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Predigt 15. Sonntag im Jahreskreis – D. Bolz

Predigt zum 15. Sonntag im Jahreskreis 2019
L I: Dtn 30, 10-14 / Ev: Lk 10, 25-37

Schwestern und Brüder!
„Die Partitur ist hervorragend, aber das Orchester spielt falsch!“, so sagte mal Jaques Gaillot, der frühere Bischof von Evreux, als er die Situation unserer Kirche beschrieb: Dabei haben wir eine begeisternde Partitur – nämlich das Evangelium. Doch diejenigen, die es den Menschen vorspielen wollen, finden oft nicht den richtigen Ton – weder als Einzelne noch als Orchester. So kommen die Texte nicht zum Klingen, die Botschaft bei den Menschen nicht an.
Nun haben wir heute die altbekannte Geschichte vom barmherzigen Samariter gehört. Wenn das Orchesterspiel gelingen soll, dann – so meine ich – sollte sie uns etwas Neues mit auf den Weg geben, nicht nur den Aspekt der „Nächstenliebe“. Und tatsächlich: In diesen Zeilen ist weit mehr enthalten; hier findet sich ein ganzes Programm für meine eigene christliche Lebenspraxis und Grundsätze für ein kirchliches Handeln insgesamt. Keine Sorge, ich will den Ruf zur Nächstenliebe jetzt nicht komplett ausblenden; aber ich will diese anderen Gedanken mal bewusst zulassen und ausweiten, weil sie uns das Gleichnis nochmals anders vor Augen führen und neue Sichtweisen aufzeigen. Anhand von drei Leitsätzen will ich diese Überlegungen etwas näher beleuchten:
Der erste Leitsatz meint: Nicht fertige Antworten sind in meinem Leben gefragt, sondern weiterführende Fragen. Jesus antwortet auf die Frage des Gesetzeslehrers: „Was muss ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen?“ nicht sofort. Er fragt vielmehr zurück und lässt ihn erklären, woran er sich bislang in seinem Leben orientiert hat. Erst nach dessen zweiter Frage: „Und wer ist mein Nächster?“ erzählt Jesus dann dieses Gleichnis und will wissen, ob sein Gegenüber am Ende für sich daraus eine neue Erkenntnis gewonnen hat. Jesus gibt also keine Antworten vor, er bürdet niemandem etwas auf, sondern hilft vielmehr dem Fragesteller, seine eigenen und ganz persönlichen Antworten zu finden.
Genau so verstehe ich aber auch Christsein: Ich darf meinen eigenen Glaubensweg gehen. Jesus führt auch mich durch die Gleichnisse zu einer ganz persönlichen Antwort auf die Frage: Wie gewinne ich ewiges Leben? Oder anders gesagt: Wie bekommt mein Leben Sinn, Tiefe und Gewicht? Wie kann es gelingen und vor Gott bestehen? Auch die Kirche sollte und muss in dieser Weise an Jesus Maß nehmen. Sie weiß nicht schon alles im Voraus; sie wiederholt nicht nur Antworten, die früher einmal richtig waren. Nein, sie muss sich durch das Evangelium immer wieder neu anfragen und herausfordern lassen. Nur so regt sie uns alle zur Suche nach der Wahrheit an und ermutigt zu einem Leben im Sinne Jesu. Also: Nicht fertige Antworten sind gefragt, sondern weiterführende Fragen, damit mein Christsein intensiver und die Kirche als Volk Gottes glaubwürdiger wird.
Ein zweiter Leitsatz könnte heißen: Nicht starre Gesetze, sondern situationsgerechte Entscheidungen. Was ich damit meine? Jesus sieht im Liebesgebot den Schlüssel zu allen anderen Geboten und Verboten des jüdischen Gesetzes. All diese 613 Vorschriften haben nur dann einen Sinn, wenn sie der Liebe in all ihren Dimensionen zum Durchbruch verhelfen. Sprich: Wenn sie Leben fördern und nicht einschränken; wenn sie die Freiheit des Einzelnen schützen und nicht behindern. Jesus will mit diesem Gleichnis dem Gesetzeslehrer deutlich machen: Wer der Nächste ist, das lässt sich nicht einfach gesetzlich regeln. Alle, die in Not sind und mich brauchen, werden mir zur oder zum Nächsten. Die ersten Fragen dürfen also nicht heißen: Was verlangt das Gesetz von mir? Was darf ich und was darf ich nicht? Nein, die erste Frage muss unbedingt lauten: Was ist hier und jetzt not-wendig, was ist hier und jetzt not-wendend?
