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Predigt 17. Sonntag im Jahreskreis – D. Bolz

Predigt zum 17. Sonntag im Jahreskreis

Schwestern und Brüder!
Kennen Sie den größten Märtyrer unserer Kirche? Er heißt „Vater unser!“ Dieser Spruch macht schnell deutlich, was sein Erfinder damit gemeint hat: Das Gebet der Christen – es wurde zu Tode traktiert durch gedankenloses Herunterrasseln oder gar als Bußübung bei der Beichte. Haben Sie das auch noch im Ohr: „Zur Buße beten sie 5 Vater unser und zehn Ave Maria!“ Genauso fragwürdig wie diese Praxis ist für mich die Bitte: „Beten Sie doch ein Vater unser für mich!“ Als ob es genügen würde, dass ein anderer das Gebet für mich spricht. Sicherlich: die Intention des Bittstellers ist mir sehr wohl bewusst, weshalb ich mich jetzt auch jeglicher Zurechtweisung enthalte. Ich möchte ja auch nur deutlich machen, dass der Umgang mit dem Herzstück christlichen Betens oft mehr als problematisch ist. Wie sagte mir mal ein ev. Pfarrer: Ein signifikanter Unterschied zwischen evangelischen und katholischen Gottesdiensten sei für ihn auch die Art und Weise, wie das Vaterunser gebetet wird. Nicht nur, dass dazu in ev. Kirchen die Glocken ertönten, sondern dass es auch langsam und andächtiger gebetet würde.
Ob das nun so stimmt – ich lass es mal dahin gestellt sein. Aber das Gebet der Christen heute nicht zu beachten, das geht gar nicht, nachdem es uns ja im Evangelium quasi auf dem Präsentierteller serviert wurde.
Vielleicht haben Sie ja bereits beim Zuhören gedacht: Ja wie, das ist doch nur die Hälfte des Gebetes. Doch genau so steht das „Vater unser“ im Lukas-Evangelium. Viel kürzer also, wie die uns geläufige Form, die mit Abstrichen der Überlieferung des Matthäus-Evangeliums folgt. Doch was ist nun richtig? Jesus hat ja nicht einmal den Jüngern einen kürzeren und dann einen längere Text vorgelegt. Also: Kann doch nur einer letztlich derjenige sein, den Jesus gesprochen hat. Und welcher Text, welche Worte sind das jetzt?
Erschrecken Sie jetzt bitte nicht. Aber ich muss ihnen sagen, dass weder der eine noch der andere Text uns genau den Wortlaut überliefert, den Jesus damals gelehrt hat. Denn mit seinen Freundinnen und Freunden hat Jesus aramäisch gesprochen, aber das Evangelium ist uns in Griechisch überliefert worden. Also gleichgültig welche Fassung nun näher an der Urform dran ist, es handelt sich jeweils um eine Übersetzung und ist somit nur noch bedingt der Wortlaut, den Jesus verwendet hat. Doch gebe ich jetzt auch allen recht, die dem Gedanken nachhängen: Eine Übersetzung erklärt doch noch nicht, weshalb es zwei verschiedene Fassungen gibt – zumal mit so gravierenden Unterschieden.
Stöbert man in schlauen Fachbüchern nach, dann gibt es offenbar zwei Möglichkeiten, wie man sich dieses Phänomen erklären kann. Die eine ist die, dass der Text ja ursprünglich mündlich überliefert wurde; hat sich also bei Matthäus dadurch vielleicht die ausführlichere Form erhalten? Nach diesem Gedanken wäre bei Lukas und seiner Version nur so etwas wie die Kernsätze des Herrengebetes übrig geblieben. Sozusagen eine reduzierte Form, bei der Teile einfach weggelassen, vergessen oder auch ganz bewusst gestrichen worden sind, um das Ganze vielleicht pointierter auszudrücken. All diese Erklärungsversuche haben mich aber nie wirklich überzeugt. Denn soll ich wirklich annehmen, dass die Menschen, die sich zutiefst mit Jesus und seiner Botschaft auseinandergesetzt haben, nicht nur einzelne Worte, sondern vielleicht sogar ganze Aussagen von ihm einfach gestrichen haben? Und das, obwohl ihnen bewusst war, dass es ein Gebet ist, das aus dem Munde Jesu stammt? Das kann ich mir nicht vorstellen. Deshalb denke ich eher: die Lukas-Fassung, die wir heute gehört haben, ist wohl die ursprünglichere Jesus-Version. Es sind kurze knappe Sätze, die leicht zu übersetzen waren.
