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D Bolz – Predigt zum Caritas-Sonntag in St. Lioba und St. Aurelius

Predigt zum 25. Sonntag im Jahreskreis 2018 (23.09.) – Caritas
L II: Jak 3, 16 – 4,3 / Ev: Mk 9, 30-37

Schwestern und Brüder!
Die heutige Stelle aus dem Markus-Evangelium gehört wohl zu den Textpassagen, die uns bisweilen schlicht und ergreifend den Kopf schütteln lassen. Was Jesus hier einfordert ist doch weltfremd – oder nicht? Wenn wir dann noch unser eigenes, alltägliches Verhalten und das Erleben unserer Gesellschaft in den Blick nehmen, dann scheint dies unsere Vorbehalte vollends zu bestätigen. Fakt ist doch: Außer hier in den Gottesdiensten, streben wir doch meist nach den vorderen Plätzen, dem so viel gepriesenen “Platz an der Sonne”. Dort zu stehen bedeutet für uns: anerkannt und gefragt zu sein, stark und leistungsfähig in den Augen anderer zu gelten. Ist da die Forderung Jesu, Letzte statt Erste, Diener statt Herren zu sein, nicht nur reines Wunschdenken?
Selbst auf die Jünger lässt sich in dieser Szene des Evangeliums durchaus das alte Sprichwort anwenden: “Unter Christen, menschelt’s halt auch ganz gewaltig.” Während Jesus da von seinem schweren Weg spricht, den er vor sich hat, wenden sich seine Freunde der für sie anscheinend viel spannenderen Frage zu: “Wer von uns ist der Größte?” Wer kommt in der Hierarchie nach Jesu? Und wer von uns hat mehr zu sagen als der andere?” Peinlich, peinlich. Oder will sich da der ein oder andere bereits für die Zeit nach Jesu in Position bringen? Wir wissen es nicht. Aber die Frage muss erlaubt sein: Was ging da im Kreis der Jünger vor sich?
Jetzt dürfen wir allerdings nicht so tun, als wäre dies Verhalten nur ein Problem des Freundeskreises Jesu damals. Nein, an den Fragen: „Wer ist der Größte, wer der Mächtigste, wer hat das Sagen?“, können Parteien, Vereine und Organisationen zerbrechen; können Ehen, Freundschaften und auch Mitarbeiterteams in die Brüche gehen. Also wage ich mal zu behaupten: Wir alle, so wie wir hier sind, können uns in diesem Rangfolgestreit der Jünger durchaus wieder erkennen. Machtstreben und Herrschen über andere, das ist ein Motiv seit Menschengedenken und es betrifft durchgängig alle Lebensbereiche.
Schauen wir einfach mal auf die Kleinsten unter uns, die Kinder, die Jesus heute in die Mitte stellt. Wenn sie untereinander streiten geht es meist um die Frage, wer die oder der große „Bestimmer“ ist: also – wer das Sagen hat. Das setzt sich dann fort übers Erwachsenwerden bis ins hohe Alter. Selbst unter liebenden Ehepaaren kommt es häufig genug zum unterschwelligen Kampf darüber, wer in dieser Beziehung das letzte Wort hat. Und nicht selten kommt es sogar im intimsten Bereich der Liebe, dem Leben und Erleben unserer Sexualität, zu Bevormundungen und Machtkämpfen. Was so für den Familien- und Ehealltag gilt, das trifft natürlich auch auf die große Politik und das Berufsleben zu. Wir wollen “oben” sein, den anscheinend darf sich nur die oder der glücklich preisen, die schlussendlich oben stehen. Die anderen zählen nichts, werden mit Almosen abgespeist oder mitleidig belächelt – vielleicht sogar noch ganz süffisant mit dem Wort Jesu konfrontiert: “Ach ja, die Letzten werden ja auch mal die Ersten sein.”
Unsere Gesellschaft hat sich mit dieser Ordnung abgefunden. Und Jesus? Der sagt, dass es gerade so eben nicht in Ordnung ist. Er stellt unsere geltende Ordnung auf den Kopf und spricht vom “Diener” sein. Er macht deutlich: Wer in den Augen Gottes Erste und Erster sein will, der soll Dienerin und Diener aller sein. Können Sie dem noch folgen? Ja soll das heißen, dass wir uns in seiner Nachfolge alles gefallen lassen müssen? Dass wir immer nachgeben, kein kritisches Wort sagen und den anderen, denen die keine Hemmungen haben, das Feld überlassen sollen? Soll das heißen sich treten und ausnutzen zu lassen und zu allem Unrecht schweigen in der Hoffnung, dass Gott am Ende alles reichlich vergelten wird?
Ich fürchte, dieser Satz ist leider nur allzu oft so verstanden worden. Und ich fürchte weiter, dass er – häufig genug auch von unserer Kirche – dazu miss-braucht worden ist, Menschen klein und schwach zu machen oder zu halten. Nur: Davon steht nichts, aber auch gar nichts im Evangelium! Kann es ja auch nicht, denn „der Letzte von allen sein“ kann nicht bedeuten, dass wir uns unterdrücken und alles gefallen lassen sollen. Schließlich will Jesus von Beginn seiner Verkündigung an eine Gemeinschaft von gleichrangigen Schwestern und Brüdern, auch wenn das in unserer Kirche so leider nicht immer erfahrbar ist. Aber Ranghohe und Rangniedrige, Herren und Knechte, Eminenzen und staubiges Fußvolk, das ist ein Vokabular, das man im Munde Jesu vergeblich sucht. So gesehen kann aber der Ausdruck „Diener oder Dienerin aller sein“ nicht heißen, dass wir andere über uns herrschen lassen sollen. Vielleicht wäre es sogar angebrachter, statt von „Diener oder Dienerin“ eher davon zu sprechen, „für andere da zu sein, andere unterstützen“. Denn jene, die auf unsere Hilfe angewiesen sind und denen wir sehr wohl helfen können, dürfen wir diese Hilfe nicht verweigern. Und da können wir jetzt sehr wohl das Thema des diesjährigen Caritas-Sonntages „Kinderarmut wohnt nebenan!“ in den Blick nehmen.
Ich finde es mehr als erschreckend, dass in Deutschland nahezu jedes 4. Kind an oder unter der Armutsgrenze aufwächst. 1965 war dies noch jedes 75. Kind. In Jugendhilfeprojekten der Caritas ist festzustellen, dass die Eltern dieser Kinder häufig im Niedriglohnsektor arbeiten oder Langzeitarbeitslos sind; Gewalt und Alkohol sind vielfach an der Tagesordnung. Die Kinder sind oft schlecht ernährt, können sich kaum konzentrieren; sie haben deshalb in der Schule Schwierigkeiten und sind weniger gut in Vereinen oder sonstigen sinnvollen Freizeitaktivitäten integriert. Die Kinder leiden darunter, dass ihre Kleidung ärmlich wirkt und sie an Klassenfahrten oder Geburtstagsfeiern nur mitmachen können, wenn andere sie finanziell unterstützen.
Sicherlich: Was diese Kinder nicht brauchen sind Handys, 100 Fernsehprogramme oder gewaltverherrlichende Computerspiele. Was sie brauchen sind vielmehr Zuwendung und Fürsorge; ein stressfreies Zuhause. Sie brauchen Menschen, die ihnen Orientierung bieten und eine Gesellschaft, die sie in ihre Mitte nimmt und ihnen Zukunft ermöglicht. Diese Kinder brauchen uns Christinnen und Christen.
Jesus stellt nicht ohne Grund ein Kind in die Mitte seiner Jünger, als es um die Frage des Herrschens und Dienens ging. So ein Kind ist klein, hilflos und auf andere angewiesen. Wenn ich einem solch kleinen Kind helfen will, dann geht das nicht, ohne dass ich mich dabei bücke, ohne mich klein zu machen oder mich auf Augenhöhe mit ihm zu begeben. Denken wir nur mal an das Schuhe binden: Als Erwachsener mag ich zwar lange Arme haben, aber so weit nach unten reichen sie dann doch nicht. Oder wenn ich ein Kind in den Arm nehmen will: Wer sich da nicht herablässt, wer nicht auf dieselbe Ebene wie das Kind herunterkommt, der kann es auch nicht in die Arme nehmen. Genau das aber will Jesus den Jüngern und uns sagen: Steigt herab und seht euch die Welt einmal mit den Augen derer an, die unten sind, die hilflos, rechtlos und ungeschützt auf die Hilfe anderer angewiesen sind. Schaut euch ihre Situation an und dann dient ihnen. Nicht so, dass ihr sie euch dienlich macht und auch nicht so, dass ihr euch selber klein macht. Nein, stellt euch an die Seite derer, die ohne Ansehen sind und stellt euch gegen all das, was sie zu Letzten der Gesellschaft macht. Denn den Auftrag Gottes – Diener aller zu sein – erfüllen wir nur dann, wenn wir denen unsere Stimme leihen, die keine Stimme in dieser Gesellschaft haben; wenn wir Anwalt derer sind, die sich selbst in dieser Welt nicht helfen können. Wenn wir uns dafür nicht zu schade sind, dann erst sind wir groß in den Augen Gottes. Der heutige Caritas-Sonntag ruft uns das ganz eindringlich in Erinnerung. Amen

