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5. Fastensonntag – Predigt D. Bolz

Predigt zum 5. Fastensonntag 2019
L I: Jes 43, 16-21 / Ev: Joh 8, 1-11

Schwestern und Brüder!
„Was sagst Du?“ Diese Frage der aufgebrachten Männer an Jesus erfordert eine Antwort – auch heute – und zwar von Ihnen und von mir. Bevor ich Ihnen sage, was mir dabei so durch den Kopf geht, lade ich Sie ein zuerst nochmal auf die Szenerie des Evangeliums zu schauen: Wir sehen einmal die erbosten Pharisäer und Schriftgelehrten, welche die auf frischer Tat ertappte Frau steinigen wollen. Weshalb? Weil es das Gesetz so vorschreibt. Auf der anderen Seite ist die Frau – allein, ohne ihren Ehemann und ohne den Mann, den sie eben noch geliebt hat – aber voller Angst vor dem, was da jetzt auf sie zukommen wird. Und in der Mitte: Jesus. Seelenruhig schreibt er in den Sand, wohl wissend dass sich mit dieser Frage auch sein Schicksal besiegeln kann.
Wenn man eine biblische Erzählung schon oft gehört hat, ist man schnell geneigt nicht mehr genau darauf zu achten, was sie zum Ausdruck bringen möchte. Man weiß es ja bereits. Dabei ist mir dieses Mal ein Wort nicht mehr aus dem Kopf gegangen, welches ich vorher gar nie als bedeutsam angesehen habe. Es ist das Wort: „Geh!“ 3 Buchstaben nur, die aber im Zusammenhang mit der Erzählung eine ungeheure Wirkung entfalten.
So kann ich mir z.B. sehr gut vorstellen, welche Erlösung dieses Wort für die Frau bedeutet hat, als Jesus es aussprach. Sein ganzes Mitgefühl, seine Barmherzigkeit und sein Verständnis schwingen in diesem kleinen Wörtchen mit. So liebevoll wird es wohl nur von jemandem gesagt, der das Beste für mich will: „Geh! Steh auf!“ Kurz zuvor hat die Frau dieses Wort schon mal gehört – aber da hatte es einen ganz anderen Tonfall. Auf frischer Tat ertappt werden diejenigen, die sie steinigen wollten, zu ihr gesagt haben: „Los! Geh! Raus mit dir aus der Stadt! Dir werden wir zeigen, was man mit deinesgleichen macht!“ Auch hier das Wörtchen „Geh“ – doch diesmal voller Verachtung und Verurteilung! Schließlich wurde sie bei Unmoral und Unzucht ertappt. Sowohl vom Gesetz als auch vom moralischen Standpunkt aus, kann das diese ehrenwerte Gesellschaft nicht dulden und deshalb muss die Frau bestraft werden – vom Mann ist dabei nicht die Rede, der wurde ja nur verführt. Sie aber hat das Ansehen der anderen im Ort so beschädigt, dass sie darin keinen Platz mehr hat. Und weshalb? Weil sie – im Gegensatz zu heute – nicht nur eine moralische Schuld auf sich geladen hat – für die kann man sie ja nicht belangen; nein, nach dem Gesetz des Mose hat sie eine Straftat begangen, und diese wird mit der Steinigung geahndet. Also: „Geh! Hinaus mit Dir! Wir werden Dir zeigen, was man mit deinesgleichen macht!“
So sagen Menschen dieses Wort, die – oh nein: nicht über einen besonderen Gerechtigkeitssinn verfügen und auch nicht besonders ehrenwert sind – mitnichten! Nein, diese Menschen sagen das, weil es ihnen äußerst peinlich ist, dass dies von jemandem aus ihrer Mitte publik werden konnte. Die dargestellte Härte und Unbarmherzigkeit der Leute, sagt noch gar nichts über deren eigene Fehlerlosigkeit aus. Und genau das hat Jesus erkannt. Alle hat er sie entlarvt, die da mit Steinen in der Hand um die Frau herumstanden: den Nachbarn, diesen netten, älteren Herrn, der diese junge Frau schon immer gern gesehen und durchs Fenster beobachtet hat und der deshalb brühwarm mitbekam, als sie sich mit dem anderen Mann einließ und den Ehebruch beging; wie gerne wäre er an seiner Stelle gewesen?
Jesus hat auch den Geistlichen durchschaut, den sie dazu gerufen hatten, und der sich auf einmal ganz besonders eifrig zeigte im „Entsetzt sein“; schließlich sagt man ihm nicht zu Unrecht nach, dass er selbst eine Beziehung hat, von der nur niemand etwas erfahren durfte.