Christsein meint also: Ich muss diese Welt nicht durch die Brille von Vorschriften und Verboten anschauen, sondern ich darf mich jederzeit fragen: Was entspricht jetzt dem Gebot der Liebe? Was kann ich dazu beitragen, dass Leben sich entfaltet, Menschen Hilfe erfahren und befreit aufatmen können? Der heilige Augustinus hat das großartige Wort geprägt: „Liebe und tue was du willst!“ Das allein muss uns schon vor jeder ängstlichen Art von Fixierung auf enge Gebote und Denkmuster warnen und bewahren. Deshalb stelle ich mir auch ganz bewusst eine Kirche vor, die an Jesus Maß nimmt. Eine Kirche, die eben das dynamische Leben und eine sich ständig verändernde Wirklichkeit nicht in ewig gültige Normen presst – quasi ein für alle Mal – sondern die mir und Ihnen zutraut, sich in den verschiedenen Herausforderungen des ganz persönlichen Lebens für das zu entscheiden, was im Sinne Jesu gut und richtig ist. Also: Nicht starre Gesetze, sondern situationsgerechte Entscheidungen wünsche ich mir, damit der Geist der denkerischen und praktischen Freiheit in der Kirche weht und damit mutige und vorausdenkende Christen in ihr einen Platz finden.
Und der dritte Leitsatz, den ich in diesem Gleichnis entdecke: Nicht fromme Sprüche, sondern menschliche Gesten! Ist Ihnen das auch aufgefallen? Jesus nimmt hier das Wort „Gott“ nicht ein einziges Mal in den Mund. Trotz-dem ist dessen Nähe und Anwesenheit in den Zeilen des Gleichnisses je-derzeit spürbar. Zum Beispiel in der Art, wie Jesus dem Gesetzeslehrer eine neue Perspektive eröffnet; im Mitleid und der konkreten Hilfe des Samariters für den Überfallenen. Zweimal will Jesus den Gesetzeslehrer zur Tat bewegen: „Handle nach dem Liebesgebot; handle wie der Samariter“. Ergo: Nicht durch fromme Worte oder Sprüche, sondern durch menschliche Gesten wird Gott hörbar, spürbar, erfahrbar und erlebbar.
Genauso soll sich Christsein zeigen: Ich muss nicht ständig von Gott reden. Nein, in der Art, wie ich lebe, wie ich zuhöre oder auch auf andere zugehe, kann er zum Vorschein kommen. Wie wünschte sich der Schweizer Pfarrer Kurt Marti einmal das Christsein? „Dass Gott ein Tätigkeitswort wird!“ Frei nach dem Motto: „Rede von Christus nur, wenn du gefragt wirst. Aber lebe so, dass man dich fragt.“ Und das gilt natürlich auch für die Kirche. Sie soll nicht allzu vollmundig und allzu allwissend von Gott reden, sondern ihn in unseren Gemeinden und Gemeinschaften durch eine offene und gastfreundliche Atmosphäre erfahrbar werden lassen. Sie soll Sorge dafür tragen, dass in den hoch ehrwürdigen Mauern unserer Kirchen und in den Zellen unserer Gemeinden die Menschenfreundlichkeit Gottes erahnt und erspürt werden kann. Wenn uns einer fragt, wie unser Gott ist, dann müssten wir eigentlich nur antworten: Sieh unsere Gottesdienste und unser Leben, wie wir uns um Menschen mühen, wie wir mit Konflikten umgehen, mit eigener und fremder Schuld, …wie wir Frieden zu stiften versuchen … dann weißt du, wer und wie unser Gott ist…. Also: Nicht fromme Sprüche, nicht frommes Gehabe, sondern menschliche Gesten helfen den Menschen und mir, etwas von der Liebe Gottes im hier und heute zu spüren.
So bin ich jetzt am Ende meiner – zugegebenermaßen – etwas anderen Ge-danken zu diesem Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Aber nichtsdestotrotz ist mir bei all dem bewusst geworden: Dieses Gleichnis ist nicht nur eine Geschichte im Mund Jesu, ein Appell zu mehr Menschlichkeit gegen-über unseren Nächsten – nein, dieses Gleichnis kann zum Programm für mein persönliches Christsein, es kann zum Programm für unsere Kirche werden. Wie? Durch uns – durch Sie und durch mich! Oder anders gesagt: Lassen Sie uns die Partitur richtig spielen – in unserem Leben und dem Leben unserer Gemeinden, auf dass die Melodie Gottes bei den Menschen ankommt. Amen.

Bertram Bolz, Diakon