Impulse/PredigtenLiturgie

Predigt 18. Sonntag im Jahreskreis – D. Bolz

Predigt zum 18. Sonntag im Jahreskreis
L I: Koh 1,2; 2, 21-23 / Ev: Lk 12, 13-21

Schwestern und Brüder!
Vielleicht kennen Sie ähnliche Erlebnisse. Da war ich in Stuttgart beim Einkaufen und wollte noch kurz in die Eberhards-Kirche. Eine Frau saß mit einem Kind auf dem Arm auf den Kirchenstufen und schaute mich mit traurigen Augen an. Beide saßen so, dass man sie wahrnehmen musste und die Hand der Frau reckte sich mir entgegen. Blitzschnell kam mir in den Sinn: Vorsicht! Das sind ausgepuffte Profis, moderne Wegelagerer, die einen auf Mitleid machen. Lass die Finger davon! Was ich dann auch tat – aber: es hat mir keine Ruhe gelassen.
Als ich wieder herauskam, war die Frau verschwunden. Hatten sie den Standort gewechselt oder schon genug verdient an diesem Tag? Und was war mit dem Kind? Mein schlechtes Gewissen meldete sich vehement zu Wort. Kein Wunder: Schließlich hab ich von klein auf gesagt bekommen, dass ich mit Ärmeren teilen soll, das gehört sich einfach als Christ: Da eine Spende für Erdbebenopfer, dort eine Überweisung für Bürgerkriegsflüchtlinge, ab und an noch für den Umweltschutz. Eine Haltung die Heimatrecht genießt – gerade bei uns Christen. Schließlich sind die berühmtesten Heiligen doch die, die geteilt haben: Martin, der Mantelteiler; Elisabeth von Thüringen, die Fürstin der Armen oder Mutter Teresa, der Engel von Kalkutta. Allesamt Figuren mit Vorbildcharakter und da wundere ich mich, dass ich ein schlechtes Gewissen bekomme?
Vielleicht fragen Sie sich: Aber was hat das jetzt mit dem zu tun, was wir gerade gehört haben? Und ich halte dagegen: Für mich sehr viel. Deshalb lade ich Sie ein; Gehen Sie gemeinsam mit mir auf Spurensuche und entdecken Sie, was mein schlechtes Gewissen mit diesem Gleichnis des reichen Kornbauern zu tun hat.
Wohlgemerkt: Der Kornbauer ist ja nur ein Gleichnis. Der Ausgangspunkt ist der, dass ein Mann zu Jesus kommt, der ihn in einer Erbauseinandersetzung als Streitschlichter anrufen will. Wir alle kennen das – vielleicht sogar aus eigener leidvoller Erfahrung – dass es kein heißeres Eisen gibt, als eine Erbschaft. Was heißt hier schon Gerechtigkeit? Wie wird unter Hinterbliebenen denn gerecht verteilt, was diese gar nicht selbst erarbeitet und verdient haben? Erbe ist immer ein Geschenk. Das letzte Geschenk, welches Menschen zurücklassen, wenn sie sterben. Wer von den Angehörigen verdient jetzt das Haus, wer das Barvermögen, Bilder oder Bücher? In vielen Fällen wird darüber gestritten, dass sich nur so die Balken biegen. Dass es da nicht immer fein und zimperlich zugeht, versteht sich fast schon von selbst; schließlich hört beim Geld nicht nur die Freundschaft – nein, da hört häufig genug auch die Verwandtschaft auf.
Und dann werden all die alten Geschichten lebendig: Ich war schon immer benachteiligt – Du hast doch die gute Partie gemacht – Du verdienst doch schon genug, was brauchst du noch mehr…. Das Wort „Habgier“, welches das Evangelium hier benutzt, beschreibt sehr treffend, dass es eine Gier gibt, in der ein Mensch verloren gehen kann. Eine Gier, in der der Mensch Sinne und Verstand verliert; in der er Liebe und Freundschaften opfert, nur um etwas zu „haben“, etwas in Händen zu halten und es sein Eigen zu nennen: Hab-gier! Wenn die Gier sich erst einmal eines Herzens bemächtigt hat, gibt es am Ende nichts mehr, was ein Mensch nicht haben will. Dann bewahrheitet sich, dass Dinge einen Menschen so besetzen, so gefügig machen können, dass sie mit ihm spielen. Genau wie die Katze mit der Maus. Ein interessantes Wort: Habgier! Es ist ehrlich; nicht verbrämt und vor allem: nicht wertneutral!
