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4. Sonntag der Osterzeit – Predigt D. Bolz

Predigt zum 4. Sonntag der Osterzeit 2019
2. Lesung: Offb 7, 9.14b-17 / Evangelium: Joh 10, 27-30

Schwestern und Brüder!
Helmut Schmidt sagte einmal als Bundeskanzler forsch und knackig: „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen!“ Mit diesem Satz wollte er nicht nur Träumer und Spinner auf den Boden der Realität holen, sondern auch all jene aufrütteln und zur Vernunft bringen, die sich gerne in eine Scheinwelt flüchten oder Tagträumen und Luftschlössern nachhängen.
Nun sind die Visionen, die wir im letzten Buch der Bibel – der Offenbarung des Johannes – lesen und hören alles andere als abgehobene Fantasien oder Halluzinationen. In dem Text, den wir gerade als Lesung gehört haben, da malt der Seher von Patmos (wie er auch genannt wird) Hoffnungsbilder für die verfolgten Christen seiner Zeit. Er, der mit beiden Beinen auf dem Boden der Realität steht, will weiterdenken und auch wir können heute von ihm überrascht werden, wenn wir versuchen, seine Botschaft für unsere Zeit zu entschlüsseln.
Auf den ersten Blick ist es ein ungewöhnliches Bild mit vielen Andeutungen und Symbolworten, das er hier beschreibt. Der Thron ist dabei ein Hinweis auf Gott; das Lamm steht für Jesus Christus und die Ältesten sind die, die in die Geheimnisse Gottes eingeweiht dem Seher helfen, seine Wahrnehmungen zu deuten. Dies ist als Hintergrundinformation zum besseren Verständnis des Textes wichtig, bei dem für mich bei genauerem Hinsehen drei Leitbilder für unsere Kirche erkennbar wurden, die ich Ihnen gerne etwas näherbringen möchte:
Johannes sieht einmal eine Kirche, die sich gewaschen hat. Eine große Schar aus allen Völkern und Sprachen steht um den Thron und alle haben sie ihre Gewänder gewaschen und im Blut des Lammes weiß gemacht. Übersetzt heißt das für mich: Alle sind getauft – und zwar so, wie wir es in der Osterzeit immer wieder singen: „Wir sind getauft auf Christi Tod.“ Dafür steht das Blut des Lammes. Die weißen Kleider – bis heute ein wichtiges Zeichen bei der Taufe – signalisieren dabei den neuen Start in ein befreites Leben, welches wir dem Tod und der Auferstehung Jesu verdanken.
Eine Kirche, die sich gewaschen hat: Johannes motiviert also die Christen seiner Zeit, sich immer wieder an ihre Taufe und an ihr Taufversprechen zu erinnern. Sie sollen darauf vertrauen, dass sie am Ende stärker sein werden als die, die ihnen momentan das Leben schwer machen. Zeichen des Sieges sind dabei die Palmzweige, die sie in ihren Händen tragen.
Dann sieht Johannes eine Kirche, die den Dienstweg einhält. Dazu schreibt er: „Sie stehen vor dem Thron Gottes und dienen ihm bei Tag und Nacht … und der, der auf dem Thron sitzt, wird sein Zelt über ihnen aufschlagen“. Nun heißt Gott dienen immer auch, dem Nächsten zu dienen; im anderen Menschen das Geschöpf Gottes sehen, das meine Hilfe braucht. Und das Zelt ist das Sinnbild dafür, dass für uns Christen nicht die Kirche aus Steinen das wahre Zuhause ist, sondern der Weg. Auf dem Weg sein im Dienst an Gott und der Welt – Zeit unseres Lebens. Eine Kirche, die den Dienstweg einhält – damit motiviert Johannes die Christen seiner Zeit, trotz Bedrängnis und Not den Weg des Dienens und der Menschlichkeit zu gehen – in Hilfsbereitschaft zu jeder und jedem, die ihnen begegnen.
Und schließlich sieht Johannes eine Kirche, die an der Quelle sitzt. Wie schreibt er: „Denn das Lamm in der Mitte vor dem Thron wird sie weiden und zu den Quellen führen, aus denen das Wasser des Lebens strömt.“ Das Bekenntnis zu Jesus Christus ist für ihn also die Quelle, die wie frisches Wasser auf die wirkt, die müde werden oder eine Durststrecke zu bewältigen haben. Mit dem Bild der Kirche, die an der Quelle sitzt motiviert Johannes in meinen Augen die christliche Gemeinden, sich immer wieder aus erster Hand – also von Jesus Christus selbst – Trost und Hoffnung schenken zu lassen; sich von ihm zeigen zu lassen, wie man auch trotz oder in Anfeindungen aufrichtig und geradlinig leben kann. Das Lied „Bei dir Herr ist des Lebens Quell“ unterstreicht für mich diese Vision des Johannes.
