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Predigt 20. Sonntag im Jahreskreis – D. Bolz

Predigt zum 20. Sonntag im Jahreskreis
L I: Jer 38, 4-6.8-10 / Ev: Lk 12, 49-53

Schwestern und Brüder!
Mit einem rebellischen, ja fast schon aggressiven Ton greift Jesus in der zweiten Hälfte des heutigen Lukas-Evangeliums ein Thema auf, das vielen von uns vertraut ist, das oft wehtut und das wir nur allzu gerne nicht publik machen möchten. Ich meine damit die Unstimmigkeiten und Streitigkeiten die es oft in unseren Familien gibt. Es schmerzt enorm, wenn Konflikte im Verhältnis Vater/Sohn, Mutter/Tochter auf die Tagesordnung kommen. Und vielleicht denken Sie: Jetzt wird mir das auch noch im Gottesdienst zugemutet. Doch gibt es wirklich auch nur eine Familie, die ohne solche Spannungen lebt? Gibt es auch nur eine Familie, die solche Auseinandersetzungen nicht kennt?
Weil dem so ist, sollten wir über dieses Evangelium erleichtert sein. Denn Jesus ist einfach Realist genug, dass er unsere menschlich-natürlichen und überall vorkommenden Konflikte kennt. Und weil er sie kennt spricht er sie an und versucht erst gar nicht, sie unter den sprichwörtlichen „Teppich“ zu kehren. Und: Jesus benützt diese menschlichen Konfliktfelder, um uns etwas zu verdeutlichen. Denn im Kern geht es hier ja gar nicht um irgendwelche Generationenkonflikte, sondern um Entscheidungssituationen. Entscheidungssituationen, die Widerspruch hervorrufen, weil eine Entscheidung für etwas ja immer auch eine Entscheidung gegen etwas beinhaltet.
So begegnet uns in diesem Evangelium ein streitbarer und leidenschaftlicher Jesus, der in dieser Art und Weise vielleicht gar nicht in das Bild passt, das wir oft von ihm haben. Doch leidenschaftlich war er eben immer dann, wenn es um die Sache Gottes ging. Das war seine Passion und sie wurde zu seinem persönlichen Kreuzweg, zur Leidenschaft die Leiden schafft, weil er sogar bereit war, dafür sein Leben zu geben. Das ist auch der Grund weshalb Jesus hier sagt: „Ich bin nicht gekommen Frieden zu bringen, sodern Spaltung.“ Es ist nicht sein Anliegen einen Keil zwischen die Menschen zu treiben, aber er macht deutlich: Eine Entscheidung wird immer auch eine Trennung herbeiführen. Es liegt Jesus also nicht an einem faulen Frieden nach dem Motto: Soll doch jede und jeder nach je eigener Fasson selig werden. Nein, es geht um die klare Entscheidung: Hier das Ja für Gott und da das Nein zu allem, was diesem Gott und seiner Botschaft widerspricht.
Nun ist uns natürlich ein Jesus als guter Hirte, als Heiland der Kranken und Freund der Kinder weitaus sympathischer, als ein Jesus, der als Brandstifter auftritt. Brandstifter hantieren ja mit Brandsätzen. Und genau das hat Jesus im übertragenen Sinne auch immer wieder getan. Seine Sätze waren Brand-Sätze: Sätze, die brennen, die die Gemüter erhitzen, die „anfeuern“ und die etwas bewegen wollen. Lassen Sie mich das anhand von ein paar Beispielen deutlich machen:
Wenn Jesus sagt: „Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist: Du sollst nicht töten. Ich aber sage euch: Jeder, der seinem Bruder auch nur zürnt, soll dem Gericht verfallen sein“, wenn Jesus dies sagt, dann kämpft er mit einem solchen Brand-Satz gegen eine bloß äußerliche Erfüllung der göttlichen Gebote und für eine größere Gerechtigkeit, die hinter allen Geboten nach dem Willen Gottes fragt.
