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4. Fastensonntag – Predigt D. Bolz

Predigt zum 4. Fastensonntag 2019 (31.03.)
L II: 2 Kor 5, 17-21 / Ev: Lk 15, 1-,11-32

Schwestern und Brüder!
Ob sich die beiden grundverschiedenen Söhne nach diesem Appell des Vaters noch getroffen haben? Wir wissen es nicht. Das bleibt in der Erzählung Jesu genauso offen wie das Ende des geschilderten Tages. Da Jesus dieses Gleichnis aber so leidenschaftlich erzählt, gibt es in meinen Augen viele Punkte, die man beachten kann und wohl auch beachten muss. Zunächst sehe ich zwei Männer: Der eine – kurz zuvor noch zerlumpt und heruntergekommen heimgekehrt – steht da in strahlendem Gewand und Siegelring am Finger – der andere, verschwitzt und müde nach einem langen Arbeitstag traut seinen Augen nicht. Nicht einmal gerufen hat man ihn. Wenn er die Musik nicht gehört hätte…
Zwischen beiden steht der Vater. Dem heimkehrenden Sohn läuft er entgegen, schließt ihn in die Arme und richtet ein Fest aus. Ob dem Vater bewusst ist, wie tief sein Sohn gefallen war? Bei den Schweinen ist er gelandet – ausgerechnet. Frommen jüdischen Ohren dreht sich da der Magen um. Tiefer geht’s überhaupt nicht. Das Erbe – längst verprasst. Nichts was bleiben könnte; nichts was einer Erinnerung wert wäre.
Der ältere Bruder dagegen! Fleißig, strebsam, engagiert und bodenständig. Ein „guter“ Sohn, bei dem alles in besten Händen ist. Aber wie ich das so sage, kommt mir in den Sinn: Woher weiß ich das denn? Fakt ist einzig und allein: Ich sehe den Vater werben – für den Bruder, der tot war und wieder lebt, der verloren war und wieder gefunden wurde. Es ist die Einladung sich mitzufreuen – mehr nicht. Doch die Geschichte bricht hier ab. Wie lange die Musik wohl noch spielte? Ob sich die Brüder getroffen haben? Beim Fest – oder später unter vier Augen?
Mich hat diese Geschichte seit jeher fasziniert, weil ich in Gesprächen oft feststelle, dass diese Frage nach Gut und Böse, nach Strafe oder Barmherzigkeit uns Menschen sogar über den Tod hinaus beschäftigt. Das glauben Sie nicht? Dann rufen wir uns doch einfach mal all die drastischen Bilder in Erinnerung, die Künstler genau darüber angefertigt haben, was uns im Tod erwartet. Da werden die Vorstellungen von dem, was wir als Jüngstes Gericht bezeichnen, doch sehr konkret. Dieses Gericht, so unser Glaube, kommt auf uns alle am Ende unseres irdischen Lebens zu und zwar mit einer klaren Ordnung: Da gibt es einmal den Himmel und einmal die Hölle. In den Himmel kommen dabei die Guten, die mit dem ewigen Leben belohnt werden und in die die Hölle jene, die mit ewigen Qualen bestraft werden. Tja, und die nicht ganz so Bösen, für die wird eine Hintertür offen gehalten, die wir Fegefeuer nennen und die die Chance beinhaltet, dass sich der Himmel vielleicht doch noch irgendwann auftut.
Diese klare Vorstellung vom Ende ist von unseren irdischen Lebenserfahrungen nicht zu trennen. Und da sind wir wieder beim Evangelium und bei vielen Situationen, die wir heutzutage erleben und erfahren müssen. Da hören wir in den Nachrichten, wie Jugendliche eine alte Rentnerin überfallen; wir hören vom Missbrauch an Kindern und Jugendlichen in Einrichtungen oder durch Geistliche unserer Kirche; wir hören von Eltern, die ihr Kind verhungern ließen, von Terroristen, die einen Bombenanschlag verübten usw. Nachrichten, die uns immer wieder aufschrecken lassen. Und bei uns selbst? Da erlebt doch auch der ein oder die andere, dass sie manchmal von Menschen umgeben sind, die es ganz offensichtlich auch nicht sonderlich gut mit ihnen meinen. Da wird der Familienvater am Arbeitsplatz gemobbt; da verbreitet der Nachbar oder die Nachbarin böse Gerüchte; wird dem Kollegen der Erfolg nicht gegönnt oder spannt die beste Freundin ohne schlechtes Gewissen den eigenen Ehemann aus.
