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Predigt 2. Sonntag im Jahreskreis – D. Bolz

Predigt am 2. Sonntag im Jahreskreis 2019 (20.01.)

Schwestern und Brüder!
Wenn Sie die Möglichkeit hätten Wunder zu wirken, was würden Sie denn zuerst tun? Da Sie gute Christinnen und Christen sind gehe ich jetzt mal davon aus, dass Sie sich nicht zuerst den Lotto-Jackpot sichern würden, sondern wichtigere Anliegen in den Blick nehmen würden: z.B. Frieden schaffen im Nahen Osten; oder attraktivere Lebensbedingungen an den Heimatorten so vieler Migranten zu ermöglichen, um die Fluchtursachen effektiver zu beseitigen; vielleicht würden Sie generell die Armut in der Welt ausrotten oder zuerst den Klimawandel stoppen? Ich glaube schon, dass Sie all diese Dinge in den Blick nehmen würden, die auch mir bei dieser Frage so durch den Kopf gegangen sind. Doch was ich nicht glaube ist: dass jemand von uns mit etwas so Kleinem und Nichtssagendem anfangen würde, wie Jesus das damals in Kana getan hat – Wasser in Wein zu verwandeln. Ja, das erste Wunder Jesu war nichts anderes als die Rettung einer durstigen Hochzeitsgesellschaft! Nicht gerade eine Großtat zur nachhaltigen Verbesserung der Welt oder der Überwindung einer persönlichen Tragik. Und selbst für die Art, wie er dieses Wunder getan hat, erntet Jesus kein großes Aufsehen: Denn ich gehe mal davon aus, dass der Großteil der Hochzeitsgesellschaft davon überhaupt nichts mitbekommen hat – nicht mal von der rätselhaften Qualitätssteigerung des Weines. Denn wir dürfen ja nicht vergessen, dass die ganze Gesellschaft schon einiges an Wein und somit Alkohol intus hatte!!
Dieses Weinwunder von Kana steht also in Form und Inhalt so ziemlich allein unter all den anderen Berichten der Evangelien über das sonstige Wunderwirken Jesu: Keine Heilung oder gar Totenerweckung, keine wunderbare Massenspeisung wird als Erstes berichtet und somit auch keine Auseinandersetzung mit irgendeiner existentiellen Notlage. Auch kein religions- oder gesellschaftskritischer Ansatz findet sich hier wie in seinen großen Predigten. Nicht einmal eine kleine Belehrung wird uns zur besseren Erklärung dieses Handelns mit auf den Weg gegeben. Nichts von alledem. Einzig die triviale Peinlichkeit einer schlechten Festvorbereitung und die übermäßige Trinklust der Gäste – sind Anlass für das erste Wunder, das erste Zeichen, welches Jesus im Johannes-Evangelium in aller Öffentlichkeit wirkt. Ist das jetzt alles nur ein missglückter Anfang – oder ist es vielmehr ein Programm? War der Evangelist Johannes nur ein redaktioneller Stümper, indem er im Vergleich zu den anderen Wunderberichten der Evangelien eine Banalität statt eines Knüllers an den Anfang stellt – oder verbirgt sich hinter diesen Zeilen vielleicht sogar eine grundlegende Botschaft?
Bemerkenswert ist in meinen Augen auch, dass dieses Wunder nicht nur aus dem Rahmen fällt, sondern dass es auch nicht so recht in das Bild passt, welches wir im Allgemeinen von Jesus haben. Ein Wunderheiler, der aus Blindheit, Armut oder Krankheit rettet – das würde passen, gar keine Frage. Einer, der die Not wendet, der da steht, wo Elend, Schmerz, Tränen und Tod die Menschen belastet, das ist einleuchtend. Nur: Das Kana-Wunder zeigt einen anderen Jesus und auch ein anderes Ziel seines Auftrags. Nicht wenige Theologen gießen deshalb Spott über dieses Weinwunder von Kana, weil Jesus hier etwas rettet, was man leicht für überflüssig, unwichtig und zu wenig ernsthaft halten kann: die Lebensfreude der Menschen, die Leichtigkeit und Beschwingtheit eines Festes, die feuchtfröhliche Stimmung einer Hochzeitsgesellschaft. Gerade hier aber wird