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Predigt 15. Sonntag im Jahreskreis – D. Bolz

L I: Am 7, 12-15 / Ev: Mk 6, 7-13

Schwestern und Brüder!
Stellen Sie sich einmal vor, am Ende des Gottesdienstes würde ich Ihnen heute nicht zurufen: „Gehet hin und bringet Frieden!“, sondern: „Lasst eure Taschen hier! Handys und Geldbörsen braucht ihr nicht. Geht zu zweit, heilt Kranke und vertreibt alles Böse. Brot und Wasser sollen euch genügen, wenn Ihr es ernst meint!“ Also – von wegen Gemeindefest, von wegen Primizfeier oder Gedanken an den Urlaub… Geht’s noch? So würde wahrscheinlich der ein oder die andere denken…
Und das ist ja durchaus nachvollziehbar: Schließlich hat man uns eingebläut, dass man mit 20 Jahren eine Berufsunfähigkeitsversicherung abschließen und mit 40 Jahren spätestens sein Haus gebaut oder die finanziellen Vorsorgepläne für das Alter getroffen haben sollte. Wer aber das verinnerlicht hat, der kann dem heutigen Evangelium doch nur Realitätsferne oder Naivität nachsagen. Nur frage ich mich: Schließt das eine das andere wirklich aus? Also für den Alltag und die Zukunft gerüstet sein und sich trotzdem von Jesus gesandt zu wissen? Sicherlich: Christliche Nachfolge sieht im Jahre 2018 anders aus als zur Zeit Jesu; aber geht es nur so, wie im Evangelium beschrieben? Vielleicht sollten wir deshalb einfach noch mal auf den Text schauen, den wir als Frohe Botschaft gehört haben.
Die Zeilen sagen eindeutig, dass es Jesus war, der die Jünger ausgesandt hat. Da steht: „In jener Zeit rief Jesus die Zwölf zu sich und sandte sie aus…“ – …“und die Zwölf machten sich auf den Weg.“ Vielleicht ist es ja die Kürze des Textes, die uns alles so einfach aussehen lässt. Dabei will Jesus ja durchaus beachtliches – in manchen Augen sogar unmögliches: Kranke sollen geheilt und Böses vertrieben, Menschen zur Umkehr und zu einem neuen Lebensstil bekehrt werden. Interessant ist dabei – wenn ich den Schlusssatz hernehme – dass es den Jüngern anscheinend tatsächlich gelungen ist, diese immense Aufgabe oder auch Herausforderung zu meistern.
Die Frage bleibt also: Was hat die Jünger so erfolgreich werden lassen? Was hatten sie damals, was wir heutzutage anscheinend nicht haben? „Erfolg“ ist ja nun wirklich kein Wort, das wir uns in diesen Tagen als Mitarbeiter der Kirche ans Revers heften könnten. Liegt es daran, dass die Jünger keine Kleidung zum Wechseln hatten und nur Sandalen an den Füßen? Waren es das fehlende Geld und der Proviant? Fragen die berechtigt sind, weil sie vielleicht Aufschluss darüber geben können, was heute wichtig und hilfreich sein kann. Deshalb möchte ich uns alle mit einem geistlichen Dreipunkteplan ausstatten, der unseren eigenen Glaubensweg inspirieren soll.
Der erste Punkt heißt dabei: Er sandte sie zu zweit aus. Also – nicht allein sollen sie unterwegs sein, sondern zu zweit. Gemeinschaft, Stärkung, Ergänzung, in Krisen sich gegenseitig aufmuntern – das ist enorm wichtig auf diesem gemeinsamen Weg. Jesus will nicht, dass jeder sich allein durchschlägt oder nur mit sich und seinen Problemen beschäftigt ist. Und was tun wir? Manchmal hab‘ ich den Eindruck, wir sind viel zu sehr als Einzelkämpfer unterwegs. Dabei zeigt doch die Erfahrung, dass es leichter geht, wenn Menschen sich auf der Suche nach Antworten für ihr Leben zusammentun, wenn sie sich ergänzen und gegenseitig bereichern. Natürlich hat das was mit meinem ganz persönlichen Leben und seinen Erfahrungen zu tun. Aber wo Christen in einer Gruppe oder Gemeinschaft mit ihren Lebensschicksalen herausrücken und wie sie vor allem damit umgehen, das kann spannend und überzeugend auch für andere sein. Da wird Christsein nämlich als authentisch wahrgenommen; auch und gerade von Menschen, die ansonsten der Religion und dem Glauben kritisch gegenüberstehen. Fragen dergestalt: Wie hast Du das gepackt – mit dem Tod des Partners, dem Scheitern der Ehe, der Auseinandersetzung mit den Kindern und Enkeln? Das kann anderen eine wichtige und wertvolle Hilfe sein. So in unseren Beziehungen, Gruppen und Kreisen, auch in Glaubensangelegenheiten die Gemeinschaft zu suchen, das müsste doch auch heutzutage möglich sein.