Die Matthäus-Version dagegen ist keine einfache Übersetzung; da war wohl eher ein Literat und Übersetzer am Werk, der sich sehr wohl darüber im Klaren war, dass man etwas nicht so leicht von der einen in die andere Sprache übersetzen kann und dass es deshalb mitunter wichtig sein kann, Texte zu ergänzen, um den Sinn richtig zu erfassen. Wenn das stimmt, dann hätten wir jetzt bei Lukas den Text, der recht nahe an den Ursprungsworten Jesu ist, während der Matthäus-Text uns eher versucht mit auf den Weg zu geben, was diese Worte letztlich sagen wollen. Deshalb versuche ich beide Texte nebeneinander zu legen. Dann stechen nämlich diese Erklärungen ins Auge und es wird ganz schnell deutlich, was einem abendländisch denkenden Menschen offenbar gesagt werden muss, um die Worte Jesu in ihrem Sinn wirklich richtig verstehen zu können.
Versuchen wir es: Das Gebet beginnt mit Vater – dein Name werde geheiligt. Es ist ein Anfang, wie er im Orient üblich ist, ein Segensspruch wird angefügt. Matthäus ergänzt dabei: unser! Und meint damit: Gott als unser aller Vater.
Im Lukas-Text heißt es weiter: Dein Reich komme, während Matthäus diese Bitte für die Ohren erklärt, denen der jüdische Sprachgebrauch fremd ist: Reich Gottes, das ist für ihn da, wo Gottes Wille geschieht; also nicht nur die jenseitige Wirklichkeit die wir Himmel nennen, sondern der Raum, der auch unsere Welt beinhaltet. Wenn Gottes Reich anbricht, dann ist das auch hier auf Erden sichtbar und spürbar.
Dann fährt das Gebet mit der Bitte fort: Gib uns täglich das Brot, das wir brauchen. Eine Bitte, die keiner weiteren Erklärung bedarf und in jeder Sprache zu verstehen ist. Genauso die Bitte um die Vergebung der Schuld: Erlass uns unsere Sünden; denn auch wir erlassen jedem, was er uns schuldig ist. Bei Matthäus ist diese Formulierung ein wenig anders. Da war jemandem bewusst, dass man die griechische Übersetzung durchaus auch verkürzt lesen kann. Frei nach dem Motto: Verzeih uns, wir tun es ja auch. Doch Jesus verfolgt mit diesen beiden Sätzen einen anderen Sinn. Ihm geht es ganz offenbar darum, deutlich zu machen, dass uns Gott in dem Maße vergeben möge, in dem auch wir unseren Schuldnern bereits vergeben haben – und genau so überliefert er uns dann diese Worte.
Wenn Lukas nun mit dem Satz schließt, dass uns der Vater nicht in Versuchung führen möge, dann weiß der fromme Israelit darum, was diese eigenartige Formulierung bedeutet. Im Alten Testament – wir erinnern uns – wurden Menschen immer wieder von Gott in Versuchung geführt; sie wurden damit konfrontiert schuldig zu werden, um dadurch ihren Glauben zu erproben. Tu das bitte nicht, sagen wir mit Jesus. Und wir können dies tun, weil wir darum wissen, dass wir uns das Wohlwollen Gottes sowieso nicht verdienen können. Wir sind vor Gott immer auf seine Gnade angewiesen; wir können nur bestehen, wenn er selbst dafür sorgt. Und genau das macht die Matthäus-Version deutlich: Befreie du selbst uns vom Bösen, denn wir allein vermögen es nicht.
Im Nachdenken über die verschiedenen Formen, in denen uns das „Vater unser“ überliefert wurde, habe ich den genauen Wortlaut, den Jesus gesprochen hat, nicht wirklich gefunden. Ob es nun heißt: „Führe uns nicht in Versuchung“ oder „Führe uns durch die Versuchung“ oder „Führe uns in der Versuchung“ das alles ist für mich nicht so wahnsinnig relevant. Vielmehr ist mir bewusst geworden: Dadurch, dass ich die Evangelien vergleichen kann, erschließen sich mir die Worte und die Botschaft Jesu in einer ganz anderen Art und Weise. Auf jeden Fall ist mir vieles deutlicher geworden, als wenn ich nur die reinen Worte aus dem Aramäischen hätte, die dann in der Übersetzung doch wieder vielerlei Miss- und Fehldeutungen mit sich bringen würden. Und so ende ich mit dem, was nur ein Jubelruf von Herzen zum Ausdruck bringen kann: „Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit – in Ewigkeit.“ Amen.

Bertram Bolz, Diakon