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Fronleichnam – Predigt D. Bolz

Predigt zum Hochfest von Fronleichnam
L II: 1 Kor 11, 23-26 / Ev.: Lk 9, 11b-17

Schwestern und Brüder!
Stellen Sie sich mal vor: Jesus würde in Calw oder Bad Liebenzell vor dem Rathaus stehen und allen, die vorübergehen, vom Reich Gottes erzählen. Ich glaube Sie stimmen mir zu wenn ich behaupte, dass viele – ja, wohl die meisten – nur kurz stehen bleiben würden, um dann kopfschüttelnd ganz schnell weiter zu gehen. Dabei will er doch nur alle heilen, die seine Hilfe brauchen; aber braucht ihn wirklich jemand?
Erinnern Sie sich an die Anfangszeilen des eben gehörten Evangeliums? Da hieß es: „In jener Zeit redete Jesus zum Volk vom Reich Gottes und machte gesund, die der Hilfe bedurften.“ Wie das wohl heute wäre mit denen, die ihn um Hilfe bitten würden? Wie viele sich da wohl in die Schlange derer einreihen würden, die von ihm geheilt werden wollen? Wie sagte mir mal jemand: Wegen meiner Zahnschmerzen brauch ich Jesus nicht, da hilft mir mein Zahnarzt. Und gegen Kopfschmerzen gibt es eine Vielzahl von Medikamenten in der Apotheke. Wozu also sollte ich mich bei Jesus anstellen?
Nun darf man natürlich nicht verkennen, dass es auch heute noch eine große Zahl von Krankheiten gibt, die kein Arzt wirklich heilen kann. So gesehen gäbe es schon noch Menschen, die dankbar wären, wenn Jesus hier als Wunderheiler auftreten würde. Aber wenn man einigermaßen gesund ist, wenn man keine materielle oder seelische Not kennt, ja wozu sollte ich Jesus da brauchen? Viele kommen – auch in unserem eigenen familiären Umfeld – doch ganz gut ohne ihn zu Recht. Ja – geben wir es ruhig zu – für viele ist Jesus und der Glaube an ihn einfach etwas was man entbehren kann. Er ist überflüssig!
So sieht es also ganz danach aus, als behielten wieder einmal diejenigen recht, die schon immer der Meinung waren: nur wirkliche Not lehrt beten. Was sollten wir denn auch von Gott, von Jesus wollen, wenn es uns gut geht? Was sollte er uns geben, was wir nicht von uns aus bewerkstelligen könnten? Und so gibt es heute nicht wenige, die diese Notzeiten beschwören, damit Menschen sich wieder stärker dem Glauben und der Religion zuwenden, und damit auch unserer Kirche.
Doch Hand aufs Herz: Sollen wir wirklich darauf hoffen, dass es Menschen wieder schlechter geht? Sollen wir darauf hoffen, dass Völker sich wieder entfremden und neue Mauern errichten? Dass noch mehr Kriegsschauplätze entstehen als die, die die Welt eh schon zu bewältigen hat? Brauchen wir wirklich hausgemachte Katastrophen, damit Menschen wieder einen Weg zu Gott finden? Ich finde solche Gedanken zutiefst verstörend und schlussendlich kann auf sie auch nur kommen, wer Gott mit einem Nothelfer verwechselt – also einem Gott, der uns Menschen nur dann erreicht und bei uns ein offenes Ohr findet, wenn wir ihn wegen einer prekären Notlage dringend brauchen. Nur: Der Gott, den Jesus Christus und die Bibel uns verkünden, das ist kein Gott für die Not, sondern ein Gott für das Leben und zwar in all seinen Bereichen und Möglichkeiten. Sicherlich auch ein Gott für die Zeit von Krankheit und Leid, aber nicht weniger für die Zeiten von Freude und Glück, Gesundheit und Zufriedenheit, Frieden und Wohlergehen. Unser Gott möchte kein Notnagel sein, den man eben dann einschlägt, wenn nichts anderes zur Hand ist. Nein, dieser Gott hat sich als der gezeigt, der mit mir geht; der mein Begleiter sein möchte; der den Weg mit mir zusammen gehen möchte, durch Täler und Schluchten genauso wie über Höhen und Gipfel. Sein Evangelium meint dabei nicht, dass es für mich in meinem Leben nur „not-freie“ Zeiten geben würde; dass mir alles glückt und alles locker von der Hand geht. Aber ich weiß andererseits: In allem was ich tue, da ist er bei mir. Ich brauch mich nie allein zu fühlen, er ist da – bei mir und für mich. Mit ihm brauche ich keine Angst vor der Zukunft zu haben – denn er ist meine Zukunft. Ich muss mich nur an ihn halten, dann habe ich den Halt in meinem Leben.
