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Predigt 15. Sonntag im Jahreskreis – D. Bolz

Lesung: Jes 55,10-11 / Evangelium: Mt 13, 1-9

Schwestern und Brüder!
Haben Sie den Schlusssatz des Evangeliums noch im Ohr? „Wer Ohren hat, der höre!“ Ich könnte jetzt aber auch sagen: Wer Augen hat, schaue genau hin oder wer einen Verstand hat, der setze ihn ein! Gerade letzteres hätte man dem Sämann durchaus ins Ohr flüstern können. Denn um zu wissen, dass seine Vorgehensweise nicht von Erfolg gekrönt ist, muss ich weder Agrarwirtschaft studiert, noch von „Ackerbau und Viehzucht“ große Ahnung haben. Jede und jeder von uns weiß einfach intuitiv: Das was der gute Mann da macht, das kann nicht gut gehen. Das ist pure Verschwendung und mit ein klein wenig mehr Sorgfalt und Augenmaß, wäre wesentlich mehr zu erreichen.
Ein Sämann, so wie er hier beschrieben wird, darf sich in unseren Augen also nicht wundern, wenn die Ernte – gemessen an seinem Einsatz – bescheidener ausfällt als erwartet und sie vermutlich hätte sein können, wenn er besser gewirtschaftet hätte. Unser Urteil ist schnell gefällt und dass der Sämann dabei nicht gut wegkommt, steht außer Frage. Nur frage ich mich: Woher kommt ein solches Denken bei uns?
Zunächst einmal glaube ich, dass wir uns in unserem Alltag generell ganz stark an wirtschaftlichen Gesichtspunkten orientieren. Für fast alle Lebensbereiche gilt doch allmählich die Zielvorgabe, dass Aufwand und Ergebnis in einem vernünftigen Verhältnis zueinander stehen müssen und Kraft, Zeit und Mittel nicht für aussichtslose Unternehmungen aufgewendet werden. Also werden heutzutage bereits im Vorfeld möglichst alle Risiken sorgfältig abgewogen, alle „Wenn und Aber“ bedacht. Erst dann, wenn der Erfolg mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit feststeht, erst dann werden die entsprechenden Aktivitäten entfaltet. Solche „Kosten-Nutzen-Rechnungen“ werden aber nicht nur im Geschäftsleben angewandt, sondern immer mehr auch im Blick auf Menschen, die einen hohen Einsatz an menschlichem Engagement und finanziellen Mitteln brauchen – Behinderte, Kranke und Alte. Nicht mehr nur hinter vorgehaltener Hand – siehe die unseligen Anmerkungen des Tübinger OB vor wenigen Wochen bezüglich der Abschottung der Senioren in Heimen im Zuge der Corona-Krise – sondern immer lauter wird hier die Frage gestellt: „Lohnt sich der enorme Aufwand noch?“ Und damit sie ein klein wenig humaner klingen, umschreibt man solche Gedanken mit Fragen wie: „Ab wann ist menschliches Leben noch lebenswert und ab wann nicht?“ Die Betroffenen aber laufen in unserer Gesellschaft immer mehr Gefahr, zwischen den Mühlsteinen eines solch wirtschaftlichen Denkens und Handelns zerrieben zu werden. Sie laufen Gefahr, um im Bild des Gleichnisses zu bleiben, zu unfruchtbarem Boden erklärt zu werden, an den jedes Samenkorn der Zuwendung vergeudet wäre.
Je angespannter nun eine wirtschaftliche Lage sich zeigt, umso bestimmender wird genau diese Art des Denkens. Und seien wir doch ehrlich: Selbst wir hier und unsere Kirche ist von solchen Denkmustern nicht gänz-lich frei. Wobei das nicht nur für die sozialen Einrichtungen gilt, auf die wegen der hohen Kirchenaustrittszahlen und dem enormen Kirchensteuerrückgang im Zuge der Corona-Krise schon mit Argusaugen geschaut wird. Nein eine solche „Kosten-Nutzen-Rechnung“ machen wir selbst im Kontext von Glauben und Glaubensvermittlung auf. Wie oft wird da – sowohl seitens der Diözesanleitung als auch in den Gremien unserer Gemeinden gefragt: Lohnt sich das denn? Lohnt sich der ganze Aufwand z.B. in der Sakramentenvorbereitung von Erstkommunion und Firmung? Da wird ein schönes Fest gefeiert und das war‘s. Wenn man Glück hat, bekommt man sich bei einer kirchlichen Trauung wieder zu Gesicht! Felsiger Boden mit einer ganz dünnen Bodenschicht für das Wort Gottes? Oder lohnt sich der hohe finanzielle und