für mich mehr als sonst deutlich und sichtbar, was Jesus für uns Menschen will; was sein Bild des Menschen wirklich ist. Und das ist nicht das Bild des unentwegt fleißigen „Häuslebauers“, des verbissen Vor-sich-hin-Schaffenden, des traurigen Erdenkloses, der mit Schweiß, Blut und Tränen den steinigen Acker des Lebens zu beackern hat, um dann mal gerade Wasser und Brot auf den Tisch zu bekommen. Wie tief hat sich doch dieses Menschenbild in uns hineingefressen. So tief, dass Menschen sich häufig meinen rechtfertigen zu müssen, dass sie den Wohlstand, den sie sich leisten, weiß der Herrgott wie schwer erarbeitet und doch verdient haben. Der Gedanke: Einfach nur Gast zu sein, es sich gut gehen zu lassen, aus vollem Herzen zu feiern – das hat man sich doch nicht verdient oder hart erarbeitet und deshalb ist dieser Gedanke auch völlig abwegig.
Die programmatische Grundaussage dieses Wunders könnte also sein: Jesus versteht sich nicht als Moralapostel, ideologischen Weltverbesserer oder rätselhaften Wunderheiland für unheilbar Kranke oder andere Randexistenzen; nein, er versteht sich primär als Diener der Freude. Seine Botschaft vom Reich Gottes ist also zunächst kein ideologisches Gegenkonzept zur Errichtung einer besseren Gesellschaft und auch kein Moralkodex zur Garantie eines funktionierenden Zusammenlebens oder eines reibungsfreien Zugangs zum Himmel, sondern sie ist primär eine Botschaft, die froh und frei machen, die Hoffnung und Mut für das Leben schenken und somit erreichen will, dass Menschen ihr Leben bejahen, dass sie es feiern und dankbar annehmen.
Damit wir uns jetzt aber nicht falsch verstehen: Ich sage ganz bewusst „zunächst“ und „primär“, weil ich der Letzte wäre, der Jesus und seinem Evangelium so etwas wie politische, gesellschaftsverändernde oder gar moralische Brisanz absprechen würde. Mitnichten! Aber ich halte das alles für Ableitungen, für Konsequenzen oder auch Folgewirkungen seines ersten Anliegens – und das heißt: Freude und Lebensbejahung. Sein Anliegen besteht darin, der Freiheit, der Hoffnung und der Angstlosigkeit des Menschen zu dienen. Erst aus dieser Freiheit, diesem Urvertrauen und dieser vitalen Lebensbejahung heraus, die er den Menschen vermitteln will – erst daraus erwächst dann jene Umkehr, die all jene, die an ihn glauben, zu besseren, aufrichtigeren, gerechteren, engagierteren und vor allem liebenderen Menschen werden lässt. Zuerst aber – quasi vor allem und über allem – steht die Freude und die Lebensbejahung. Und dafür ist die wunderbare Versorgung einer durstigen Hochzeitsgesellschaft mit Spitzenwein doch ein mehr als passendes Zeichen.
Sie glauben gar nicht, wie sympathisch diese Wundererzählung für mich ist. Denn oft hat man ja das Gefühl, man dürfe sich nur in ganz bestimmten Anliegen an Gott wenden und nicht mit sogenannten Nebensächlichkeiten. Doch Gott ist kein Gott, dem nur manches in meinem Leben wichtig wäre, sondern alles. Die großen genauso wie die kleinen Sorgen, jede Faser meines Ichs – alles ist ihm wichtig, so wie uns als Eltern auch alles im Leben unserer Kinder wichtig ist. Bei einem Gott, der sich selbst um den Wein einer Hochzeitsgesellschaft kümmert, bei einem solchen Gott fühle ich mich aufgehoben und beheimatet, weil ein solcher Gott das Leben versteht. Ja, bei einem solchen Gott haben weder Weltfremdheit noch Leibfeindlichkeit einen Platz – vielmehr bejaht er Ihr und mein Leben in und mit allen Facetten. Deshalb aber ist das Weinwunder zu Kana für mich das menschlichste Wunder überhaupt, welches Gott gewirkt hat. Es ist ein sympathisches Wunder – durch einen mehr als sympathischen Gott. Amen.

Bertram Bolz, Diakon