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6. Sonntag der Osterzeit – Predigt D. Bolz

Lesung I: Apg 15, 1f.22-29 / Evangelium: Joh 14, 23-29

Schwestern und Brüder!
Wo Menschen miteinander leben gibt es immer auch Meinungsverschiedenheiten. Das kennen wir aus der eigenen Familie, dem Beruf oder der Politik. Damit sag‘ ich Ihnen nichts Neues. Spannender ist vielmehr die Frage, wie solche Meinungsverschiedenheiten in aller Regel ausgetragen werden. Und da gibt es doch recht unterschiedliche Vorgehensweisen. In der Politik erleben wir, wie im Zollkrieg der Supermächte Amerika und China mit Macht und Drohung der jeweils andere unter Druck gesetzt wird. Der Sieger kann sich dabei nie sicher fühlen, denn der Unterlegene fängt sofort an darüber nach-zudenken, wie er sich bei nächster Gelegenheit revanchieren kann. Was so für die große Politik gilt, gilt häufig auch für die Streitfragen innerhalb unserer Familien oder Partnerschaften. Wo Lösungen dabei in Siegermentalität gesehen werden, sind die nächsten Konflikte bereits vorprogrammiert. Gemeinsam gefundene Lösungen, die von allen aus Überzeugung mitgetragen werden, die sind allemal besser und von weitaus größerer Dauer.
Nun gibt es auch in unserer Kirche ein gerüttelt Maß an Meinungsverschiedenheiten, Auseinandersetzungen und Streitigkeiten. Nicht wenige sehnen sich deshalb nach der guten alten Zeit zurück, wo man noch wusste, woran man mit der Kirche und dem Glauben war. Die kirchliche Autorität – sprich Rom – entschied Streitpunkte im Alleingang und wer sich nicht beugen wollte, wurde kurzer Hand aus der Kirche verbannt. Dabei hören wir von Jesus im Evangelium nichts dergleichen. Da heißt es nur ganz lapidar: „Der Heilige Geist wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.”
Solch eine Vorgehens- und Sichtweise setzt aber nicht nur einen starken Glauben, sondern auch ein immenses Vertrauen voraus – und beides vermisse ich dort, wo in unserer Kirche nach Art dieser Welt autoritär entschieden wird. Denn da fehlt genau dieses Vertrauen in das Wirken des Heiligen Geistes, welches die Urkirche ausgezeichnet hat. Wer nämlich darauf vertraut, dass der Geist Gottes in der Kirche anwesend ist und ihr hilft, die Wahrheit zu entdecken, der wird wegen allzu progressiver Strömungen genauso wenig kopflos und unbeherrscht wie angesichts von traditionalistischen Unkenrufen.
Vielleicht halten Sie mich mit dieser Sichtweise von Kirche für naiv. Aber ich möchte Sie einladen mal genau hinzuschauen, wie denn die frühe Kirche in Streitsituationen gehandelt hat. Der heutige Lesungstext aus der Apostelgeschichte ist dafür geradezu ein Paradebeispiel. Um was ging es? Die Urkirche stand vor einer solch inneren Zerreißprobe, wie man sie später wohl nur mit den Jahren der beiden großen Kirchenspaltungen in Ost- und Westkirche oder der Reformation vergleichen kann. Es ging um die grundlegende Frage, ob die noch junge Gemeinschaft der Christen eine Sekte des Judentums bleiben oder ob sie sich den Heiden öffnen und so zu einer neuen und weltoffenen Gemeinschaft werden sollte. Diese grundlegende Frage wurde aufgeworfen weil folgendes nicht geregelt war: Können Heiden Christen werden, ohne sich zuvor beschneiden zu lassen und sich dem Gesetz des Mose zu unterwerfen? Es ging also nicht um die Taufe – was man ja noch verstehen könnte – sondern um die Beschneidung und das Gesetz des Mose als Voraussetzung für die Taufe. Für diese alte, jüdische Richtung, standen die Apostel, vor allem Petrus und Jakobus, sowie die Mehrzahl der jüdischen Christen; für die neue Richtung waren vor allem Paulus und viele Jüngere, die von seiner Sichtweise der Botschaft Jesu geprägt waren. Das Problem, weshalb diese Auseinandersetzung so heftig war, war eines, das die Kirche durch ihre ganze zweitausendjährige Geschichte begleitet hat – bis heute:
Zum einen nämlich die besondere Eigenart von uns Christen, so am Gewohnten festzuhalten, dass darüber oft jegliches Gespür für zukunftsweisende Entwicklungen verloren geht und damit auch das Gespür für die Führung des Heiligen Geistes. Hinzu kommt die zweite Versuchung: Wenn Menschen um bewährte Ordnungen Angst haben, dann reagieren sie mit Gesetzen und Vorschriften. Dann legen sie denjenigen, die sie für die eigene Unsicherheit verantwortlich machen, „Lasten“ auf – obwohl sie selbst an diesen Lasten immer wieder gescheitert sind.
Interessant ist auf diesem Hintergrund, dass ausgerechnet Jakobus, den man durchaus als „Bischof“ der judenchristlichen Gemeinde von Jerusalem sehen kann, den zum „Konzil“ Versammelten die Frage stellt: „Warum legt ihr den Jüngern aus dem Heidentum ein Joch auf den Nacken, das weder unsere Väter noch wir tragen konnten? Wir glauben doch, dass wir alle durch die Gnade Jesu gerettet werden.“ Mit diesen Worten bringt Jakobus die Versammlung zu einem nachdenklichen Schweigen und dann zu einer Wende. Paulus und Barnabas finden ein größeres Gehör über das Wirken des Heiligen Geistes unter den Heiden. Und Jakobus erinnert an ähnliche Erfahrungen des Petrus im Hause des Heiden Kornelius.
Auf einmal also wird das „Apostelkonzil“ konstruktiv. Von Beschneidung ist nicht mehr die Rede und an Vorschriften aus dem mosaischen Gesetz wird nur noch festgehalten: die Heidenchristen sollten sich nicht durch das Essen von Götzenopferfleisch verunreinigen; sie sollten Unzucht meiden und weder Ersticktes noch Blut zu sich nehmen. Diese sogenannten „Jakobsklauseln“ sollten ein ungestörtes Zusammenleben von Juden- und Heidenchristen ermöglichen und dieser Kompromiss wurde nicht als Dogma oder Enzyklika verfasst, sondern den jungen Gemeinden in einem Brief mitgeteilt, wie die Lesung berichtet hat.
Vergleichen wir nun diesen Entscheidungsfindungsprozess der Urkirche mit dem, wie heute Entscheidungen in unserer Kirche getroffen werden, dann wünsche ich mir, dass sich unsere Kirche wieder mehr an dieser früheren Praxis orientiert. Sicherlich: Unterschiedliche Ansichten wird es immer wieder geben. Das war damals in Jerusalem ja kein Haar anders. Da flogen auch durchaus mal die sprichwörtlichen „Fetzen“. Aber entscheidend ist doch, dass wir von der Streitkultur jenes Apostelkonzils lernen können. Vielleicht würde es uns ja dann auch gelingen, die festgefahrenen Traditionen z.B. in der Sexualmoral aufzubrechen und sie zu aktualisieren. Vielleicht würde es uns dann auch gelingen, eine neue Sichtweise wiederverheirateter Geschiedener nicht nur immer wieder neu zu diskutieren, sondern sie endlich auch in die Tat umzusetzen. Hilfreich wäre eine solche Streitkultur auch, um gemeinsam mit den evangelischen Kirchen konstruktiv nach Möglichkeiten eines gemeinsamen Abendmahles zu suchen oder wenigstens die „eucharistische Gastfreundschaft“ als etwas Normales zu sehen und zu praktizieren. Eine solche Streitkultur wäre auch hilfreich, um nach neuen Wegen der Priesterberufungen zu suchen und die bislang gültigen Zulassungsvoraussetzungen zu überprüfen. Und eine Streitkultur im Sinne dieses Apostelkonzils würde vielleicht auch endlich dazu führen, ein „ökumenisches Konzil“ aller christlichen Kirchen einzuberufen, bei dem die strittigen Fragen nach dem Amtsverständnis und der Rolle der Frau in großzügigen Kompromissformeln enden könnten.
Die heutige Lesung ist ein Musterbeispiel dafür, wie hochaktuell viele Aussagen der Heiligen Schrift für die Menschen und auch für die Kirche von heute sein können. Es wäre schön, wenn die Amazonassynode im Herbst in Rom und der synodale Weg, den unsere Bischöfe beschlossen und sich auferlegt haben, sich diese Streitkultur zu eigen machen würde, denn dann könnte es auch bald für die Menschen von heute wieder heißen: „Der Heilige Geist und wir haben beschlossen, euch keine weiteren Lasten aufzuerlegen.“ Amen.

Bertram Bolz, Diakon