Der zweite Punkt lautet: Kein Brot, kein Geld, kein zweites Hemd – oder mit anderen Worten: Jesus fordert von seinen Jüngern Armut und Bescheidenheit, weil darin eine besondere Form von Glaubwürdigkeit liegt. Er will damit deutlich machen: Seht, wir vertrauen einem Gott, der für uns sorgt – durch andere, die uns Nahrung und Unterkunft geben. Deshalb brauchen wir auch nichts mitzunehmen. Und heute? Da wird der Kirche oft nachgesagt, dass sie mit zwei Zungen spricht: Sie predigt einerseits Armut und verfügt andererseits über immenses Kapital und Besitz. Das ist so – da gibt es nichts zu deuteln; nur – das werden wir heute nicht lösen. Deshalb sollten wir lieber der Frage nachgehen: Was können wir an Materiellem oder Nichtmateriellem zu Hause lassen, auf was konkret verzichten?
Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden, das ist heute wichtiger denn je. Und wenn wir da mal genau hinschauen werden wir feststellen, dass wir durchaus mit leichterem Gepäck unterwegs sein können. Sicherlich sind Vorsorge und Absicherung wichtig. Aber genauso wichtig ist zu erkennen, dass es eine absolute Garantie für ein geglücktes Leben niemals geben kann. Sich gegen alle Eventualitäten abzusichern ist schlicht und ergreifend nicht möglich. Im Gegenteil: Es ist trügerisch und macht leichtsinnig. Erst dann, wenn ich mir eingestehe, dass auch ich oft genug mit leeren Händen unterwegs und in vielen Fragen unsicher bin, erst dann kann Nähe und Vertrauen entstehen. Z.B. zu Menschen, denen es im Grunde ihrer Seele ähnlich geht – und: im Hören auf das Wort Gottes. Da kann ich dann durchlässig werden für Neues und Wertvolles, für Gefühle und Antworten, Gedankenimpulse, Gesten oder auch ein Gebet. Das aber wäre dann eine Stärkung, die mich und andere wieder heil und sicher werden lässt.
Der dritte Punkt lautet: Schüttelt den Staub ab und geht weiter, sagt Jesus. Wenn die Jünger abgelehnt werden, sollen sie sich den Staub von den Füßen schütteln und ohne großes Aufsehen, ohne Jammern und Klagen den Ort verlassen und weiterziehen. Also nicht Zwangsmissionierung nach dem Motto: „Und willst du nicht mein Bruder sein, dann schlag ich dir den Schädel ein“, sondern vielmehr erkennen, dass man Glaube nie erzwingen, sondern nur gewinnend vorleben kann. Dann, wenn die Menschen hören möchten, wenn sie Fragen haben, dann kann ich versuchen darauf zu antworten – aber ich kann keinen Glauben mit Druck erzeugen. Wenn Menschen heute für die Sache Gottes nicht aufgeschlossen sind, dann sind sie es möglicherweise irgendwann später. Gott bahnt sich seinen Weg – auch heute. Aber er tut es vielleicht nicht so, wie wir es mit unseren Pastoralplänen oft meinen. Ich bin sicher: Gott bricht in jedes Leben ein – und genau in dem Moment, wo das geschieht, sind wir gefordert. Dann müssen wir da sein und solche Signale aussenden, die die Menschen verstehen. Also: Nicht mit Gewalt missionieren, sondern den eigenen Glauben und das, was wir davon verstanden haben, so leben, dass es für andere attraktiv ist.
Die Jünger Jesu waren erfolgreich. Gottes Reich bekam durch sie Hand und Fuß. Wagen auch wir an den Erfolg unserer Sendung zu glauben? Heute, mitten im Jahr 2018, wenn wir am Ende mit Handys, Geldbörsen und Taschen hinausgehen? Ich halte das gar nicht für so abwegig. Amen.

Bertram Bolz, Diakon