Wir können uns also die Situation, in der der Mann sich befindet, der Jesus um Schlichtung anruft, recht gut vorstellen. Umso überraschender ist aber für uns alle das Verhalten Jesu. Er, der ein Machtwort sprechen soll, geht auf den Konflikt gar nicht ein. Es scheint ihm egal zu sein, ob hier gerecht geteilt wird oder nicht. Allerdings macht Jesus dies nicht aus einem Desinteresse heraus, sondern aufgrund seiner skeptischen Haltung gegenüber jeglichem Besitz bzw. Eigentum. Und weshalb? Weil er damit verbunden immer auch die Gefahr nach dem noch mehr Habenwollen sieht; er nimmt die Gratwanderung hin zur Gier deutlich wahr. Deshalb auch die Aussagen: „Hütet euch vor jeder Art von Habgier!“
Vermögen und Überfluss geben dem Leben weder Richtung noch Tiefe; sie machen aus dem Leben nicht mehr, sondern häufig genug – wenn die Gier einen überkommt – weniger. Deshalb macht er auch deutlich, dass mit einem Schiedsspruch seinerseits nicht zu rechnen ist. Denn: Wer sich um’s Erbe streitet, wer einen Eiertanz um Besitz und Geld aufführt, der hat noch gar nicht verstanden, worauf es ihm letztlich ankommt. Deshalb erzählt er dieses Gleichnis vom reichen Kornbauern.
Dabei geht es nicht darum, den Bauern und seine Arbeit in ein schlechtes Licht zu rücken. Aber es ist auffallend, dass der Reichtum diesem Mann so zu schaffen macht, dass er darüber das Leben im Hier und Jetzt – auch als Teil der Gemeinschaft mit anderen – vergisst. Er ist so besetzt von einer Lebenshaltung die meint, alle Sehnsucht nach Sicherheit und jegliches Be-dürfnis nach Besitz ganz allein für sich stillen zu können. Ganz auf sich bezogen kreist er nur noch um sich selbst und darum, was er für sich noch erreichen und wie er noch mehr für sich selbst vorsorgen kann. Diese Befriedigung seiner Bedürfnisse besetzt ihn derart, dass aus einer einstmaligen Sehnsucht eine Gier, die Habgier, wird.
Mir wird bewusst: In den Augen Jesu ist Besitz und eine gesunde Vorsorge nichts Schlechtes. Doch beides bekommt dann einen fahlen Beigeschmack, wenn die Eigentümer in ihrem Denken und Tun nur noch gnadenlos auf sich selbst ausgerichtet sind. Und was heißt das jetzt für uns? Welche Schlussfolgerung ziehen wir – Sie und ich – für uns aus diesem Gleichnis?
Ich denke mir, wir sollten uns dafür einsetzen, dass der Wert eines Menschen nie daran festgemacht wird, was er besitzt. Wir sollten mit unseren Kindern und Enkeln immer wieder ins Gespräch über Geld und Besitz kommen und sie vor der oft praktizierten Idealisierung materiellen Besitzes warnen. Wir sollten aufstehen gegen den immer größer werdenden Graben zwischen Arm und Reich und uns auf die Seite der Benachteiligten und Schwachen einer Gesellschaft stellen. Wir sollten nicht in die Klagelieder über ein vielleicht nahendes Ende der übersatten Jahre einstimmen, in de-nen wir auf einem verdammt hohen Niveau leben konnten. Wir sollten viel-mehr auch bei kommenden Abstrichen daran denken, dass wir im Vergleich zur Weltbevölkerung immer noch hochprivilegiert sind. Und: Wir sollten uns der Einstellung Jesu anschließen und eindeutig, barmherzig und geschwisterlich sein.
Vielleicht fragen Sie sich jetzt: Und weshalb jetzt der Anfang mit der Situation vor der Kirche? Sie erinnern sich: Ich hatte ein schlechtes Gewissen. Und genau das wünsche ich mir für meinen Alltag immer wieder. Ich halte Gerechtigkeit aufgrund meines Glaubens für existentiell wichtig; deshalb will ich mich um sie bemühen, auch wenn ich dabei mal ausgenutzt werde oder – wie geschildert – auch mal versage. Doch die wahre Erkenntnis des heutigen Evangeliums heißt für mich: Du musst nicht teilen, damit andere, Arme und Kranke etwas zum Leben und zum Überleben haben. Nein du musst teilen, damit du selbst Leben und überleben kannst. Denn wer teilt, hilft sicher anderen, aber er hilft vor allem auch sich selbst. Oder wie eine fernöst-liche Spiritualität es in Worte gefasst hat: Wenn du gefüllt bist mit Besitz, dann bist du voll und zu. Um aber zu wahrem Reichtum zu gelangen, musst du zuvor vieles verschenken. Und ich spüre schon: Wenn ich Platz schaffe, kann der, der das Leben ist und der Leben für mich bereit hält, mit seiner Botschaft in mir erst so richtig Raum finden. Amen.

Bertram Bolz, Diakon