestärkt sehen: Christentum – das ist vor allem Kreuz tragen, Buckeln und Verzicht üben. Da gibt es nichts Fröhliches, kein Lachen, keine Heiterkeit – immer nur ernst. Anscheinend darf da nichts sein, was uns Menschen das Leben auch nur im Entferntesten leichter machen oder uns gar Freude bereiten könnte. Und bei manchen Christen oder christlichen Gruppierungen hat man ja wirklich den Eindruck, als gingen sie zum Lachen in den Keller.
Werbemanager schlagen deshalb bei dem, was Jesus hier von sich gibt, die Hände über dem Kopf zusammen. Denn anziehend auf die Menschen wirkt das, was er hier von sich gibt, wahrlich nicht – eher beschwerlich und abstoßend. Ist es das, was Jesus will – uns Menschen vor den Kopf stoßen? Das kann ich mir nicht vorstellen. Obwohl ich mir schon eingestehen muss, dass diese Bibelstelle etwas eigenartig Anmutendes an sich hat. Denn: Nehme ich sie wörtlich bin ich mit meinem Latein am Ende, bevor ich mit dem Denken überhaupt recht angefangen habe – und wenn ich sie nicht wörtlich nehme, tja, wie kann oder muss ich sie dann verstehen? Schließlich habe ich neben materiellen Dingen auch noch Menschen um mich, die ich liebe und die ich nicht aufgeben kann und auch nicht aufgeben will. Kann ich deshalb Jesus nicht nachfolgen? Wie soll ich also dieses Evangelium verstehen?
Vielleicht hilft es weiter, wenn wir uns mal in die Zeit Jesu zurückversetzen: Als er damals das Reich Gottes verkündigte und Menschen in seine Nachfolge rief, da bedeutete ein solcher Schritt tatsächlich die Aufgabe des alten und vertrauten Lebens. Denn wer zu Hause bleiben wollte, der konnte nicht mit ihm mitkommen, mit ihm aufbrechen. Wer an seiner alten Aufgabe hing, musste also zurückbleiben. Sehr offen sagt Jesus deshalb was auf die zukommt, die es wagen wollen, mit ihm zu gehen: Es bedeutet Trennung, Abschied, kompletter Neuanfang. Viele seiner Jünger haben dies praktiziert – und auch Menschen, die nach ihnen kamen.
Denken wir nur mal an einen Franz von Assisi, der seinem Vater das Gewand zurückgab und anschließend sein Leben mit einfachen, armen Menschen geteilt hat. Oder an Elisabeth von Thüringen, die sich von den Kindern trennte um ihr Leben ganz den Kranken und Ausgestoßenen zu widmen. Und: es gab einen Martin Luther, der seinem Vater die juristische Karriere verweigerte und in das Augustiner-Eremiten-Kloster in Erfurt eintrat. Nur drei Beispiele, die stellvertretend für viele andere Biografien stehen, die von ähnlichen Lebensentscheidungen berichten und die geprägt sind von Umbrüchen und Aufbrüchen. Auf einmal sieht das alte Leben wirklich alt aus und die neuen Lebenswege wirken faszinierend bis heute. Ja, sie überzeugen sogar viele, die sonst dem Glauben und der Kirche eher kritisch gegenüberstehen. Und was macht das mit mir? Ich gerate bei solchen Gedanken ins Grübeln.