Oder wenn er sagt: „Der Sabbat ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Sabbat“, dann protestiert Jesus mit einem solchen Brand-Satz gegen all jene kleinlichen Gesetze, die den Menschen unfrei machen, statt ihm Leben in Fülle zu ermöglichen. Und mit dem Brand-Satz: „Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt“, provoziert Jesus diejenigen, die stets nur ihren eigenen Vorteil suchen, die nicht loslassen und nicht teilen können. Brand-Sätze dieser Art gibt es bei Jesus zuhauf. Brand-Sätze gegen die doppelte Moral der Frommen und gegen die Unglaubwürdigkeit der Glaubenshüter. Brand-Sätze auch gegen die Autoritäten der jüdischen Religion, die in den Augen Jesu um Kleinigkeiten streiten und die entscheidenden Grundhaltungen vernachlässigen.
Doch nun frage ich mich: Welche Brand-Sätze würde Jesus denn heute sprechen? Den Brandsatz – endlich den synodalen Weg in den Ortskirchen zu beginnen und in diesen Ortskirchen auch größere Neuerungen in der Kirche zuzulassen? Den Brandsatz – den Zölibat endlich wieder als ein Kirchengesetz zu begreifen, das veränderbar ist und ihn nicht als quasi Glaubenswahrheit einzustufen? Den Brandsatz – endlich den Frauen heute in der Kirche den Stellenwert zukommen zu lassen, damit wir wahrlich von einer mütterlichen und geschwisterlichen Kirche reden können? Den Brand-satz – endlich auch Frauen wie Männer mit dem Dienst der Leitung in unseren Gemeinden zu beauftragen?
Solche Sätze, ich weiß, enthalten auch heute immensen Zündstoff. Die einen sind davon Feuer und Flamme, andere kochen innerlich und äußerlich vor Wut, wenn sie es nur hören. Die einen interessieren sich brennend dafür und lassen sich von dieser zündenden Botschaft anstecken – andere weichen erschreckt zurück und wollen sich nicht die Finger verbrennen. Eine Situationsanalyse die Papst Franziskus derzeit vehement in der ganzen Kirche ausmacht und die er auch in Anfeindungen seiner Person tagtäglich neu erlebt.
Aber schauen wir zurück auf Jesus selbst. Er weiß um die Wirkung seiner Worte; er weiß, dass sie eine Entscheidung verlangen. Und genau dieses Polarisierende erfährt er eben auch in der eigenen Familie. Diese klagt ihn an: „Er ist von Sinnen.“ Und viele seiner Freunde meinen: „Was er sagt, ist unerträglich. Wer kann das anhören?“ Andere aber fangen Feuer, lassen sich begeistern, gehen mit ihm. Wie sagte der große Theologe Hans Urs von Balthasar: „Der Fall, dass einer Christus begegnet und nicht anbetet und nachfolgt oder andererseits Steine aufliest, ein solcher Fall ist im Evangelium nicht vorgesehen.“
Anbeten und nachfolgen oder Steine auflesen – das ist die Entscheidung, die alle treffen müssen, die mit Jesus und seiner Botschaft in Berührung kommen. Dass wir uns für die Nachfolge und das Anbeten entschieden haben, entnehme ich jetzt mal unserer aller Anwesenheit hier. Wir sind da, weil wir uns der Botschaft Jesu aussetzen wollen, auch der Brand-Sätze, die sie enthält. Und trotzdem habe ich manchmal den Eindruck, dass wir uns – und ich schließe mich da ganz bewusst mit ein – immer noch zu oft als „Feuer-Löscher“ dieser Sätze betätigen; dass wir uns viel zu oft mit einem „Christ-sein auf Sparflamme“ zufrieden geben; dass unser Herz nicht wirklich für die Sache Jesu brennt und wir uns viel zu schnell mit einem faulen Frieden anfreunden.
Es ist ja auch nicht einfach, mit den Ideen und Anliegen des Brandstifters Jesu durchs Leben zu gehen und seine Fackel dabei so durchs Gedränge zu tragen, dass dabei niemandem der Bart versengt wird – höchstens der eigene. Ich wünsche uns auf jeden Fall, dass es uns wenigstens ab und an gelingt, Feuer im Sinne Jesu zu legen, auch wenn der Funke nicht unbedingt auf andere überspringt. Aber ein Versuch ist es immer wieder wert, denn Feuerlöscher gegen die Botschaft Jesu gibt es schon zu viele – auch in unseren eigenen Reihen.

Bertram Bolz, Diakon