personelle Einsatz in Kindergärten und Schulen, wenn davon in den Gemeinden nichts spürbar wird? Zwischen 500 und 1000 Stunden Religionsunterricht hat jede und jeder von uns – je nach Schulart – erfahren. Wort Gottes auf dem Weg – von Vögeln, die das Weite suchen gefressen? Oder andere, die nach dem Konzil voll Freude nach positiven Veränderungen in dieser Kirche groß geworden sind und heute im hohen Alter oft frustriert der Kirche den Rücken kehren, sagen sich: Es lohnt sich nicht mehr für Veränderungen in dieser Kirche einzutreten, da tut sich doch nichts. Wort Gottes von den Dornen der Realität erstickt?
Lohnt es sich? Wo ist der gute Boden, der Frucht bringt? Ich denke, dass die Jünger damals diese Frage genauso umgetrieben hat, wie uns heute. Und Jesus? Er erweist sich einmal mehr ausgesprochen realistisch. Er ist nicht der „Optimist vom Dienst“, der nach dem Moto beruhigt: „So schlimm ist das doch alles gar nicht!“ Nein, er macht deutlich: Ja, es gibt Saatgut, das verloren geht; das nicht aufgeht, sondern erstickt wird. Er sagt Ihnen und mir mit diesem Gleichnis: „Ja, es gibt Menschen, bei denen ihr auf Granit beißt, die nicht bereit sind auf euch und eure Botschaft zu hören, geschweige denn sie anzunehmen.“ Er rechnet mit Frustration und Erfolglosigkeit. Aber: Er stellt in derselben Eindringlichkeit fest, dass es auch guten Boden gibt, der reiche Frucht bringt. Es gibt Menschen, die empfänglich sind für das, was wir ihnen von der Geschichte Gottes mit uns Menschen erzählen, und die sich dieses Wort zu Herzen nehmen und ihr Leben danach ausrichten.
Was mich an diesem Gleichnis so fasziniert, das ist die beinahe unglaubliche Gelassenheit, die von Jesus ausgeht und die so ganz im Gegensatz zu der Verbissenheit steht, mit der wir meinen, an viele Dinge herangehen zu müssen – sowohl im Denken als auch im Handeln. Jesus spricht mit diesem Gleichnis dem langen Atem, der Geduld das Wort – frei nach dem Motto: Ein Versuch ist es doch allemal wert! Und – dieses Gleichnis führt mir bild-haft vor Augen, dass Gott seine Liebe im Übermaß austeilt – ohne zu schauen, ob sie auf Gegenliebe stößt. Nein, Gott ist kein Buchhalter in dem Sinne, dass er nur dort sein Wort austeilt und seine Liebe schenkt, wo er sicher gehen kann, dass es gehört bzw. dass sie aufgenommen und gelebt wird. Nein, er verteilt frei und ohne Hintergedanken.
Wenn ich das Gleichnis so lese, dann entlastet mich das als Seelsorger ungemein. Denn ich weiß: im Leben ist nicht alles planbar, machbar und verfügbar. Nicht alles, was wir als Gemeinde oder ich als Seelsorger machen, nicht jedes Samenkorn, das wir säen, nicht jedes Engagement, das wir an den Tag legen, muss auch zum sichtbaren und messbaren Erfolg führen. Und es stimmt doch: Als Eltern liegt es nicht in unserer Hand, ob unsere Kinder all unsere guten Ratschläge und Wertvorstellungen über-nehmen. Wir können nichts anderes tun, als in Geduld abwarten, denn wir sind Säleute und keine Wachstumsbeschleuniger. Es liegt auch nicht in der Hand von Lehrern, Professoren und Pädagogen, ob Schüler und Studenten zu Persönlichkeiten heranreifen. Sie müssen in Geduld abwarten, denn sie sind Säleute und keine Bildungsingenieure. Und so gesehen liegt es auch nicht in der Hand von uns Glaubenden, ob unsere gut gemeinten Worte und Angebote andere begeistern oder zu uns führen. Wir sind keine Produzenten von Gläubigen, sondern allenfalls Seelen- und Wegbegleiter.
So wünsche ich uns allen den realistischen und liebevollen Blick Jesu für die Möglichkeiten, aber auch die Grenzen unseres Tun und Handelns. Üben wir uns ein in seine Geduld und bitten wir ihn, dass wir so fähig werden uns nicht damit aufzuhalten, Steine zu zählen oder nach anderen Ackerböden Ausschau zu halten, sondern das Samenkorn unseres Glaubens und die Liebe Gottes weiterhin auf Verdacht und Hoffnung hin auszustreuen. Amen.

Bertram Bolz, Diakon