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Predigt 14. Sonntag im Jahreskreis – D. Bolz

Lesung: Ez 1, 28c–2,5 / Evangelium: Mk 6, 1b-6

Schwestern und Brüder!
Was halten Sie für wichtiger: Was jemand sagt oder wer etwas sagt? Ich persönlich kann mir vorstellen, dass Sie – selbst wenn Sie jetzt auf die Schnelle keine konkrete Situation vor Augen haben – antworten: Was für eine Frage! Natürlich kommt es auf den Inhalt an – worauf denn sonst? Stimmt das aber tatsächlich?
Denn dann frage ich mich weiter: Wenn das so klar ist, warum erfahren wir dann in unserem Alltag recht häufig das Gegenteil? Da spielt nämlich die Person, die etwas sagt, oft eine weitaus größere Rolle als das, was sie von sich gibt. Das kann z.B. der Ehepartner sein, der bei bestimmten Dingen – ich sage das mal mit einem Lächeln – vor allem immer eines ist: nämlich anderer Meinung. Oder das kann der Lehrer sein, der die Wortmeldung eines Schülers nicht ernst nimmt, weil von dem bislang noch nie etwas Gescheites kam. Oder nehmen wir Gremien – auch in unserer Kirche und in unseren Gemeinden: Wie oft passiert es da, dass ein Mitglied sich lautstark gegen etwas wendet, nur weil ein bestimmtes anderes Mitglied sich genau dafür stark macht und einsetzt. Und das beste Beispiel sind immer noch die politischen Koalitionen, wie uns die letzten Tage wieder deutlich gezeigt haben. Anscheinend ist es also für uns doch nicht so ohne weiteres möglich, Botschaft und Botschafter voneinander zu trennen. Da entscheiden mitunter auch Antipathie und Sympathie. Und wenn einen das Gesagte dann auch noch persönlich betrifft oder berührt, dann wird die Differenzierung zwischen Botschaft und Überbringer noch schwieriger. „Ich kenne Dich doch, du brauchst mir gar nichts zu erzählen!“ Wenn eine Mauer von Vor-Urteilen und Vor-Verurteilungen da ist, helfen Argumente so gut wie nichts.
Nun geht es im heutigen Evangelium um genau dieses Thema. Da kommt Jesus – wir erinnern uns an die letzten beiden Sontage – von der Heilung der blutflüssigen Frau und der Auferweckung der Tochter des Jairus nach Hause. In Nazareth hat sich schnell herum gesprochen, was „ihr“ Jesus schon alles getan hat und so sind sie in seinem Heimatdorf, welches damals vielleicht 300 – 400 Einwohner hatte, auch recht angetan von ihm. Sie hören ihm zu, geraten ins Staunen und wundern sich über seine Fähigkeiten. Man könnte also stolz auf ihn sein, den „berühmten Sohn des Ortes“.
Doch gleichzeitig schiebt sich dann vor so manches Hirn ein Brett aus Vor-Urteilen und Vor-Behalten. „Ist das nicht der Handwerkersohn, den wir von Kindheit an kennen? Dessen Familienverhältnisse kennen wir doch aus dem Eff-Eff! Die ganze Sippschaft!“ Und schon kann man zwischen den Zeilen hören: „Und der soll was besonderes sein?“ Wie kann diese anfängliche Bewunderung auf einmal so in Ablehnung umschlagen? Ist das vielleicht derselbe Neid, der Lehrerkollegen zum Spotten bringt, wenn einer aus ihrer Mitte einen Karrieresprung ins Rektorat oder das Schulamt macht? Ist es die Missgunst, die selbst bei Geistlichen festzustellen ist, wenn hinter vorgehaltener Hand über andere getuschelt wird, die erfolgreich was Neues ausprobiert haben? Oder ist es das Nicht-Wahrhaben-Wollen, dass Vorschläge für eine Gruppe oder Gemeinde gut sein können, auch und gerade wenn sie von der Person gemacht werden, der man mit so viel Ablehnung entgegentritt? Der Filter unserer Vor-Urteile oder auch der Vor-Eingenommenheiten lässt uns oft etwas wahrnehmen, was sich objektiv betrachtet ganz anders darstellt.

