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Fest der Taufe des Herrn – Predigt D. Bolz

Predigt zum Fest der Taufe des Herrn 2019

Schwestern und Brüder!
Es ist schon einige Zeit her, dass ich diese Karikatur in einer theologischen Fachzeitschrift gesehen habe, aber sie ist mir nachhaltig in Erinnerung geblieben: Im Hintergrund waren ein Kirchenfenster und eine Säule zu sehen und im Vordergrund stand ein großes, bis an den Rand gefülltes Taufbecken. Links vom Taufbecken war das Elternpaar zu sehen – einmal der Vater, wie er voller Stolz sein Kind über das Wasser hält und die Mutter neben ihm stehend mit einem madonnenhaften Lächeln im Gesicht. Der Täufling selbst trug riesige Schwimmflossen an den Füßen, an den Ärmchen dicke Schwimmflügel, im Gesicht eine imposante Taucherbrille und in seinem Mund steckte ein überdimensionierter Schnorchel. Auf der anderen Seite des Taufbeckens war ein verdutzter Diakon zu sehen, der – so hieß es dann in der Bildunterschrift – nur den einen Satz herausbringt: „Ist das nicht ein wenig übertrieben?“
Wenn man die Karikatur sieht, muss man zunächst einfach nur schmunzeln. Eine pfiffige Idee des Künstlers, dachte ich bei mir. Aber je länger diese Zeichnung auf mich gewirkt hat, umso mehr ist mir der Gedanke gekommen: So falsch liegen die Eltern doch gar nicht mit der Taufausrüstung für ihren Sprössling. Denn all diese verschiedenen Utensilien, die können ihrem Täufling beim Schwimmen und Tauchen doch eine große Hilfe sein. Das glauben Sie nicht? Dann möchte ich Ihnen gerne auf die Sprünge helfen:
Was bitte schön ist denn „Getauft zu werden“ anderes, als ein Eintauchen? Die Taufe ist das Eintauchen in die Welt Jesu, in seine Geschichten und Gleichnisse, in denen er seine Vision von der neuen Welt Gottes erzählt; Geschichten und Gleichnisse, die uns zeigen sollen, wie ein wahres und erfülltes Leben aussehen kann. „Getauft werden“ ist auch ein Eintauchen in die Welt Jesu, was seine Begegnungen mit den Menschen anbetrifft; die Art und Weise, wie er auf die vielen Menschen zugeht, wie er sie ansieht und welches Ansehen er ihnen damit gibt; wie er sie aufrichtet und ermutigt, wie er sie berührt und an Leib und Seele gesund macht; wie er sie für seine Botschaft begeistert und dabei gerade die an den Rand gedrängten Armen und Kranken an seinen Tisch holt und mit ihnen isst und trinkt. Und nicht zuletzt ist das „Getauft werden“ auch ein Eintauchen in die Welt Jesu heute – in seine Kirche, auch wenn diese mit ihrem Bodenpersonal manchmal alles andere als jesuanisch daherkommt; trotzdem bildet sie die Gemeinschaft all derer, die sich an ihm orientieren, die in seinem Sinn leben wollen und in ihren Gottesdiensten die Erinnerung an ihn wachhalten. Ja, wo wäre denn die Botschaft Jesu geblieben, wenn es diese Kirche nicht gäbe, die sie über all die Jahrhunderte hindurch weitergetragen und erzählt hat?
Und da bin ich am nächsten Punkt. Was ist Christsein denn anderes als Schwimmen zu lernen? Nach Auskunft von Schwimmlehrern bedeutet ja schwimmen zu lernen nicht in erster Linie, die richtigen Bewegungen einzuüben, sondern vielmehr die Angst vor dem Wasser zu verlieren. Übertrage ich das aber auf unser Christsein, dann ist das Wichtigste doch nicht, alle Gebote und alle Kirchengesetze zu kennen und sie einzuhalten, sondern den Worten Jesu Glauben zu schenken: „Fürchte dich nicht!“ Schwimmen lernen heißt dann: sich einzuüben in das Vertrauen, dass wir in unserem Leben getragen und getröstet sind, sowie einen seine Mutter tröstet und umsorgt – auch und gerade dann, wenn einem mal wieder das Wasser bis zum Hals steht; wenn man das Gefühl hat, den Boden unter den Füßen zu verlieren oder einen die Angst überkommt, dass die Wellen über einem zusammenschlagen und man untergeht. Und Schwimmen lernen in der Nachfolge Jesu kann dann auch heißen: sich anzutrainieren auch gegen den Strom zu schwimmen und sich nicht einfach von dem mitreißen zu lassen, was alle denken oder tun, sondern den Mut zu haben, zu eigenen Überzeugungen zu stehen und sie immer wieder neu ins Wort zu bringen.
