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6. Sonntag im Jahreskreis – Predigt D. Bolz

Predigt zum 6. Sonntag im Jahreskreis 2019 (17.02.)
Lesung: Jer 17, 5-8 / Evangelium: Lk6, 17.20-26

Schwestern und Brüder!
Ich weiß nicht wie es Ihnen mit diesen heutigen Schrifttexten ergeht, aber mir bereiten sie schon Stirnrunzeln. Da ist einmal in der Lesung die Verheißung des Propheten Jeremia, dass wer sich an Gott halte keine Sorgen mehr habe. Irgendwie mehr als fragwürdig! Denn: Wie mag diese Aussage auf jemanden wirken, der in diesen Tagen trotz guter Wirtschaftslage arbeitslos geworden ist? Dessen Partnerschaft in die Brüche ging? Der mit seiner Rente hinten und vorne nicht hinkommt? Der vor Schmerzen nicht mehr schlafen kann oder am Grab eines geliebten Menschen steht? Von wegen man fühlt sich wie ein Baum, der am Wasser gepflanzt ist. Da ist eben oft kein Wasser angesagt, sondern nur „Wüste“, trockene und dürre Wüste.
Dann das Evangelium. Was hier steht, das passt so gar nicht in diese Zeit. Im Gegenteil: Da wollen die Menschen in den Tagen der Fasnet mal ein klein wenig Abwechslung und Freude in ihrem tristen Alltag erfahren und dann müssen wir Sprüche hören wie: „Weh euch, die ihr jetzt lacht!“ Ja da triumphieren doch nur wieder all diejenigen, die schon immer behauptet haben, dass die Kirche die große Spaßbremse sei, die immer mit erhobenem Zeigefinger daherkomme – frei nach dem Motto: „Alles, was Spaß macht ist entweder Sünde oder macht dick.“
Irgendwie passt das für mich alles nicht so richtig zusammen. Sollte unser Glaube also doch nur eine Vertröstung aufs Jenseits sein? Soll uns hiermit wirklich jede Freude am Leben genommen werden? Das will und kann ich nicht glauben. Denn ich trage immer noch die felsenfeste Überzeugung in mir, dass unser Glaube wirklich jede und jedem von uns zu einem geglückten Leben verhelfen will und dass der Gott Jesu zu uns Menschen nie sagen würde: „Das Leben ist halt ein Jammertal, da kann man nichts machen, da muss man halt durch.“ Nein, so etwas würde Gott nie zu uns sagen! Allerdings bleibt dann eben die Frage im Raum: Was möchten uns Evangelium und Lesung dann mit auf den Weg geben – für uns und unser Leben hier und heute?
Schauen wir auf die erste Seligpreisung und den ersten Weheruf des Evangeliums, denn beide stehen wie eine Überschrift über dem ganzen Text: „Selig, ihr Armen, denn euch gehört das Reich Gottes“ und „Weh euch, die ihr reich seid, denn ihr habt keinen Trost mehr zu erwarten.“ In dieser Seligpreisung und diesem Weheruf steckt für mich der Schlüssel zum Verständnis des Ganzen. Wohlgemerkt hier wird nicht „die Armut“ seliggepriesen und „der Reichtum“ verdammt, sondern es geht um die Menschen, die „arm“ bzw. „reich“ sind. Im Klartext heißt das: Nicht die Armut an sich ist gut und der Reichtum an sich von Übel, sondern es geht um den konkreten Menschen, der dahinter steht. Oder um es mal ins Heute zu holen: Jesus hat sicherlich nicht den als Armen im Visier, der noch nie auf Mallorca war – und arm ist in seinem Sinne auch nicht der, der sich keine Marken-Kleidung kaufen kann oder der beruflich noch nicht da steht, wo er meint stehen zu müssen. Arm ist schon eher der, der am Krankenbett eines Menschen ausharrt und dafür keinen Dank bekommt; wer einen lieben Menschen verloren hat und unter Einsamkeit leidet. Dabei ist mir durchaus bewusst, dass Jesus damals in erster Linie die wirklich „bettelarmen“ seiner Zeit vor Augen gehabt hat; also jene, die materiell nichts aber auch gar nichts hatten und denen deshalb alles andere als zum Lachen zumute war. Heute hätte er wohl eher die Armut im Blick, die Menschen auch heutzutage im wahrsten Sinne des Wortes verhungern lässt: Menschen, die von den Segnungen der modernen Medizin ausgeschlossen sind; die am Rande der Gesellschaft leben und sich nicht eingliedern lassen wollen; Menschen die gezwungen werden im reichen und ach so aufgeschlossenen Europa der Prostitution nachzugehen – unter Gewaltanwendung oder um Überleben zu können.