Sind diese Forderungen Jesu vielleicht tatsächlich nur für die Menschen gedacht, die einen so radikalen Weg gehen können? Für Menschen also, die wir deshalb als Heilige oder Vorbilder verehren? Sind diese Worte Jesu wirklich nichts für so durchschnittliche Christen wie Sie und mich? Mir fällt das schwer zu glauben. Denn im Tiefsten meines Herzens bin ich überzeugt, dass Jesus weder die Familie abgelehnt noch für eine Enteignung derjenigen plädiert hat, die ihm nachfolgen wollen. Wieso sonst hätte er denn die Schwiegermutter des Petrus aufsuchen und heilen sollen? Also ist ihm die Familie nicht gleichgültig. Aber er stellt dem, was wir als groß und wertvoll betrachten, noch etwas Größeres und Wertvolleres gegenüber: nämlich die Gemeinschaft mit ihm. Dort wo ich mich an ihm ausrichte, bekommt alles in meinem Leben – sowohl das Materielle als auch das Menschliche – den richtigen Stellenwert. „Familie gering achten“ heißt dann im Sinne Jesu: Ich vergöttere niemanden – weder den Lebenspartner, noch Kinder oder Enkel; andererseits verteufle ich aber auch niemanden, wenn er mich mal maßlos enttäuscht hat. Auf Besitz verzichten kann dann heißen: Sich durchaus an den schönen Dingen des Lebens zu erfreuen; aber eben auch loslassen und teilen können, wo es Not gibt.
Gerade das Letztere, die Frage nach dem Besitz, ist ja im heutigen Evangelium nicht zu überhören: Dabei ist mit Besitz nicht nur gemeint was ich besitze sondern auch, was mich besetzt, was mich gefangen nimmt, was meine Gedanken bestimmt und mein Leben in ein festes Schema presst. Besitz ist auch, was mir die Illusion beschert alleine leben zu können, nichts und niemanden nötig zu haben – weder Christus, noch den Glauben, noch meine Mitmenschen. Besitz bedeutet dann: Satt und sich selbst genug zu sein. Ob hier die Spur liegt, auf die mich das Evangelium bringen will?
Bei all dem wird mir bewusst: die beiden Geschichten, die Lukas mitliefert sind dazu gedacht, dieses schwierige Wort Jesu besser verstehen und einordnen zu können. Es sind Geschichten, die mitten aus dem Leben gegriffen sind und die davon erzählen, wie man vor einem peinlichem Scheitern bewahrt wird. Denn nicht nur wir Schwaben wissen: wenn man nicht richtig plant, dann erfüllt sich der Traum vom Häusle – im Evangelium ist vom Turm die Rede – eben nicht. Also: Ich muss wissen, was ich will – und ich muss wissen, was ich dazu aufbringen kann. Genauso das andere Beispiel vom König und den Soldaten: Hier wird vom Risiko erzählt, sich und seine Kräfte zu überschätzen und deshalb dem stärkeren Gegner zu unterliegen. Also: Ich muss wissen, was geht – und ich muss wissen, was trägt.
Zwei kleine Geschichten, die auf einfache Weise illustrieren, wie Menschen ihre Chancen abwägen – und dadurch gewinnen. Wer Jesus nachfolgt, der wird auch mit vielen Fragen konfrontiert: Kann ich das? Will ich das? Werde ich das durchhalten? Habe ich genügend Vertrauen in diesen Jesus – auch und gerade dann, wenn Leid und Schmerz mein Leben bestimmen? Kann ich das Vertrauen, das er mir immer wieder entgegenbringt und die Liebe, die er mir schenkt, tatsächlich erwidern? Genau dieses Vertrauen in Jesus auch in schwierigen Zeiten zu haben, das weist den Menschen aus, der glaubt. Vertrauen gibt es nämlich nicht ein bisschen. Entweder wir vertrauen und bauen auf Jesus oder wir tun es eben nicht.
Wir alle kennen den üblichen Spruch in der Medikamentenwerbung, der da heißt: „Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie bitte die Packungsbeilage oder fragen Sie ihren Arzt oder Apotheker.“ Für den richtigen Medikamentengebrauch mag dies gelten. Für die Risiken, die sich mir auf einem Lebensweg mit Christus auftun, brauche ich einen solchen Zettel nicht. Da brauche ich nur das Vertrauen in ihn, dass er da ist und mit mir geht – weil er uns – Sie und mich – unendlich liebt. Und auch all die Menschen, die dieses Leben mit mir leben und gestalten. Amen.

Bertram Bolz, Diakon