Wer von uns auch nur ein klein wenig selbstkritisch ist, der muss doch zugeben, dass wir alle dazu neigen, unsere Meinung für das „non plus ultra“, die einzig wahre zu halten. Klar, dass man die durchsetzen muss. Und wenn andere das nicht wahrhaben wollen, dann muss man es ihnen eben mit aller Macht deutlich machen, dass man doch recht hat. Das erlebt z.B. die 60-jährige Tochter, wenn die achtzigjährige Mutter ihr immer noch sagen will, wie man einen Haushalt zu führen hat; das zeigt der Amtsnachfolger darin, dass er alles ändern muss, weil sein Vorgänger ja eh nichts richtig gemacht hat; das zeigt der Lehrling dem Meister, weil er doch eine höhere Schulbildung hat und auch Eltern stehen dem in nichts nach, wenn sie Kinder nicht als etwas eigenständiges sehen, die sich selbständig entwickeln und eben nicht nur ein – ich sag es mal salopp – „Wurmfortsatz“ des Elternhauses sein sollen.
Besonders verhängnisvoll wird diese Sache für mich dann, wenn diese Verhaltensweisen uns den Zugang zu Gott verbauen. Ja, wenn wir durch unsere Sicht der Dinge Gott selbst vorschreiben wollen, was er zu tun und zu lassen hat. Genau so aber verhindern wir, dass Gott durch Jesus bei uns „ankommen“ kann. Das heutige Evangelium zeigt überdeutlich: Die Ablehnung der Nazarener beschränkt sich aber nicht allein auf die Person Jesu, sondern auch auf das, was er über Gott zu sagen weiß. Beispielsweise, dass der eben nicht auf Leistungen oder Riten schaut, sondern jede und jeden ohne Vorbedingungen liebt; dass Gott unser Leid nicht verhindert, sondern uns im Leiden begegnet; dass Gott nicht auf Rang und Reichtum schaut, sondern einzig und allein auf ein liebendes Herz; dass Gott kein Marionettenspieler ist, sondern uns Menschen in Freiheit leben lässt; Und dass er schon gar kein Paragraphenhengst ist, der wie ein Polizist unser Leben überwacht, sondern dass er uns Gebote nur als Krücken, als Wegweiser gegeben hat, um uns Menschen zum Glück und zur Liebe zu führen. Um all das aber, was Jesus so von Gott sagt auch wirklich glauben zu können, muss ich ihm vertrauen, muss ich offen werden für all die Überraschungen, die Gott in meinem Leben für mich bereithält. Die Nazarener konnten diese Sichtweise nicht glauben und haben aus diesem Grunde Jesus auch nichts zugetraut. So aber konnte er auch nichts für sie tun und zog konsequent weiter.
Um nicht Gefahr laufen zu müssen, dass Gott auch „an mir vorbeizieht“, muss ich also meine Voreingenommenheiten überwinden, so wie Natanael. Der hat zuerst auch gesagt:“ Was kann denn aus Nazareth Gutes kommen?“ Doch er war auf diese Sichtweise nicht festgelegt, sondern hat die Einladung Jesu so verstanden, ihm Vertrauen zu schenken. Und so hat er die befreiende und frohmachende Wahrheit Gottes entdeckt.
Vielleicht kann uns folgendes Gleichnis, das Ganze am Schluss noch einmal verdeutlichen:
Eine Gruppe von Blinden stößt auf einen Elefanten. Sofort betastet jeder das große Tier, um herauszufinden, was ein Elefant eigentlich ist. Der eine, der das Vorderbein betastet ruft: „Ein Elefant ist eine große riesige Säule“. „Unsinn“, ruft ein anderer, „er ist ein dicker beweglicher Schlauch“ und streicht über den Rüssel. „Der Elefant ist eine harte, gebogene Stange“, schreit der Dritte, der den Stoßzahn erwischt hat. Als zwei weitere die Ohren des Elefanten für Palmblätter halten und den Schwanz für einen grandiosen Pinsel, kommt eine wüste Schlägerei in Gang. Jeder Blinde ist überzeugt die ganze Wahrheit über den Elefanten herausgefunden zu haben – und dabei hat jeder doch nur ein kleines Stück der ganzen Wahrheit erfasst.

Vielleicht denken wir in Zukunft ab und zu an diesen Elefanten, wenn wir mal wieder in Gesprächen – sei es in der Familie, am Arbeitsplatz oder auch in den Gremien unserer Gemeinde – meinen, die ganze Wahrheit allein gepachtet zu haben bzw. wenn wir mal wieder geneigt sind einem anderen sagen zu wollen: „Dich kenne ich doch – Du brauchst mir gar nichts zu sagen!“