Er hat auch den angesehenen Geschäftsmann entlarvt, der mit seinem Stein dastand. Er, der es zu Ansehen und Wohlstand gebracht hatte, weil schon damals Ansehen und Einkommen miteinander Hand in Hand gingen. Und weil er sich den einmal erworbenen Status sichern und durch wirtschaftliche Einbrüche nicht gefährden wollte, fälschte er Bilanzen, hinterzog Steuern, entlohnte
er Billigarbeiter unter Tarif und kürzte Sozialleistungen.
Und auch den netten Familienvater hat Jesus durchschaut; den Mann, den man immer mit seiner Familie spazieren gehen sah – jeden grüßend, und von dem doch niemand wusste, dass er abends seine Frau schlug und seiner pubertierenden Tochter näher kam, als es für sie gut war. Ja – Jesus kannte sie alle, die ihre Steine umklammert hielten, jederzeit bereit damit auf andere zu werfen, weil sie in ihrem Leben schon öfter über Leichen gegangen waren.
Sie alle trieben diese Frau nicht deshalb vor die Stadt, weil sie davon überzeugt gewesen wären, dass sie eine Straftat begangen hat. Nein, sie trieben sie hinaus, um hinter dieser Härte ihre eigenen Unzulänglichkeiten zu verbergen. Wer seinen Heiligenschein eben nur durch „schein-heilig“ sein erlangt, der kann es sich nun mal nicht leisten barmherzig zu sein, sondern der muss mit aller Härte sagen: „Geh weg! Fort mit dir!“ Die Gefahr nicht mehr länger verbergen zu können, was man bislang so sorgsam verschlossen hielt, diese Gefahr ist dadurch viel zu groß.
Und wie würden wir jetzt heute dieses Wörtchen „Geh“ gegenüber der Frau aussprechen? Wie sehen wir moralische Schuld bei anderen? Steine wirft heute niemand mehr – Gott-sei’s-gedankt. Aber sind die Blicke, die wir manchmal so um uns werfen wirklich so viel anders, so viel besser? Verletzen nicht auch die Zeigefinger, mit denen wir auf die deuten, die eben ihr Scheitern, ihre moralische Schuld nicht mehr verbergen können? Nein – steinigen tun wir nicht mehr – aber verurteilen im Sinne von: „Geh! Geh besser weg von uns!“, das tun wir schon. Und selbst wenn wir es nicht offen aussprechen, so spürt doch der oder diejenige, welche es betrifft, ganz deutlich, dass es besser ist, sich eben bei uns nicht mehr sehen zu lassen.
So lange unser Denken geprägt ist von: Hauptsache von mir kommt nichts raus; Hauptsache ich kann in dieser Gesellschaft bestehen – und solange unsere Kirche oft so tut, als wäre alles Friede, Freude, Eierkuchen und Fehler und Vergehen werden verschwiegen oder unter Verschluss gehalten – solange dies so ist, solange dürfen wir uns nicht wundern, dass all diejenigen, die Jesus damals gerufen hat, all jene, die in ihrem Leben schon einmal gescheitert sind, dass sich all diese Menschen in unserer Kirche und in unseren Gemeinschaften so wenig beheimatet und angenommen fühlen.
Deshalb ruft uns dieses Evangelium in Erinnerung, dass wir zumindest bei moralischer Schuld, das „Geh“ eben anders aussprechen sollen – vielleicht so, wie wir es bei den Eltern oder Großeltern erlebt haben; „Komm her!“ oder wie die Bayern sagen: „Geh her!“ Ja, geht her – Komm zu uns!“ Genau das, möchte ich allen Wiederverheirateten, allen Alleinerziehenden, allen an den Rand gedrängten und jenen zurufen, die in ihrem Leben schon einmal das Scheitern erlebt haben. „Geh her! Komm zu uns! Hier kannst du dich geborgen fühlen, hier findest du Menschen, die dir zur Seite stehen. Wir sind nicht die Gerechten der letzten Tage, sondern eine Gemeinschaft von Frauen und Männern, die auch ihre Fehler, ihre Schuld haben und zu ihrem Versagen stehen. Aber weil wir wissen, dass Gott uns nicht fallen lässt, deshalb lassen auch wir Dich nicht fallen, sondern halten und stützen dich.“ Ja, so müsste unsere Gemeinschaft mit moralischer Schuld umgehen, dann wären wir nicht nur eine Alternative für die betroffenen Menschen, sondern wir würden Jesus selbst beim Wort nehmen.

Bertram Bolz, Diakon