Natürlich sehen das heute viele anders. Und mir ist bewusst, dass diese Botschaft heute längst nicht mehr alle erreicht und begeistert. Viele scheinen einfach die Befreiung, die Gott für mich bedeutet, weder für sich selbst zu erleben – noch sie also solche zu sehen. Ich weiß nicht, an was dass das liegt. Aber ich weiß eben auch, dass wir es vielen Menschen in der Vergangenheit in unserer Kirche und als Kirche auch nicht einfach gemacht haben. Wie oft haben wir Menschen alles andere als geschwisterlich behandelt, sondern sie vielmehr bevormundet und gegängelt, sie durch angebliches Recht aus der Gemeinschaft unserer Kirche ausgeschlossen. Und dann wir selbst? Bringen wir die Botschaft von der Güte und der Menschenfreundlichkeit Gottes wirklich noch überzeugend unter die Leute? Wir reden vom Reich Gottes, aber tun es in einer Sprache und in Formulierungen, die nur noch die wenigsten verstehen. Vor kurzem sagte las ich von einem die Äußerung: Führt doch wieder Latein als Sprache in die Kirche ein. Ich versteh schon jetzt nicht mehr viel, dann kann ich es nachher wenigstens auf die Fremdsprache schieben. Ja kann man es da den Menschen verdenken, dass sie alles andere als begeistert von uns sind?
Und wie überzeugend ist der Pfarrer, der heute bereits nur nach Terminkalender lebt und Seelsorge im 6er- oder 10er-Pack oder gar Pfarreienverbund betreiben muss? Wie überzeugend ist denn die Gemeindereferentin oder der Diakon, die bei allen Einschränkungen der Bistumsleitungen nicht mehr wissen, wo eigentlich ihr Platz und ihr Charisma in der Gemeindeleitung sein kann und sein darf? Wie überzeugend ist das engagierte Gemeindemitglied, welches von einer Sitzung zur nächsten rennt und dann auch noch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für die nächste KGR-Wahl suchen soll? Spüren wir ein klein wenig, wie wir durch eine solche Verhaltensweise eigentlich alles tun, um die Vorurteile vieler Menschen zu zementieren und zu festigen?
Fronleichnam – wir betrachten nicht nur das Sakrament des Brotes in der schönen Monstranz – nein, wir selbst sollen zum Sakrament, zum sichtbaren Zeichen dafür werden, dass es Gottes oberstes Anliegen ist, unser Leben weit zu machen und uns die Fülle des Lebens zu schenken. All unsere Aktionen und Aktivitäten bleiben hohl und leer, wenn die Menschen nicht durch uns und unser Leben sichtbar erfahren und erleben können, dass man in der Gemeinde Jesu Christi angenommen ist ohne Wenn und Aber; dass man sich hier nicht verstellen muss, sondern ehrlich zu seinen Fehlern und Schwächen stehen kann, weil auch niemand von uns vor Schuld und Versagen gefeit ist. Machen wir unsere Gemeinden zu Orten, an denen man sich wohlfühlen kann und an denen Menschen spüren können, dass es ihrem Leben hilft, wenn wir gemeinschaftlich Christus nachfolgen. ER gibt sich selbst im Zeichen des Brotes; er gibt sein Leben für mich, für uns, für das Leben der Welt. Folgen wir ihm nach in unseren Gemeinden und Gemeinschaften und in einer Kirche, die genau diesem Leben dient. Denn eine Kirche die nicht Gott und den Menschen dient, die braucht wirklich niemand. Amen.

Bertram Bolz, Diakon