Andererseits hat Jesus – damals wie heute – auch die ganz konkret Reichen im Blick; jene die im Überfluss leben und die sich keinerlei Gedanken darüber machen, woher ihr Reichtum kommt und auf wessen Kosten er sich tagtäglich vermehrt. Ihnen und all denen gilt sein Wehe-Ruf, die dafür verantwortlich sind, dass andere klein und abhängig gehalten und ihnen jegliche Zukunftsperspektiven genommen werden; diejenigen hat das Evangelium im Blick, die sich den Bauch voll schlagen können, weil sie in ihrem Profit über Leichen gehen und die nicht im Geringsten daran denken, welche Auswirkungen ihr Lebensstil auf andere hat bzw. die sich keinen Deut darum kümmern, welche Nutzen nachfolgende Generationen noch von dieser Erde erwarten dürfen.
Unsere Erkenntnis aus dem Gesagten müsste lauten: Als Christen haben wir die Pflicht, alles zu tun und darauf hinzuwirken, dass die Schere zwischen arm und reich auf dieser Welt und in unserem Land nicht immer noch weiter auseinanderdriftet, sondern eher geschlossen werden kann. Wir sollten deshalb diese Weherufe als Warnschilder für unser Leben sehen. Als Warnschilder die mir sagen: Sei vorsichtig, wenn es dir nur darum geht, dass du dir alles selber geben kannst. Du vergisst dabei, dass du in unzähligen Situationen auf andere angewiesen bist – und du vergisst auch, dass dir oft genug nur Gott helfen kann. Sei vorsichtig, wenn du dich nur vollstopfst mit all dem, was Dir vordergründig Erfüllung bringt. Du bist dann nicht mehr aufnahmefähig für ein Denken und Tun, das dich wirklich erfüllt und dich sinnvoll leben lässt. Sei vorsichtig, wenn es dir nur darum geht, vor anderen immer gut dazustehen, immer der Größte und Beste zu sein. Oft bleibt dabei das Gute und auch die Wahrhaftigkeit auf der Strecke. Sei vorsichtig, wenn es dir nur darum geht, mit einem Lachen durchs Leben zu kommen. Es darf auch Zeiten geben, in denen es Dir zum Heulen zumute ist. Auch das gehört zu unserem Menschsein dazu.
Haben Sie es bemerkt: In jedem dieser Warnschilder steckt ein „nur“. „Wenn es dir nur darauf ankommt…!“ Gleichzeitig ist dies aber auch das Kennzeichen dafür, was mit „reich“ gemeint ist – nämlich voll zu sein, satt, nach nichts mehr bedürftig: Zu reich, um sich was schenken zu lassen; zu reich, um sich der eigenen Unvollkommenheit bewusst zu werden; zu reich, um sich trösten zu lassen. Aus diesem Grund preist Jesus die Armen selig: Weil es Menschen sind, die offen und mit leeren Händen vor anderen und vor Gott stehen können. Die sich ihrer Bedürftigkeit gegenüber anderen bewusst sind und die deshalb den Mitmenschen und auch Gott mit offenen Armen und leeren Händen begegnen, anstatt sich mit einer Faust zu verschließen.
So wünsche ich uns allen, dass wir einerseits – nicht nur zur Fasnetszeit – immer wieder befreit über uns selbst lachen können; und dass wir in diesem Lachen für uns selbst spüren: „Armselig“ sein im Geist des Evangeliums heißt: Die Botschaft Jesu verstanden zu haben. Amen.

Bertram Bolz, Diakon