Solche unmittelbaren Erfahrungen hinterlassen Verwundungen, die nur sehr langsam und mühsam heilen. Deshalb können wir aber auch den älteren Sohn im Evangelium nicht nur verstehen, nein wir teilen häufig seine Sichtweise, dass die in unseren Augen „Bösen“ doch nicht ungeschoren davonkommen dürfen. Besonders für jene, die unter diesen „Bösen“ zu leiden haben, ist die Vorstellung fast unerträglich, dass die Verursacher nicht nur in diesem Leben, sonder vielleicht sogar am Ende – im Jenseits – ungestraft bleiben. Wer Unrecht erleidet, wer unterdrückt und missbraucht wird, der hofft einfach darauf, dass Gott richtet und für Gerechtigkeit sorgen wird. Wenn schon nicht jetzt, dann wenigstens am Ende – im Tod!
Geben wir ruhig zu: Dass es anders sein könnte, können wir kaum ertragen. Wenn sich Gottes Gericht am Ende des Lebens über die guten und bösen Taten der Menschen hinwegsetzen würde, dann hätte doch auch unsere irdische Geschichte keinerlei Bedeutung. Was aber nützt es dann noch, dass ich mich um ein rechtschaffenes Leben bemühe, während die anderen auf Teufel komm raus leben?
Lassen Sie mich drei Denkanstöße benennen, die in diesem Zusammenhang hilfreich sein können. Der erste betrifft die Frage nach unserem Gottesbild. Da fordere ich am Ende der Tage für die anderen, die Böses getan haben, Gerechtigkeit ein. Für mich selbst aber, der ich ja auch Unrecht begangen habe, wünsche ich mir Barmherzigkeit. Doch was ist das dann für ein Gott? Die anderen, die in meinen Augen „Bösen“, soll er nach ihrer Schuld richten; mir jedoch wendet er sich gnädig zu, schenkt mir Vergebung und schaut nur auf das, was in meinem Leben gelungen ist?
Der zweite Denkanstoß stellt die Vorstellung von Gott auch noch von einer anderen Seite in Frage. Was ist das für ein Gott, der seinen Geschöpfen – wegen ihrer Verfehlungen – nicht enden wollende Qualen in der Hölle bereit hält? Kann eine Kirche, die sich ganz entschieden für die Abschaffung der Folter und der Todesstrafe stark macht, gleichzeitig ein ewiges Leidenmüssen in Aussicht stellen? Gott kann doch nicht barmherzig sein und gleichzeitig die Züge eines Henkers an sich haben. Dies zu denken widerstrebt mir zutiefst.
Der letzte Denkanstoß geht der Frage nach: Gibt es denn überhaupt die nur Guten oder die nur Bösen? Sicherlich: Vielleicht mag es in unseren Augen Menschen in der Geschichte gegeben haben, die wir so einteilen würden. Aber wenn wir jetzt mal von uns aus gehen, müssen wir dann nicht fragen: Tun die Guten wirklich nur Gutes und die Bösen nur Böses? Ich mache doch auch die Erfahrung, dass ich mich zwar um das Gute bemühe; aber dennoch will es mir nicht immer gelingen. Oder ich versuche nach Kräften, Böses zu verhindern und scheitere kläglich damit.
Also muss ich festhalten: Ich selbst kann mich nicht eindeutig als ausschließlich guten oder bösen Menschen bestimmen. Und doch erwarte ich von Gott für die Gegenwart und für die Zukunft Barmherzigkeit. Wenn ich das nun auf mich münze, dann muss ich doch aber auch sagen: Bei meinen Mitmenschen ist das doch kein Haar anders. Da sind die vermeintlich Bösen gelegentlich auch gut und die vermeintlich Guten sind von Fehlverhalten nicht frei. Deshalb ist das heutige Evangelium meine ganze Hoffnung, dass Gott unser kleinliches Aufrechnen durchbricht, unsere oft ach so missgünstige Haltung gegenüber den anderen. Die Angst, selbst zu kurz zu kommen, verhindert nämlich oftmals – ähnlich wie beim daheimgeblieben Sohn – dass die Botschaft von der Güte Gottes tatsächlich mein Herz erreicht.
So ist diese Frohbotschaft des heutigen Tages Zuspruch und Anspruch zugleich – für uns, wie für unsere Kirche. Wie sagte Mark Twain einmal: „Mir bereiten nicht die unverständlichen Bibelstellen Bauchschmerzen, sondern die, die ich durchaus verstehe.“ Ich glaube, wenn er recht hat, dann müssten wir jetzt alle ein wenig Bauchweh bekommen, weil wir diese Geschichte sehr gut verstehen, aber weil uns der erste Schritt oft nicht gelingt und uns das Zugehen auf andere oft so schwerfällt. Es spricht ja nicht unbedingt für einen Gottesdienst, wenn man mit einem leichten Ziehen im Magen die Kirche wieder verlässt. Aber heute würde ich mir mal ausnahmsweise wünschen, dass wir alle mit ein wenig Bauschmerzen von hier weggehen, denn dann wüsste ich, dass dieses Evangelium in jeder und jedem von uns noch ein wenig rumort. Amen.

Bertram Bolz, Diakon