Fürbitten:
Herr, Jesus Christus, du hast dich stark gemacht für die Schwachen. Du hast Kranke und Kinder in die Mitte gestellt und uns so gezeigt, wie und was Gott für uns sein möchte. Dich bitten wir:

– Für alle Kinder und Jugendlichen, die niemanden haben, der für ihre Rechte eintritt; für alle Kinder und Jugendlichen, die Hunger leiden und für alle, die sich von Gott und der Welt alleingelassen fühlen. Christus, höre uns.

– Für alle Eltern, die sich mit der Aufgabe und Erziehung ihrer Kinder überfordert fühlen; für alle Erzieherinnen und Erzieher, Lehrerinnen und Lehrer, die Kinder begleiten und fördern; und für alle, die sich für sie stark machen. Christus, höre uns.

– Für alle, die Verantwortung für Kinder tragen in den Behörden und Amtsstuben; für alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der caritativen Arbeit im Verband und den Kirchengemeinden und für alle, die sich dem sozialen Elend vieler Kinder widmen. Christus, höre uns.

– Für alle Kinder und Jugendlichen, die Opfer sexueller Gewalt in unserer Kirche geworden sind; für alle, die als „Nestbeschmutzer“ verleumdet werden, weil sie den sexuellen Missbrauch in unserer Kirche öffentlich machen und für alle, die sich deshalb ausgeschlossen und verstoßen fühlen. Christus, höre uns.

– Für Papst Franziskus und die Bischöfe, die eine besondere Verantwortung in unserer Kirche tragen; für alle, die Menschen auf dem Weg in einen pastoralen Beruf begleiten und Neigungen erkennen müssen und für alle, die sich um Veränderungen hin zu mehr Geschwisterlichkeit in dieser Kirche stark machen. Christus, höre uns.

Herr, du hast die Kleinen und Unmündigen selig gepriesen. In ihnen sollen wir alle das Gesicht und das Wesen Gottes erkennen. So lass uns teilhaben an deiner Liebe zum Vater und zu den Menschen, heute und für die Ewigkeit. Amen.