Drei Kirchenbilder in der Johannes-Offenbarung, welche die Christen damals motivieren sollten, an ihrem Glauben festzuhalten. Und heute? Könnten uns diese Bilder heute nicht auch eine Hilfe dergestalt sein, dass wir überprüfen, wohin sich unsere Kirche entwickelt? Was aus ihren Anfängen geworden ist und ob sie dem noch auf der Spur ist, was Christus selbst in ihr Grund gelegt hat?
Wenn ich eine solche Überprüfung tatsächlich vornehmen möchte, dann muss ich fragen: Sind wir eine Kirche, die sich gewaschen hat? Oder anders ausgedrückt: Erneuern wir nur in der Osternacht unser Taufversprechen oder geben im sonntäglichen Credo kund, dass wir glauben – oder spürt und sieht man uns an, dass wir auch sonst als Getaufte leben; dass wir – wie es in der Tauffeier mit dem weißen Taufkleid zum Ausdruck kommt – Christus angezogen haben wie ein Gewand und so einen hautnahen Kontakt zu ihm haben? Dass wir aufgeweckte und wache Christen sind, weil wir tagtäglich unsere Frische und Lebendigkeit aus diesem, unserem Glauben beziehen? Und in diesem Glauben leben wir unseren Alltag so, dass andere spüren und erkennen: Hier ist ein Christ, eine Christin am Werk.
Dann sollten wir uns weiter fragen: Sind wir eine Kirche die den Dienstweg einhält? Damit meine ich jetzt nicht, dass wir penibel und ängstlich darauf bedacht sind, ja keinem auf den sprichwörtlichen Schlips oder besser gesagt Römerkragen zu treten, sondern vielmehr: Ist das Dienen unser Markenzeichen? Klerikalismus ist hier im Sinne Jesu genauso wenig gefragt wie „Möchte-Gern-Amtsträger oder Amtsträgerinnen“ die einfach nur gerne Macht und Herrschaft – ja sogar heilige Herrschaft – sprich: „Hierarchie“ – an den Tag legen bzw. legen wollen. Wie sagte der von Papst Johannes Paul II. suspendierte und auf den Titularsitz von Partenia verbannte Bischof von Evraux – Jaques Gaillot – einmal sehr treffend: „Eine Kirche die nicht dient, dient zu nichts!“ Ein Wortspiel – sicher. Aber es bringt sehr genau auf den Punkt, was Kirche, was wir – Sie und ich – in dieser Zeit sein sollen.
Und nicht zuletzt sollten wir uns fragen: Sind wir eine Kirche, die an der Quelle sitzt? Oder anders gesagt: Fragen wir immer wieder zurück nach dem, was Jesus damals gesagt und getan hat? Oder lassen wir uns durch Traditionen und Gewohnheiten den Blick auf das versperren, was notwendig ist? Ist uns bewusst, dass wie Jesus damals Frauen und Männer in seinen Dienst gestellt hat, eben auch heute Frauen und Männer als Kirchengemeinderäte gemeinsam mit dem Pfarrer und dem Pastoralteam sich verantwortlich zeichnen für das, was in einer Gemeinde geschieht und welche Ziele sie sich setzt? Tragen wir alle Sorge dafür, dass diese Rätinnen und Räte ihre Aufgaben verwirklichen können und dass Ihr und unser aller Maßstab dabei das Evangelium Jesu Christi ist, oder schielen wir ständig nur darauf, was laut kirchlichem Gesetzbuch möglich und erlaubt ist? Ja, orientieren wir uns als Seelsorgeeinheit, als Gemeinde, Gruppe in ihr oder auch als Einzelne an der Freiheit, die Jesus vorgelebt hat – oder klammern wir uns immer wieder nur ängstlich an kleinliche Vorschriften?
Eine Kirche, die sich in diesem Sinne gewaschen hat, die den Dienstweg einhält und die an der Quelle sitzt – wer solche Visionen hat, der braucht keinen Arzt. Der oder die könnte vielmehr versuchen, diese Visionen zu leben und andere dafür zu begeistern. Denn: Noch schöner als Visionen zu haben ist, sie tatsächlich zu verwirklichen. Amen.

Bertram Bolz, Diakon