Wenn ich an den Täufling mit der Taucherbrille denke, dann kann ich auch fragen: Was ist Glauben anderes als Durchblicken? Den Durchblick bewahren bei allem, was tagtäglich auf uns einströmt; den klaren Blick nicht zu verlieren und die Welt mit der Brille des Glaubens anzuschauen. Durchblicken meint auch, in die Tiefe zu sehen und den Dingen auf den Grund zu gehen; hinter all den Situationen, in die wir immer wieder gestellt werden, die Anfrage Gottes an uns zu entdecken. Und nicht zuletzt kann Durchblicken meinen, die Augen offen zu halten und wachzubleiben für all die Rettungsringe, die Gott uns immer wieder zuwirft – gerade dann, wenn wir mal ins Schwimmen kommen oder sich Unsicherheiten in unser Leben einschleichen.
Und ein letzter Gedanke zum Schnorchel: Was ist als getaufter Christ zu leben denn anderes, als Luft zu bekommen? Luft zu bekommen, indem ich mir den Atem Gottes, den Geist Jesu schenken lasse und ich so eine Kraftquelle bekomme, aus der ich leben kann. Das meint dann nämlich auch Luft zu bekommen und frei atmen zu können, wenn uns so manches nach unten zieht und wir das Gefühl haben, in unseren Sorgen und Nöten zu ertrinken. Und Luft bekommen kann dann auch heißen, sich erfüllen zu lassen von der Atmosphäre der Offenheit, der Weite und der Gelassenheit, die Jesus uns allen – Ihnen und mir – vorgelebt hat.
Je länger ich die Karikatur angeschaut und betrachtet habe, diesen kleinen Täufling mit seiner seltsamen Ausrüstung, desto deutlicher ist mir geworden: Mit ein wenig Phantasie und Humor kann ich darin eine Kurzformel unseres Glaubens entdecken. Denn in Schwimmflügeln und Flossen, in Schnorchel und Taucherbrille sehe ich unverbrauchte Symbole für das, was ich mir unter Christsein vorstelle: Ich möchte eintauchen in die Welt Jesu und in die Gemeinschaft aller, die an ihn glauben. Ich möchte schwimmen lernen und immer mehr darauf vertrauen, dass ich in meinem Leben getragen und gehalten bin. Ich möchte durchblicken, meine Welt mit der Brille des Glaubens betrachten und darin die Spuren Gottes entdecken. Und ich möchte Luft bekommen und mich vom Atem, vom Geist Gottes erfüllen lassen.
Ich hoffe, Sie sind noch aufnahmefähig, denn jetzt kommt ein ganz wichtiger Schritt. Denn wenn ich mir das vorhin gehörte Evangelium von der Taufe Jesu noch einmal bildlich vor Augen führe, dann entdecke ich in ihr genau dieselben Elemente: Jesus taucht ein in die Welt der Menschen, in ihre Sorgen und Nöte, und stellt sich deshalb in eine Reihe mit ihnen. Jesus erfährt sich als der von Gott geliebte Sohn – getragen und gehalten, auch wenn ihm die Menschen nachher den Boden unter den Füßen wegziehen. Jesus blickt durch und sieht den geöffneten Himmel; er weiß hinter alle der sichtbaren Wirklichkeit den unsichtbaren Gott am Werk. Und: Jesus bekommt „Luft von oben“, er bekommt den Geist Gottes. Ja, Jesus lässt sich im wahrsten Sinne des Wortes be-geistern und beginnt deshalb, vom Reich Gottes zu erzählen.
Erinnern Sie sich? „Ist das nicht ein wenig übertrieben?“, so fragt der verdutzte Diakon in der Karikatur die Eltern, als er den eigenwillig ausstaffierten Täufling sieht. Ich würde mir als Antwort der Eltern wünschen: „Nein, genau so soll unser Kind durchs Leben gehen – eingetaucht in die Welt Jesu, getragen und gehalten von Gott, mit dem Durchblick auf sein Reich und begeistert von seinem Wort.“ Amen.

Bertram Bolz, Diakon